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24.7.2007 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus

Sozialer Antisemitismus

Als zweite Ideologieform sei hier der soziale Antisemitismus genannt. Er geht über übliche Konflikte im Aufeinandertreffen verschiedener Gruppen hinaus, seien diese kulturell, politisch oder sozial bestimmt. Hier wird ein besonderer eingebildeter oder tatsächlicher sozialer Status von Juden in der Gesellschaft als Motiv des Antisemitismus genannt. Durch die eingeschränkte Berufswahl drängte man in der Vergangenheit viele Juden von der beruflichen Sphäre der Produktion in die des Handels. Da dieser als eine Schnittstelle für den An- und Verkauf von Waren diente, erschien eine jüdische Präsenz für diejenigen, die es so sehen wollten, als bedeutsam oder als dominant.

Ansätze zum sozialen Antisemitismus entstanden bereits im Mittelalter. Da nach dem kanonischen Zinsverbot den Christen die Zinsnahme untersagt war und Juden viele berufliche Bereiche verwehrt wurden, wichen sie auf Geldverleih und Handel aus. In der Wahrnehmung der feindlich gesinnten Umwelt galten Juden als ausbeuterische und unproduktive "Händler" und "Wucherer".[16] Später trug das Phänomen der "Hofjuden", also der als einflussreich geltenden Finanziers an Fürstenhöfen, oder der Einfluss einzelner jüdischer Bankiers, wie dem länderübergreifend kooperierenden Bankhaus Rothschild, zu diesem antisemitischen Zerrbild bei.

Auch in der islamischen Welt konzentrierten sich Juden in bestimmten Berufsgruppen, darunter ebenfalls im Finanzwesen und Handel. Diese starke Präsenz hatte einen ähnlichen religiösen Hintergrund. Muslime sahen im Umgang mit Edelmetall und Geld eine Gefährdung für ihre Seelen und überließen entsprechende Wirtschaftsbereiche weitgehend Christen und Juden.[17] Gleichwohl bildete sich aus den damit verbundenen sozialen Entwicklungen zunächst kein gesonderter sozialer Antisemitismus heraus, fanden solche Vorwürfe doch erst nach der Gründung des Staates Israel im Kontext der Kommentierung des Nahostkonflikts größere Verbreitung.

Dies gilt auch für die Gegenwart, führt man doch etwa die Unterstützung der USA für den Staat Israel auf den Einfluss jüdischer Bankiers zurück. Hierbei nähern sich inhaltlich die islamistischen und rechten Extremisten in ihrer Deutung an. Letztere verwenden häufig das Schlagwort von der "Ostküste", womit die Vorherrschaft jüdischer Bankiers über die Gesellschaft und Politik der USA suggeriert werden soll. Über die angesprochenen politischen Lager hinaus finden Auffassungen über die angebliche Neigung von Juden zu bestimmten Geschäftspraktiken aber auch Akzeptanz bei nicht unbedeutenden Teilen der Bevölkerung.[18]

Fußnoten

16.
Vgl. Freddy Raphael, Der Wucherer, in: Schoeps/Schlör (Anm. 9), S. 103 - 118.
17.
Vgl. Bernard Lewis, Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert, München 1987, S. 87.
18.
Vgl. Reinhard Wittenberg/Manuela Schmidt, Antisemitische Einstellungen in Deutschland zwischen 1994 und 2002. Eine Sekundäranalyse repräsentativer Bevölkerungsumfragen aus den Jahren 1994, 1996, 1998 und 2002, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 13, Berlin 2004, S. 161 - 183.