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24.7.2007 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus

Das Verhältnis der Antisemitismusformen zueinander

Die vorstehenden Ausführungen haben gezeigt, dass die Judenfeindschaft nicht - wie in einem Teil der Forschung vertreten - auf einen religiös begründeten "Antijudaismus" und einen rassistisch motivierten "Antisemitismus" reduziert werden kann. So würden zahlreiche Erscheinungsformen des Hasses gegen die Juden nicht mit den erwähnten Begriffen erfasst und damit als Bestandteile des Antisemitismus überhaupt nicht wahrgenommen. Aus diesem Grund kam es in der neueren Forschung auch zu einer Ausdehnung des Verständnisses auf verschiedene Formen, ähnlich wie in der vorgestellten Typologie.

In diesem Sinne werden ein "religiöser Antijudaismus, Rassenantisemitismus, sekundärer Antisemitismus und Antizionismus"[39] als vier Grundphänomene unterschieden. Ihnen können aber wichtige Bestandteile der judenfeindlichen Agitation wie die Rede vom "jüdischen Finanzkapital" oder von der "jüdischen Weltverschwörung" nicht zugeordnet werden. Insofern bedarf es einer Erweiterung um die vorgeschlagenen Kategorien "politischer" und "sozialer Antisemitismus". Möglicherweise sollten noch andere Formen wie ein "kultureller" oder "nationaler Antisemitismus"[40] aufgenommen werden, um die Vielfältigkeit derartiger Einstellungen differenziert zu erfassen.

Dies erlaubt es zum einen, die angesprochenen Ressentiments und Vorurteile unter einem gemeinsamen Oberbegriff zu fassen, und zum anderen, die unterschiedlichen Ideologieformen klarer zu unterscheiden. Hier muss aber auch noch einmal daran erinnert werden, dass die vorgestellte Übersicht zu den Varianten des Antisemitismus als idealtypisch anzusehen ist. Häufig lässt sich eineKombination verschiedener Formen mit unterschiedlichen Bedeutungsanteilen ausmachen. So lebten etwa Bestandteile des ursprünglich christlich geprägten Antisemitismus in säkularer Form in neueren Ausprägungen des Antisemitismus fort.[41]

Da derartige Einstellungen auf Emotionen anstelle von Fakten beruhen, können die Interessierten aus dem "Katalog" unterschiedlicher Formen ihren "eigenen" Antisemitismus entwickeln. Mitunter kommt es dabei zu absonderlichen Kombinationen: So findet etwa die aus dem christlich geprägten religiösen Antisemitismus des Mittelalters stammende "Ritualmord"-Legende in der gegenwärtigenislamistischen Propaganda Verbreitung. Gleichwohl bedarf es der vorgenommenen Differenzierung von Formen des Antisemitismus, können doch nur so Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklung der Judenfeindschaft analytisch genauer erfasst werden.

Fußnoten

39.
Wolfgang Benz, Feindschaft gegen Juden. Annäherung an ein schwieriges Thema, in: ders., Was ist Antisemitismus?, München 2004, S. 9 - 26, hier S. 20.
40.
Vgl. Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001.
41.
Vgl. Jacob Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung. Der Antisemitismus 1700 - 1933, München 1989, S. 322f.