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24.7.2007 | Von:
Andreas Zick
Beate Küpper

Antisemitismus in Deutschland und Europa

Der Beitrag informiert über den Antisemitismus in Deutschland und wirft einen Blick auf Europa. Es werden Facetten des Antisemitismus unterschieden, die als Legitimationen von Ungleichwertigkeit verstanden werden. Auf der Basis von Meinungsumfragen werden Ausprägungen und Entwicklungen des Antisemitismus beleuchtet.

Einleitung

Menschenfeindliche Vorurteile, wie sie der Antisemitismus ausdrückt, geben Auskunft über den Zustand der Zivilgesellschaft. Umso erfreulicher erscheinen auf denersten Blick jüngste Entwicklungen in Deutschland. Der Survey "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit"[1] weist aus, dass nur noch 6,7% der unter 30-Jährigen im Jahr 2006 der Aussage zustimmten: "Juden haben zu viel Einfluss", und nur 6,1% warfen Juden vor, "durch ihr Verhalten [...] an ihren Verfolgungen mitschuldig" zu sein. Beide Aussagen wurden in vielen Studien als traditioneller Ausdruck des Antisemitismus identifiziert. Unter den über 60-Jährigen konstatierten noch rund 18% zu viel Einfluss, und 13,6% machten Juden den Vorwurf der Mitschuld. Die Meinung der Jüngeren lässt auf das Verschwinden antisemitischer Einstellungen hoffen - aber solche positiven Meldungen blenden.








Allein in Bezug auf diesen Altersunterschied wird übersehen, dass die Älteren ihre Vorurteile an die Jüngeren weitergeben und kraft ihres Status gesellschaftliche Werte und Ideologien stärker bestimmen, als Jüngere das vermögen. Die Forschung zeigt zudem, dass sich der Antisemitismus immer wieder entfalten kann, indem er in neue Gewänder gekleidet wird. Im sekundären Antisemitismus wird etwa der Holocaust dazu missbraucht. In der Umfrage stimmte rund ein Drittel der Jüngeren (33,8% der unter 30-Jährigen) der Unterstellung zu, dass Juden versuchen, Vorteile aus der Vergangenheit zu ziehen. Unter den über 60-Jährigen meinte dies fast die Hälfte (46,4%). Sechzig Jahre nach Kriegsende werden vor allem Forderungen nach einem Schlussstrich laut; dies wird deutlich in der geringen Bereitschaft, sich weiter mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Die Mehrheit der Jüngeren (62%) und Älteren (59%) äußerte 2006 Ärger darüber, "dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden." Mit dem Aufleben des Israel-Palästina-Konflikts hat der Antisemitismus eine weitere Ausdrucksform gefunden. Versteckt in einer scheinbar neutralen Kritik an Israel, die nicht zuletzt unterstützt wird durch Medienberichte,[2] werden antisemitische Vorurteile transportiert. Die Hälfte der unter 30-Jährigen (im Vergleich zu 35,8% der über 60-Jährigen) war 2006 der Ansicht: "Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser", und setzte damit die Handlungen Israels mit den Verbrechen der Nationalsozialisten gleich.

Einstellungen müssen nicht zu Handlungen führen, aber sie können sie nahe legen oder legitimieren. Nach Beobachtung von Human Rights First ist die Zahl antisemitischer Straftaten in Europa in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.[3] Zunehmend sind junge Menschen nicht nur Angreifer, sondern auch Opfer - zum Beispiel von Anschlägen auf jüdische Kindergärten und Schulen. Ein europäischer Vergleich ist dadurch erschwert, dass etliche Länder nur eingeschränkte oder gar keine systematische Erfassung von Hate Crimes bieten oder antisemitisch motivierte Delikte nicht gesondert ausweisen. Werner Bergmann und Juliane Wetzel haben 2002 eine Studie zum Ausmaß antisemitischer Gewalt in 15 europäischen Ländern durchgeführt und ebenfalls einen deutlichen Anstieg dieser Straftaten offenbart.[4] Die Studie war zum Teil heftig umstritten aufgrund eines Befundes, der muslimische Zuwanderer als eine Haupttätergruppe identifizierte.

Für Deutschland weist der jüngste Verfassungsschutzbericht einen Anstieg politisch rechts motivierter Straftaten mit extremistischem Hintergrund um 14,6% auf 17 597 aus, darunter - mit einem Anstieg von 9,3% - über 1 000 Gewalttaten.[5] Auch wenn Straftaten mit antisemitischem Hintergrund um 1,3% auf 1 636 Straftaten leicht zurückgegangen sind, alarmieren die Zahlen, denn zugleich ist das rechtsextreme Potenzial deutlich gestiegen, und die NPD hat an Bedeutung gewonnen. Der Antisemitismus dient dabei laut Verfassungsschutzbericht als Bindeglied zwischen rechtsextremen Strömungen. Er bediene sich zunehmend neben offener Hetze subtilen Diffamierungen, die an Einstellungspotenziale in der Bevölkerung anknüpften. Dazu gehören sowohl beiläufige Verweise auf die jüdische Herkunft öffentlicher Personen als auch antisemitische Stereotypen oder Verschwörungstheorien. Ebenso lassen sich Facetten des Antisemitismus hinzurechnen, die über den Umweg einer Kritik an Israel kommuniziert werden, sowie Formen, die mit der Unterstellung von Vorteilsnahme aus dem Holocaust verbunden werden und mit einer Täter-Opfer-Umkehr operieren.

Straf- und Gewalttaten sind die extremste Ausdrucksform. Die Taten geschehen vor dem Hintergrund antisemitischer Propaganda, in regelmäßigen Abständen angeheizt von politischen Eliten und Gruppen, wie etwa den Abgeordneten der NPD im Sächsischen Landtag. Auch revisionistische Versuchungen, wie jüngst wieder der "Fall Oettinger" zeigte, können als Tabubrüche antisemitische Einstellungen beflügeln. Auch wenn Einstellungen nicht unmittelbar und zwangsläufig zu antisemitischen Handlungen führen, machen sich Täter nicht selten zu Advokaten der öffentlichen Meinung.[6] Wie im Rechtsextremismus verbinden sich auch im Rechtspopulismus antisemitische mit fremdenfeindlichen Einstellungen, autoritärer Straflust, chauvinistischer Nostalgie sowie nationalistischen und antidemokratischen Ideologien.[7] Diese Komponenten des Rechtspopulismus finden sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern.[8]

Fußnoten

1.
Der Survey wird von Prof. Wilhelm Heitmeyer, Universität Bielefeld, geleitet und von der Volkswagen Stiftung, Freudenberg Stiftung und Möllgaard Stiftung gefördert. Jährliche Berichte erscheinen in der Reihe "Deutsche Zustände" im Suhrkamp Verlag.
2.
Vgl. Siegfried Jäger/Margarethe Jäger, Medienbild Israel. Zwischen Solidarität und Antisemitismus, in: Medien: Forschung und Wissenschaft, Bd. 3, Münster 2003.
3.
Vgl. Michael McClintock/Judith Sunderland, Antisemitismus in Europa: Eine Kampfansage an die offizielle Gleichgültigkeit, New York 2004; http://www. humanrightsfirst.org/discrimination/antisemitism/ GR-Antisem-II-web.pdf.
4.
Vgl. Werner Bergmann/Juliane Wetzel, Manifestations of anti-Semitism in the European Union. First Semester 2002. Synthesis Report on behalf of the EUMC, Vienna: EUMC, 2003.
5.
Vgl. Bundesministerium des Inneren (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2006, Vorabfassung, 2007.
6.
Vgl. Klaus Wahl (Hrsg.), Skinheads, Neonazis, Mitläufer: Täterstudien und Prävention, Opladen 2003.
7.
Vgl. Oliver Decker/Elmar Brähler, Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren, Berlin 2006; Dagmar Schaefer/Jürgen Mansel/Wilhelm Heitmeyer, Rechtspopulistisches Potential. Die saubere Mitte` als Problem, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 1, Frankfurt/M. 2002.
8.
Vgl. Gudrun Hentges/Malte-Henning, Meyer/Jörg Flecker/Sabine Kirschhofer/András Thóft/Edvin Grinderslev/Gabrielle Balazs, The abandoned worker. Socio-economic change and the attraction of right-wing populism, Wien 2003.