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24.7.2007 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus

Antizionistischer Antisemitismus

Als sechste Ideologieform sei der antizionistische Antisemitismus genannt. Er zeigt sich in der rigiden Ablehnung der Innen- und Außenpolitik des Staates Israel, wobei nicht jede Kritik an ihr auf einen antizionistischen Antisemitismus hinausläuft. Es geht um die besondere ideologische Verzerrung und pauschalisierende Diffamierung des jüdischen Staates, die sich ebenfalls traditioneller antisemitischer Stereotype bedient und sie in der Kommentierung aktueller politischer Geschehnisse zur Anwendung bringt. Um nicht den Eindruck eines öffentlich stigmatisierten Antisemitismus zu erwecken, nutzen dessen Apologeten häufig das Schlagwort "Antizionismus".

Dies gilt insbesondere für Rechtsextremisten, die sich in Stellungnahmen zum Nahostkonflikt meist in Richtung der arabischen bzw. palästinensischen Seite positionieren. Ihnen geht es dabei nicht primär um deren politische Anliegen, sondern um die damit verbundene pauschale Verdammung des Staates Israel. Mehr oder minder deutlich gehen die entsprechenden Diskurse mit traditionellen antisemitischen Auffassungen einher.[35] Etwas komplizierter verhält es sich mit Teilen des Linksextremismus, wo eine einseitige Israelkritik mitunter auch latente antisemitische Ressentiments enthält. Dies gilt etwa für die Rede vom "aufzulösenden künstlichen Zionistengebilde".[36] Diese Form wie auch die anderen Varianten des Antisemitismus findet man nicht nur im Spektrum des organisierten Extremismus, sondern auch als Einstellungen innerhalb der übrigen Bevölkerung.[37]

Antizionismus als Ablehnung des Existenzrechts des Staates Israel war und ist in der arabischen Welt weit verbreitet. Diese Einstellung kann allerdings nicht pauschal mit Antisemitismus gleichgesetzt werden, bestehen doch unterschiedliche Bezugspunkte in Form der Juden als sozialer Gruppe und Israels als souveränem Staat. Gleichwohl entwickelten sich nach 1948 große Schnittmengen zwischen beiden Einstellungen, wurde doch der reale Interessenkonflikt zwischen Arabern und Israelis immer stärker mit antisemitischen Positionen gedeutet.[38] So fanden etwa Behauptungen über "jüdische Ritualmorde" und "jüdische Verschwörungen" weite Verbreitung.

Hinsichtlich des antizionistischen Antisemitismus bestehen demnach Gemeinsamkeiten. Allerdings muss die unterschiedliche politische Rahmensituation mitbedacht werden: In dem einen Fall bildet der Nahostkonflikt den Anlass, die judenfeindliche Grundhaltung vor dem Hintergrund eines aktuellen politischen Themas zum Ausdruck zu bringen. In dem anderen Fall verschärften sich bereits vorhandene Aversionen angesichts der unmittelbaren politischen Auseinandersetzungen und führten zu einer zunehmenden Akzeptanz entsprechender Feindbilder. Gleichwohl handelt es sich dabei auch um eine Variante des Antisemitismus.

Fußnoten

35.
Vgl. Klaus Parker, Antisemitische Argumentationsstrukturen - Wandel und Kontinuität, in: Bulletin. Schriftenreihe des Zentrums Demokratische Kultur 3 (2003): Volksgemeinschaft gegen McWorld. Rechtsintellektuelle Diskurse zu Globalisierung, Nation und Kultur, S. 87 - 91.
36.
Vgl. Stefan Kestler, Antisemitismus und das linksextremistische Spektrum in Deutschland nach 1945, in: Bundesministerium des Innern (Anm. 30), S. 75 - 107.
37.
Vgl. Werner Bergmann, Wie viele Deutsche sind rechtsextrem, fremdenfeindlich und antisemitisch? Ergebnisse der empirischen Forschung von 1990 bis 2000, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Auf dem Weg zum Bürgerkrieg? Rechtsextremismus und Gewalt gegen Fremde in Deutschland, Frankfurt/M. 2001, S.41-62.
38.
Vgl. Michael Kiefer, Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften. Der Palästina-Konflikt und der Transfer eines Feindbildes, Düsseldorf 2002, S. 88 - 121.