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24.7.2007 | Von:
Stephan Bundschuh

Eine Pädagogik gegen Antisemitismus

Pädagogische Konzepte gegen Antisemitismus vermitteln die Fähigkeit zu Mehrperspektivität und Selbstreflexivität und entwickeln einen differenzierten, nicht auf Antisemitismus reduzierten Zugang zu jüdischer Geschichte und Gegenwart.

Einleitung

Antisemitismus kommt auf vielfältige Weise zum Ausdruck. Er äußert sich gewalttätig durch Angriffe auf Juden und Anschläge auf jüdische Einrichtungen, er zeigt sich in der Diffamierung der jüdischen Religion oder im Ressentiment gegenüber dem vermeintlichen Reichtum von Juden. Er tritt in einer feindseligen Haltung gegenüber dem Staat Israel auf und bestreitet dessen Existenzrecht. Weltverschwörungstheorien und die Leugnung des Holocaust gehören in sein vielschichtiges Repertoire. In Deutschland können derzeit drei Formen des Antisemitismus unterschieden werden: der traditionelle Antisemitismus, der ein stereotypisiertes Bild von Juden zeichnet, das sich vor allem aus Ressentiments gegenüber einer angeblichen Überlegenheit von Juden speist, der sekundäre Antisemitismus nach dem Holocaust, der durch Schuld- und Erinnerungsabwehr sowie eine Täter-Opfer-Umkehr gekennzeichnet ist, und der aktuelle Antisemitismus, der antisemitische Elemente mit antiisraelischen und antiamerikanischen Einstellungen verbindet und das Unbehagen an der Globalisierung auf die Juden und Israel projiziert, indem diese für die Konflikte in der Welt verantwortlich gemacht werden.[1]




Seit 1989 ist ein drastischer Anstieg antisemitischer Vorfälle in Europa zu verzeichnen. Die jährlich vom Bundesamt für Verfassungsschutz veröffentlichten Daten zeigen, dass seit dem Jahr 2000 die antisemitisch motivierte Gewalt weiter angestiegen ist. Laut Verfassungsschutzbericht für 2006 liegt der "Anteil von Personen mit latent antisemitischen Einstellungen [...] nach unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Studien dauerhaft bei bis zu 20 Prozent."[2] Bei rechtsextremistischen Straftaten mit antisemitischem Hintergrund verzeichnet der Bericht in diesem Jahr allerdings einen leichten Rückgang.[3] Laut Wilhelm Heitmeyer zeigt der traditionelle Antisemitismus derzeit eine leicht abnehmende Tendenz, die allerdings ereignisabhängig schnell wieder ansteigen kann.[4]

Antisemitische Einstellungen sind verstärkt bei Älteren zu finden, bei den 14- bis 29-Jährigen gibt es aktuell die geringsten Vorbehalte.[5] Doch auch bei Jugendlichen sind antijüdische Schimpfworte und unzulässige Verallgemeinerungen an der Tagesordnung, von regelmäßigen Angriffen rechtsextremer Jugendlicher auf Menschen, die für "jüdisch" gehalten werden, ganz zu schweigen.

Fußnoten

1.
Ich danke Luciana Casale und Astrid Messerschmidt für ihre Anmerkungen.
2.
Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2006 (Vorabfassung), Berlin o.J., S. 109; www.verfassungsschutz.de/download/SHOW/vsbericht_vorabfassung_2006.pdf (14.06. 2007)
3.
Vgl. ebd., S. 28.
4.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Ein normaler Dauerzustand?, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 5, Frankfurt/M. 2007, S. 15 - 36, hier: S. 22f.
5.
Vgl. Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus?, München 2004, S. 193 - 199.