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24.7.2007 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus

Antisemitismus - Definition und Kontroverse

Doch was meint man mit Antisemitismus[2] allgemein und woher stammt der Begriff? Eigentlich steht diese Bezeichnung synonym für Judenfeindschaft. Sie bezieht sich aber im ursprünglichen Sinne auf eine ganze Sprachfamilie (Akkadisch, Arabisch, Aramäisch, Kanaanäisch, Südarabisch-Abessinisch etc.). Insofern war und ist der Begriff für das konkret Gemeinte inhaltlich falsch oder zumindest ungenau. Als dessen Schöpfer gilt der deutsche judenfeindliche Schriftsteller Wilhelm Marr, der damit seiner Agitation Ende der 1870er Jahre einen wissenschaftlichen Charakter geben wollte. Genauere Belege für das Aufkommen der Bezeichnung liegen aber nicht vor.[3]

Insofern sprechen gute Gründe für den Verzicht auf den Begriff "Antisemitismus". Gleichwohl findet die Bezeichnung Verwendung, hat sie sich doch eingebürgert und wird weltweit genutzt. "Antisemitismus soll ... verstanden werden als Sammelbezeichnung für alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die den als Juden geltenden Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund dieser Zugehörigkeit ... negative Eigenschaften unterstellen, um damit eine Abwertung, Benachteiligung, Verfolgung oder Vernichtung ideologisch zu rechtfertigen."[4] Vereinfachter könnte man auch sagen: Antisemitismus ist Feindschaft gegen Juden als Juden.[5]

Die letztgenannte Definition, die scheinbar so schlicht wirkt, bringt den Sachverhalt doch auf den Punkt: Es geht bei der Verwendung des Begriffs "Antisemitismus" nicht darum, jede Kritik an einzelnen Juden, der jüdischen Religion oder gar am Staat Israel mit dieser Bezeichnung zu belegen. Vielmehr will man mit der Begriffsverwendung die wesentliche Motivation damit verbundener Aussagen und Handlungen erfassen. Sie besteht in der grundsätzlichen Abneigung gegen das angebliche oder tatsächliche "Jüdische", welche es auch jeweils bei der Zuschreibung zum Antisemitismus nachzuweisen gilt.

In der wissenschaftlichen Diskussion um den Antisemitismus als Sammelbezeichnung besteht allerdings eine Kontroverse hinsichtlich der Reichweite des damit Gemeinten: Ein engeres Verständnis begrenzt den Terminus auf seine rassistische Form und unterscheidet ihn damit von der als "Antijudaismus" bezeichneten religiösen Variante. Hiermit sollen die Besonderheiten der rassistischen Begründung hervorgehoben werden.[6] Ein weiteres Verständnis fasst alle Formen von Judenfeindschaft unter diese Bezeichnung. Dieses geht bei aller Berücksichtigung der unterschiedlichen Formen stärker von einer Kontinuität derartiger Einstellungen aus.[7]

Fußnoten

2.
Vgl. Georg Christoph Berger Waldenegg, Antisemitismus: "Eine gefährliche Vokabel"? Diagnose eines Wortes, Wien-Köln-Weimar, 2003, eine allerdings mehr als nur verworrene Darstellung, vgl. kritisch dazu: Peggy Cosmann, Rezension, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXXIII (2005), Antisemitismus- Antizionismus-Israelkritik, S. 375 - 396.
3.
Vgl. Thomas Nipperdey/Reinhard Rürup, Antisemitismus - Entstehung, Funktion und Geschichte eines Begriffs, in: Reinhard Rürup, Studien zur "Judenfrage" der bürgerlichen Gesellschaft, Göttingen 1975, S. 95 - 114.
4.
Armin Pfahl-Traughber, Antisemitismus in der deutschen Geschichte, Berlin 2002, S. 9.
5.
Brian Klug, The collective Jew: Israel and the new antisemitism, in: Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hrsg.), "Das ,bewegliche Vorurteil'. Aspekte des internationalen Antisemitismus, Würzburg 2004, S. 221 - 239, hier S. 224.
6.
Vgl. Johannes Heil, "Antijudaismus" und "Antisemitismus" - Begriffe als Bedeutungsträger, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 6, Frankfurt/M. 1997, S. 92 - 114.
7.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Alter und neuer Judenhass. Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Antisemitismus unter der Lupe, in: Tribüne 44 (2005), Nr. 176, S. 146 - 156.