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24.7.2007 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus

Politischer Antisemitismus

Als dritte Ideologieform soll der politische Antisemitismus thematisiert werden. Diese Form des Antisemitismus ist eng verknüpft mit dem Verweis auf die soziale und wirtschaftliche Bedeutung von Juden. Danach gelten die als homogenes Kollektiv gedachten Juden als einflussreiche soziale Macht, die sich in politischer Absicht zu gemeinsamem Handeln zusammenschlössen. Dessen Ziel sei die Erlangung der Herrschaft im jeweiligen Land oder in der ganzen Welt, die durch eine Verschwörung erreicht werden sollte. Insofern stünden jüdische Kräfte hinter politischen Umbrüchen wie Kriegen, Revolutionen oder Wirtschaftskrisen.

Erste Ansätze zu einer solchen Form des Antisemitismus finden sich bereits im Mittelalter. Die "Brunnenvergifter"-Vorwürfe unterstellten den Juden, sie würden sich konspirativ zur Vergiftung von Brunnen und damit von Menschen verabreden.[19] In systematischer Form kamen solche Behauptungen erst im 19. Jahrhundert auf, beschuldigte man doch fortan die Juden zusammen mit Freimaurern, konspirative Akteure gegen die Sozialordnung von "Thron und Altar" zu sein.[20] Hieraus entwickelte sich im 20. Jahrhundert die Behauptung von einer "jüdischen Weltverschwörung", die insbesondere im Nationalsozialismus große Verbreitung fand.[21]

In der islamisch geprägten Welt erfuhren derartige Auffassungen erst seit den 1930er Jahren Anerkennung und ab den 1950er Jahren stärkere Beachtung. Dies lässt sich insbesondere an der Verbreitung der "Protokolle der Weisen von Zion", einer antisemitischen Fälschung in diesem Sinne, ablesen.[22] Sie fanden nach 1948 große Resonanz in der arabischen Welt, schien doch die Darstellung einer angeblichen jüdischen Verschwörung das Überleben des Staates Israel in den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den dortigen Staaten zu erklären.[23] Zu diesen "Protokollen" bekannten sich prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (Muammar al-Ghaddafi, Gamal Abdel Nasser etc.).

Auch in der Gegenwart finden Behauptungen von einer jüdischen Konspiration in der arabischen Welt große Verbreitung, wofür nicht nur die fortgesetzt hohen Auflagenzahlen der "Protokolle" stehen. So strahlten etwa das ägyptische und syrische Fernsehen 2001 und 2003 mehrteilige Verfilmungen mit solchen Inhalten für ein großes Publikum aus.[24] Aufgrund der starken Assoziationen derartiger Vorstellungen mit dem Nationalsozialismus artikulieren sich in der westlichen Welt allenfalls Rechtsextremisten in diesem Sinne. Gleichwohl lösten selbst die Terroranschläge vom 11. September 2001 die Renaissance mancher antisemitischer Konspirationsauffassungen aus.[25]

Fußnoten

19.
Vgl. Johannes Heil, "Gottesfeinde" - "Menschenfeinde". Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. - 16. Jahrhundert), Essen 2006.
20.
Vgl. Johannes Rogalla von Bieberstein, Die These von der Verschwörung 1776 - 1945. Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung, Flensburg 1992.
21.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Der antisemitisch- antifreimaurerische Verschwörungsmythos in der Weimarer Republik und im NS-Staat, Wien 1993.
22.
Vgl. Wolfgang Benz, Die Protokolle der Weisen vonZion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung, München 2007.
23.
Vgl. Stefan Wild, Importierter Antisemitismus? Die Religion des Islam und die Rezeption der "Protokolle der Weisen von Zion" in der arabischen Welt, in: Dirk Ansorge (Hrsg.), Antisemitismus in Europa und in derarabischen Welt, Paderborn-Frankfurt/M. 2006, S. 201 - 216.
24.
Vgl. Michael Borgstede, Judenhass im Vorabendprogramm, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. Februar 2004, S. 8.
25.
Vgl. Tobias Jaecker, Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Neue Varianten eines alten Deutungsmusters, Münster 2005.