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24.7.2007 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus

Religiöser Antisemitismus

Als erste Ideologieform soll der religiöse Antisemitismus behandelt werden. Hierbei bildet die Religion der Juden in Inhalten und Ritualen den inhaltlichen Bezugspunkt. Der religiöse Antisemitismus entwickelt sich aus der Absolutsetzung der eigenen Auffassung von Religion, die wiederum mit der pauschalisierenden Ablehnung und Diffamierung von allen anderen Glaubensformen verbunden ist. Hinzu kommt die besonders negative Hervorhebung von Bestandteilen jüdischer Religion, um eine solche Diskriminierung von einer allgemeinen gegenüber allen anderen Religionsformen zu unterscheiden.

Ansätze zum religiösen Antisemitismus finden sich bereits im Neuen Testament, wo die Juden als "Söhne des Teufels" bezeichnet und als Verfolger Jesu dargestellt werden.[8] Insbesondere die Behauptung der Schuld an dessen Tod in Gestalt des Vorwurfs vom "Gottesmord" sollte sich fortan tief in die Glaubensauffassung der Christen einpflanzen und die Feindschaft gegen Juden prägen.[9] Im Mittelalter kamen noch weitere spezifische Behauptungen in diesem Sinne hinzu, etwa die Vorwürfe des "Hostienfrevels" und des "Ritualmordes". Damit verbundene Hetze mit religiösen Bezügen begleitete zahlreiche Gewaltexzesse gegen Juden.[10]

Auch im Koran als religiösem Grundlagentext des Islam finden sich pauschale Diffamierungen von Juden, gelten sie dort doch als abweichlerisch, betrügerisch, eigenmächtig und verräterisch.[11] Den historischen Hintergrund für diese Aussagen bildete der machtpolitische Konflikt Mohammeds mit jüdischen Stämmen in Medina, welcher mit der Massenhinrichtung von einigen ihrer Angehörigen verbunden war.[12] Derartige Massaker gab es immer wieder in der islamischen Welt, gleichwohl standen Intensität und Zahl in keinem Verhältnis zu denen in Europa. Die Juden führten meist ein zwar von Diskriminierung, aber weitgehender Sicherheit geprägtes Leben.[13]

Im Kontext der Säkularisierungstendenzen schwand auch der Einfluss des religiösen Antisemitismus, dessen Vorwürfe aufgrund der Verankerung in der Alltagskultur jedoch in weltlicher Gestalt immer wieder auftauchten. Da sich die christlichen Kirchen seit Mitte des 20. Jahrhunderts klar vom Antisemitismus distanzierten, findet man derartige Formen von Judenfeindschaft heute meist nur noch in den kleineren Gruppierungen des christlichen Fundamentalismus.[14] Anders verhält es sich in der islamisch geprägten Welt, wo die Islamisten ihre aktuelle Agitation mit Bezügen auf die erwähnten Aspekte aus der Frühgeschichte des Islam verbinden.[15]

Fußnoten

8.
Vgl. Lukas-Evangelium 23,4; Matthäus-Evangelium 27, 24f.; Johannes-Evangelium 7,1; 8,37; 8,44, 1. Paulus-Brief an die Thesalonicher 2,15f.; Philipperbrief des Paulus, 3,2; 3,5ff.
9.
Vgl. Karl-Erich Grözinger, Die "Gottesmörder", in:Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hrsg.), Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, München 1995, S. 57 - 66.
10.
Vgl. Gerhard Czermak, Christen gegen Juden. Geschichte einer Verfolgung. Von der Antike bis zum Holocaust, von 1945 bis heute, Frankfurt/M. 1991.
11.
Vgl. Sure 2, Verse 61, 75, 91, 100; Sure 3, Verse 21, 78; Sure 4, Verse 46, 155; Sure 5, Verse 13, 51, 70; Sure 9, 29.
12.
Vgl. Rudi Paret, Mohammed und der Koran. Geschichte und Verkündigung des arabischen Propheten, Stuttgart 1985, S. 113 - 124.
13.
Vgl. Leon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus, Bd. 3: Religiöse und soziale Toleranz unter dem Islam, Worms 1979.
14.
Vgl. Charles B. Strozier/Ayla Kohn, Das zweideutige Bild des Juden im Bewusstsein christlicher Fundamentalisten, in: Herbert A. Strauss/Werner Bergmann/Christhard Hoffmann (Hrsg.), Der Antisemitismus der Gegenwart, Frankfurt/M.-New York 1990, S. 66 - 83.
15.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Der Ideologiebildungsprozess beim Judenhass der Islamisten. Zum ideengeschichtlichen Hintergrund einer Form des "Neuen Antisemitismus", in: Martin H. W. Möllers/Robert Chr. van Ooyen (Hrsg.), Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2004/2005, Frankfurt/M. 2005, S. 189 - 208.