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30.7.2007 | Von:
Dirk Loerwald

Ökonomische Bildung für bildungsferne Milieus

Bildungsferne als (potenzielle) Erwerbstätige

Neben dem Bereich der Einkommensverwendung ist die Einkommensentstehung ein relevanter ökonomischer Lebensbereich.[20] Im Rahmen schulischer Bildungsprozesse stehen hier vor allem makroökonomische Themen auf dem Lehrplan, etwa die gesellschaftlichen Ursachen von Arbeitslosigkeit, die arbeitsmarktpolitischen Ziele der Bundesregierung oder die Wirkungsweise von staatlichen Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt. Im Kontext bildungsferner Milieus ist ihre prekäre berufliche Situation zu berücksichtigen.

Bildungsdefizite des Prekariats führen in der Arbeitswelt nicht selten zu Niedriglohnarbeit oder Arbeitslosigkeit. Ihnen die gesamtgesellschaftlichen Ursachen von Arbeitslosigkeit näher bringen zu wollen, könnte leicht als Verhöhnung wahrgenommen werden. Mit Blick auf die berufliche Lebenssituation der Bildungsfernen muss ökonomische Bildung als Chance verstanden werden, individuelle Lebens- und Berufspläne zu realisieren.[21]

Arbeitgeberverbände beklagen schon seit langem das fehlende Wirtschaftswissen der nachwachsenden Generation.[22] Ökonomische Bildung kann als intellektuelle Ressource bezeichnet werden, die von Arbeitgebern nachgefragt wird. Bildungsferne können ihre Berufsaussichten erweitern und ihre Beschäftigungschancen steigern, wenn sie Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge vorweisen können. Besonders relevant erscheint ein Wissen über die Funktionsweise der modernen Arbeitswelt. Berufe werden heute nicht mehr von einer Generation zur nächsten weitergegeben, und auch die lebenslange Ausübung eines Berufes in einem Unternehmen wird zunehmend seltener.[23] Dies bietet die Chance, ein breiteres Spektrum eigener Interessen im Beruf verwirklichen zu können, verschärft aber auch aus Sicht der Betroffenen die Notwendigkeit, intensiv an der eigenen Berufsbiographie zu arbeiten. Berufliche Laufbahnen sind nicht mehr auf lange Frist planbar, sondern verlangen nach Flexibilität und Mobilität. Ökonomische Bildung kann den Bildungsfernen helfen, die Funktionsweise der modernen Arbeitswelt zu verstehen und kompetent auf Veränderungen und neue Herausforderungen zu reagieren.

Die Veränderungen der Arbeitswelt stellen neue Herausforderungen an die individuelle Berufswahlvorbereitung. Die Probleme des Prekariats fangen dabei oft schon bei der Jobsuche und der Bewerbung an. Es stellen sich pragmatische Fragen wie: Was sind die Grundlagen einer formal korrekten Bewerbung? Welche Informationsquellen über Stellenangebote gibt es? Wie geht man mit Absagen um? Berufswahlvorbereitung für das bildungsferne Prekariat steht darüber hinaus vor dem besonderen Problem, dass die Realität den Bildungsfernen kaum Wahlmöglichkeiten bietet. Hier müssen zusätzlich zur Berufswahlvorbereitung auch Möglichkeiten für Berufsanfänger mit schlechten Startchancen aufgezeigt werden.[24] Ökonomische Bildung kann helfen, die Chancen auf eine selbstbestimmte Berufswahl und die Wahrscheinlichkeit des Eintritts ins Berufsleben zu verbessern. Neue Chancen in der Erwerbsarbeit können wiederum ein Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg sein.[25]

Fußnoten

20.
Vgl. Bodo Steinmann, Das Konzept "Qualifizierung für Lebenssituationen" im Rahmen der ökonomischen Bildung heute, in: Klaus-Peter Kruber (Hrsg.), Konzeptionelle Ansätze ökonomischer Bildung, Bergisch Gladbach 1997, S. 1 - 22.
21.
Vgl. Günther Seeber, Ökonomische Bildung in der Schule - Notwendigkeit und Handlungsbedarfe. Diskussionspapier der Wissenschaftlichen Hochschule Lahr, 7 (2006), S. 12.
22.
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände forderte 1998 in einem Memorandum "Mehr ökonomische Bildung in der Schule" und zwei Jahre später gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund und weiteren Verbänden "Wirtschaft - notwendig für schulische Allgemeinbildung". In einer von der Commerzbank-Initiative "Unternehmerperspektiven" durchgeführten Studie beklagten 82 Prozent der 4001 befragten mittelständischen Unternehmen ein mangelndes Verständnis der Öffentlichkeit für wirtschaftliche Zusammenhänge.
23.
Vgl. ausführlich Rainer Dombois, Der schwierige Abschied vom Normalarbeitsverhältnis, in: APuZ, (1999) 37, S. 13 - 20.
24.
Vgl. Beatrix Niemeyer, Begrenzte Auswahl - Berufliche Orientierung für Jugendliche mit schlechten Startchancen, in: Jörg Schudy (Hrsg.), Berufsorientierung in der Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele, Bad Heilbrunn 2002, S. 207 - 220.
25.
Vgl. G. Seeber (Anm. 21), S. 13.