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24.7.2007 | Von:
Philipp Schwenke

"Das wird man ja wohl noch sagen
dürfen ..." - Essay

Ein latenter Antisemitismus ist in Europa weit verbreitet. Wer sich gegen ihn wehren will, muss ihn erkennen können. Das ist nicht immer leicht, denn es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, was Antisemitismus eigentlich ist.

Einleitung

Wie antisemitisch ist Deutschland, knapp 63 Jahre, nachdem das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde? Ein paar Zahlen vom Bundeskriminalamt: Im Jahr 2006 wurde elfmal ein jüdischer Friedhof geschändet, 79 Mal wurden Denkmäler beschmiert und Synagogen besudelt. 16 Mal ermittelte die Polizei wegen Nötigung und Bedrohung, 1 105 Mal wegen Volksverhetzung, zum Beispiel wegen der in rechten Kreisen populären Behauptung, den Holocaust hätte es nie gegeben. Die Zahl der registrierten antisemitischen Straftaten ging insgesamt ganz leicht zurück - 1 636 statt 1 658 im Vorjahr.






Ist das viel? "Es ist natürlich jede solche Straftat eine zuviel", sagt Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, "aber wir sollten da die Kirche im Dorf lassen. Wir bewegen uns auf einem bedauerlichen, normalen europäischen Niveau." Antisemitismus ist kein deutsches Phänomen, diese schwer zu fassende, kaum eingrenzbare Haltung, die von Ablehnung bis zum offenen Hass auf alles Jüdische reicht. In Europa ist er genauso verbreitet wie in den USA, in den ehemaligen Ostblockländern haben ihn die Kommunisten zur Propaganda genutzt, und wenn dieser Tage in den Zeitungen über Antisemitismus geschrieben wird, dann geht es meist um den Nahen Osten, den Iran, dessen Präsidenten und seine Konferenz zur "wissenschaftlichen Untersuchung des Holocaust". Antisemitismus ist ein internationales Problem. "Die Deutschen haben den Antisemitismus nicht erfunden", sagte auch Ignatz Bubis, der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden. "Aber Auschwitz ist eine deutsche Erfindung - und deshalb ist Antisemitismus in Deutschland immer etwas anderes als Antisemitismus irgendwo sonst." Aber: Was ist er genau? Wie zeigt er sich?

Vielleicht sagt die folgende Zahl wesentlich mehr darüber aus, wie weit er in Deutschland verbreitet ist, als die Zahl der registrierten Straftaten: 60. So viele Briefe, E-Mails und Faxe treffen etwa an einem normalen Tag im Büro des Zentralrats der Juden in Berlin ein. Ihr Inhalt: Beschimpfungen, Verdächtigungen, Verschwörungstheorien - zum Beispiel darüber, ob denn nicht "die Juden" schuld seien am 11. September. Nicht alles, was in diesen Briefen steht, wäre irgendwie strafbar - aber, so warnt der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble: "Auch unterhalb der Schwelle geplanter oder ausgeführter Straftaten stimmt etwas nicht." Schäuble sagte das auf einem Symposium des Bundesverfassungsschutzes im Dezember 2005 in Berlin. Das Thema hieß "Neuer Antisemitismus - Judenfeindschaft im politischen Extremismus und im öffentlichen Diskurs". Aber Schäuble zitierte auch Zahlen, die den kleinen, den ganz privaten Antisemitismus in Deutschland belegen. Knapp 17 Prozent der Befragten stimmten zum Beispiel in einer Umfrage folgendem Satz zu: "Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns." Es waren Studenten, die befragt wurden, wohlgemerkt, von denen jeder Fünfte auch noch diesem Satz zustimmte: "Die Juden haben in Deutschland zuviel Einfluss."

Nicht immer ist Antisemitismus so leicht zu identifizieren wie in diesen Fällen. Es sind häufig bloß Anspielungen oder ein "Man-wird-ja-wohl-noch-mal-sagen-Dürfen", hinter denen er sich versteckt. "Wenn es eine einfache Antwort auf die Frage gäbe, was Antisemitismus ist, dann wäre das das erste Wundermittel zu seiner Bekämpfung", sagt Kramer. Trotzdem versucht er sich an einer: "Wenn das Jüdischsein als qualifizierende oder disqualifizierende Eigenart dargestellt wird - da zumindest beginnt er."

Vielleicht muss es auch eine komplexe Antwort sein: Der Soziologe Klaus Holz nähert sich in seiner Arbeit seit Jahren dem Antisemitismus wissenschaftlich, sein letztes Buch zu diesem Thema trug den Titel "Die Gegenwart des Antisemitismus". Holz beschreibt den Antisemitismus anhand von vier typischen Mustern, auf die sich antisemitische Äußerungen praktisch immer herunterbrechen lassen.

Zum Beispiel auf die - so Holz - "antimoderne Klage": Die Juden seien schuld daran, dass die Menschen nicht mehr in einer heilen und reinen Vergangenheit lebten, sondern den hässlichen Seiten der Postmoderne ausgeliefert seien - denn die Juden hätten Kapitalismus, Liberalismus, Sozialismus oder auch Feminismus erfunden und in der Welt verbreitet.

Das hätten sie - zweitens - überhaupt nur schaffen können, weil sie die Medien gleichgeschaltet hätten, Regierungen an Marionettenfäden tanzen ließen und die Weltwirtschaft kontrollierten. Jedes Ereignis, ob die Französische Revolution oder der 11. September, ließe sich so als Teil einer Weltverschwörung erklären.

Außerdem schliffen sie - drittens - die Unterschiede zwischen den Kulturen und Völkern der Welt, weil sie für einen unerbittlichen Universalismus einträten. Gerade Rechtsextreme bedienen sich gerne dieses Vorwurfs, weil die "völkische Abstammung" in ihrem Denken eine zentrale Rolle spielt.

Außerdem werden - viertens - in vielen antisemitischen Äußerungen der Staat Israel und die jüdische Religion gleichgesetzt. Allerdings: "Sachliche Kritik an der Politik der israelischen Regierung ist kein Antisemitismus", sagt Kramer. Aber genau hier lässt sich er sich am schwersten abgrenzen, hier vermengen sich oft Argumente und Ressentiments, wohlmeinendes Unwissen und böswillige Auslegung zu einem undurchdringlichen Brei, zu einer Grauzone, in der irgendwo der Antisemitismus beginnt. Nicht leicht, damit umzugehen. Oder, wie es Kramer sagt: "Der offene Antisemitismus ist mir fast der liebste. Gegen den kann man sich wenigstens wehren."