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30.7.2007 | Von:
Dirk Loerwald

Ökonomische Bildung für bildungsferne Milieus

Bildungsferne als Konsumenten

Die Handlungsspielräume für Individuen in der modernen Gesellschaft wachsen. Eine solche, grundsätzlich positiv besetzte Optionenvielfalt verlangt vom Einzelnen vermehrt selbständige und individuell rationale Entscheidungen. Aufgrund der Komplexität moderner Gesellschaften und der allgegenwärtigen Informationsasymmetrien sind solche Entscheidungen stets mit Risiken verbunden. Die (ökonomischen) Alltagsrisiken sind für alle Bürgerinnen und Bürger spürbar, und die Unsicherheiten wachsen.

In ihrer Rolle als Konsumenten werden nicht nur die Bildungsfernen täglich unsicheren Entscheidungssituationen ausgesetzt. Eine zentrale Ursache für die prekäre Lage, in der sich die bildungsferne Unterschicht befindet, ist - wie oben dargestellt - ein niedriges Einkommen bei gleichzeitig ausgeprägtem Bedürfnis nach Konsum. Die Gefahr unreflektierter und folgenreicher Konsumentscheidungen ist im bildungsfernen Prekariat besonders hoch. Hier kann ökonomische Bildung helfen, denn der Umgang mit Unsicherheiten verlangt vom Einzelnen ökonomische Handlungskompetenz. Nur wer in Entscheidungssituationen in der Lage ist, sich über Alternativen zu informieren und diese zu bewerten, kann individuell rationale Entscheidungen treffen.

Damit ist ein erster wichtiger Beitrag der ökonomischen Bildung für die bildungsfernen Milieus beschrieben, der mit dem Stichwort Verbraucherbildung gefasst werden kann. Ökonomische Bildung kann die strukturellen Ursachen moderner Konsumrisiken offen legen und Lösungsansätze beschreiben. Exemplarisch: Die Bildungsfernen sind im Konsumalltag finanziellen, qualitativen und ökologischen Kaufrisiken ausgesetzt. Das Erkennen solcher Risiken und die Einschätzung ihrer Höhe werden durch Informationsasymmetrien zwischen Verkäufern und Käufern erschwert. So können die Anbieter etwa die Qualität ihrer Ware viel zuverlässiger einschätzen als die Nachfrager. In solchen Situationen müssen die Konsumenten den Produzenten Vertrauen schenken. In anonymen Tauschprozessen birgt dies aber die Gefahr, dass die schlechter informierte Seite "abgezockt" wird. Solche mit dem Stichwort "Vertrauensguteigenschaften" belegten Probleme lassen sich nur durch institutionelle Regelungen (z.B. Gütesiegel) beheben. Die Bildungsfernen müssen als Konsumenten in die Lage versetzt werden, Güter mit hohen Vertrauensguteigenschaften zu identifizieren und institutionelle Lösungsmöglichkeiten für das Problem der Informationsasymmetrien zu erkennen (z.B. durch Käuferbewertungen bei Ebay oder Mitteilungen der Stiftung Warentest).

Die Folgen unreflektierter Konsumentscheidungen sind häufig finanzielle Probleme, die sich in Ver- und Überschuldung äußern. Über drei Millionen Haushalte in Deutschland können ihre Rechnungen und Zahlungsverpflichtungen nicht mehr aus dem eigenen Einkommen und Vermögen begleichen.[18] Aufgrund der prekären Einkommenssituation, in der sich die Bildungsfernen befinden, geraten sie vergleichsweise häufig in finanzielle Problemsituationen.

Mit der finanziellen Allgemeinbildung ist dementsprechend ein zweiter, für bildungsferne Milieus relevanter Beitrag der ökonomischen Bildung beschrieben. Finanzielle Allgemeinbildung kann nicht nur helfen, finanzielle Probleme zu lösen, sie kann auch bereits in frühen Lebensphasen Chancen für eine erfolgreiche finanzielle Zukunftsplanung aufzeigen. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der damit verbundenen Erweiterung der sozialen Sicherungssysteme um kapitalgedeckte Verfahren kommt einer frühzeitigen Finanzplanung wachsende Bedeutung zu. Wichtig erscheint, dass die finanzielle Allgemeinbildung als Anliegen der ökonomischen Bildung verstanden wird. Nur dann hat sie realistische Chancen, im deutschen Bildungssystem Fuß zu fassen,[19] und nur dann können über Einzelprobleme hinaus die strukturellen Ursachen finanzieller Problemsituationen in den Blick geraten. Wiederum exemplarisch: Eine Ursache für Ver- und Überschuldung sind unbedachte Geldanlageentscheidungen. Der Wunschtraum aller Anleger ist eine Geldanlage mit maximaler Rendite, minimalem Risiko und kontinuierlicher Verfügbarkeit über das angelegte Vermögen. Eine solche Geldanlage kann es aber nicht geben. So geht eine hohe Rendite stets mit einem hohen Risiko einher; ein hohes Maß an Liquidität bedingt eine geringe Rendite. Das Wissen um diese Zusammenhänge kann davor bewahren, unseriösen Angeboten auf den Leim zu gehen. Auch wenn oder gerade weil dem bildungsfernen Prekariat nur wenig Vermögen zur Verfügung steht, ist ein solches Wissen bedeutsam.

Fußnoten

18.
Vgl. Schuldenreport 2006. Schriftenreihe des Bundesverbands der Verbraucherzentralen zur Verbraucherpolitik, Bd. 7, Berlin 2006.
19.
Vgl. Hans Kaminski u.a., Finanzielle Allgemeinbildung. Unterrichtseinheit im Rahmen des Projektes "Handelsblatt macht Schule", Düsseldorf 2006, S. 12.