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5.7.2007 | Von:
Michael Schreckenberg

Stau und Panik

Phänomen Panik

Der Begriff "Panik" ist ein sehr ungenauer. Wissenschaftlich ist er schwer zu fassen. In der Presse taucht er dennoch fast ständig auf. Aber was ist damit gemeint? Wann tritt Panik auf? Wie ist ihr zu begegnen? Was sind ihre Ursachen?

Ursprünglich geht der Begriff auf den bocksgestaltigen Wald- und Hirtengott Pan aus der griechischen Mythologie zurück, dessen plötzliche und unsichtbare Nähe enormen Schrecken erzeugte. Er spielte auf der bekannten "Panflöte" (so wird er jedenfalls in Gemälden dargestellt), die heute eher als gemäßigtes Instrument gilt. Mit Bocksfüßen und Hörnern verkörperte er ein Zwitterwesen. Er erschreckte die Menschen plötzlich und unvermittelt mit einem schrillen Klang, verstärkt durch die nicht erwiderte Liebe der von ihm angebeteten Nymphe Echo, die damit das ihre dazu tat. Heute überlebt sein Wirken z.B. in dem Ausdruck "ins Bockshorn jagen".

Panik heißt etymologisch soviel wie "plötzliches Erschrecken oder Massenangst". Dies zeigt die zwei wesentlichen Facetten auf: Entweder bin ich als Einzelperson betroffen (etwa als Autofahrer im Stau), oder es handelt sich um ein Massenphänomen, zwei vollkommen unterschiedliche Ansätze. Das Wirken von Pan hatte eher Einfluss auf Individuen, mit der Folge von Panikattacken. Diese führen plötzlich zu unerklärbaren und qualvollen Angstzuständen, die keinen äußerlich fassbaren Anlass haben. Am Ende führt dies sogar zur "Angst vor der Angst". Doch davon soll hier nicht die Rede sein. Hier geht es um die vom Bewusstsein nicht mehr kontrollierbare Angst vor einer gefühlten Gefahr, ob wirklich oder vermeintlich. Dieses Gefühl hat verschiedene Voraussetzungen: räumliche Enge, die eine Flucht erschwert, wenn nicht verhindert; Führungslosigkeit in dem Sinne, dass keine Person des "Vertrauens" sagt, was zu tun ist; und natürlich das Gefühl der Gefahr.

Bekannte Fälle aus der Geschichte werden immer wieder zitiert. Bei Massenveranstaltungen ist das Risiko sehr hoch, wie Katastrophen immer wieder gezeigt haben: Ob bei Sportveranstaltungen (Heysel-Stadion 1985, Berg Isel 1999), Konzerten (Cincinnati 1979, Roskilde 2000) oder Pilgerfahrten (Mekka 2004, 2006) - die Dynamik von Menschenmassen ist schwer berechen- und kontrollierbar. Oft reichen geringste Anlässe, um Tausende wie durch eine Infektion in einen Angstzustand zu versetzen. Glaubte man früher, ein angstvoller Gesichtsausdruck sei für diese "Infektion" entscheidend, so zeigen neuere Untersuchungen mittels Kernspintomographie, dass entsprechende Körperbewegungen ausreichen, um Angst zu transportieren. Man geht davon aus, dass zehn Prozent der Menschen einer Gefahrensituation zunächst ruhig begegnen, weitere zehn Prozent reagieren hoch sensibel; der Rest wird als labil und beeinflussbar eingestuft. Die Situation entscheidet darüber, ob es zu einer Eskalation kommt. Ein wichtiger Aspekt ist, dass es nicht darauf ankommt, ob eine wirkliche oder nur eine gefühlte Gefahr als Auslöser existiert; in vielen Fällen entwickeln sich viel zu hohe Dichten aus dem Wunsch der Menschen, sich wegzubewegen, aus welchem Grund auch immer. Moderat sind Dichten unterhalb von zwei Personen pro Quadratmeter, darüber wird es eng, in einer Disco etwa bei drei bis vier, bei besonderen Anlässen sogar bei fünf Personen pro Quadratmeter. Es gibt Situationen, die noch deutlich darüber hinausgehen; bis zu 12 Personen pro Quadratmeter sind schon gemessen worden.

Wird dann, weil es nicht schnell genug vorwärts geht, von hinten gedrückt, üben 50 Menschen vorne schon einen Druck von einer Tonne aus; das überlebt niemand. Kommen Menschen zu Fall, ist das alleine noch nicht entscheidend. Aber der Druck von hinten lässt weitere über sie stürzen, bis mehrere Menschen übereinander liegen und die untersten ersticken.

"Unkontrollierbare Reaktionen" panischer Menschenmassen sind in Wirklichkeit von der Evolution festgelegt, Handlungsspielräume gibt es kaum. Das Schema ist vorgegeben und hat das Überleben in vielen Jahrtausenden gesichert. Der menschliche Geist ist zu träge, um in Paniksituationen "rational" zu entscheiden, die Zeit ist zu kurz, um eine Analyse der Situation vorzunehmen. Verhaltenscharakteristiken als "Kurzschlussreaktionen" zu bezeichnen, ist sehr vereinfachend. Einige wichtige Merkmale lassen sich festhalten: Als erstes ist der Herdentrieb zu nennen. Gerne schließt man sich einer Masse an, geht man doch davon aus, dass diese einen Plan und damit eine persönliche Perspektive hat, das heißt, man läuft dahin, wohin die meisten anderen auch laufen. Das birgt automatisch das Problem in sich, dass gerade dort gar nichts mehr geht, man also besser nach Alternativen suchen würde. Menschen in Panik versuchen dahin zu gelangen, wo sie hergekommen sind, denn das kennen sie. Notausgänge sind häufig wenig attraktiv, da schlecht beleuchtet und unbekannt. Man muss schnell Vertrauen gewinnen in die Entscheidung, die zu fällen ist. Dunkle Treppenabgänge mit eventuell verschlossenen Türen am Ende sind keine akzeptable Lösung. Bei Dunkelheit vertrauen Menschen am ehesten ihrer rechten Hand und versuchen damit festen Halt zu finden. Neue akustische Systeme setzen Töne (directional sound) über den Ausgängen ein, um dieses Problem zu umgehen und eine direkte Bewegung zum Ausgang ohne Sicht zu erleichtern.

Der entscheidende Faktor bei Massenpaniken ist der Tunnelblick. Das Blickfeld engt sich markant ein, man konzentriert sich nur noch auf eine Alternative, das aber ganz und gar. Die Geschichte des Menschen scheint ihr Übriges zu tun: Hände und Füße werden feucht. Das war früher zum Erklettern der Bäume von Nutzen, heute ist dies eher nicht mehr als produktiv einzuschätzen. Das Blut wird aus Bauch und Kopf in die Bewegungsmuskulatur gepumpt, um das Weglaufen zu erleichtern. Weiterhin verdickt sich das Blut, eine Vorsichtsmaßnahme der Natur bei der Flucht. So hätten dabei erlittene Wunden keine so große Auswirkung. Zudem setzt Ungeduld ein: Geht es über einen Zeitraum von mehr als 15 Sekunden nicht weiter, wird gedrückt oder eine andere Richtung eingeschlagen. Aber es passiert noch mehr. Die sozialen Bindungen verlieren sich, andere sind uns egal, nur Verwandte, insbesondere aber Kinder werden geschützt. Zehn Prozent der Bevölkerung, so schätzt man, neigen zur Apathie in solchen Situationen, ein auf das Individuum bezogenes Relikt des "Sich-tot-Stellens", aus dem Tierreich weidlich bekannt. Wie auch immer die Reaktion ausfällt, es ist schwer, eine Veränderung herbeizuführen. Die Menschen sind nicht ansprechbar. Es gibt nur wenige Beispiele, wo eine Rückführung in den "Normalzustand" funktioniert hat.

Das Hauptaugenmerk muss auf der Prävention liegen, damit der Zustand der Panik gar nicht erst entsteht. Es gibt eine Reihe von Untersuchungsmöglichkeiten, die zur Verbesserung der Sicherheitsstandards genutzt werden können. Dazu gehören Evakuierungstests: Die Einbeziehung des schwer abzuschätzenden menschlichen Faktors bei einer Evakuierung ist durch einen Test oder eine Übung zumindest teilweise möglich. Doch hier muss man die Grenzen der zu erwartenden Ergebnisse aufzeigen; dies ist zum einen die Verfügbarkeit einer Menschenmenge in der entsprechenden Größenordnung. Es ist schwer vorstellbar, mit vielen Tausend Personen im Freizeitbereich (Stadien, Vergnügungsparks) nur testweise eine Evakuierungsübung sinnvoll durchzuführen. Zum anderen mangelt es an der Ernsthaftigkeit, die in einem "echten" Fall gegeben wäre. So sind Betreiber glücklich, wenn sie aus geringfügigem Anlass (der bekannte "Mülleimerbrand") eine reale Evakuierung durchführen können. Allerdings ist hier auch das Risiko der Evakuierung selbst mit einzubeziehen. Hat man es dagegen mit Personen zu tun, die sich berufsbedingt in einem Gebäude aufhalten, das sie zwangsläufig gut kennen, ist ein solcher Test durchführbar. Aber auch hier ist nicht immer mit der gewünschten Ernsthaftigkeit zu rechnen. Gerade die häufige Wiederholung führt zu einem Abstumpfungseffekt, der sich auf eine Verlängerung der Reaktionszeit auswirkt. Diese Übungen, gerade auf Schiffen, haben oft Happeningcharakter und stellen bisweilen auch eine willkommene Unterbrechung der Arbeitszeit dar.

Eine Reihe von Unglücken mit einer großen Anzahl Beteiligter ist sehr gut dokumentiert. Anhand einer Analyse der Aufnahmen können Rückschlüsse auf Fehlverhalten und/oder mangelnde Sicherheitsmaßnahmen gezogen werden. Dies bleiben aber immer Spezialfälle, deren Übertragbarkeit auf andere Umgebungen und Anlässe häufig nur schwer möglich ist. Trotzdem sind dies wichtige Quellen, da es sich um real durchlebte Situationen handelt und keine zusätzlichen Annahmen eingehen. In den vergangenen Jahren sind - hauptsächlich zu akademischen Zwecken - verstärkt Experimente mit (Klein-) Tieren (Ameisen, Mäuse) in räumlich beschränkten Umgebungen durchgeführt worden. Die Ergebnisse lassen sich naturbedingt nur begrenzt auf menschliches Verhalten übertragen. Allerdings nähert sich menschliches Verhalten, das weniger auf rationalen Entscheidungen und mehr auf Instinkt basiert, in dieser Situation dem tierischen deutlich an. Dies bezieht sich insbesondere auf Extremsituationen mit großer "gefühlter" Gefahr. Ein wesentlicher Vorteil dieser Methodik ist, dass man die Randbedingungen fast ohne Skrupel (Gefährdung von Menschen) weitgehend frei wählen kann.

Eine immer wichtiger werdende Methode ist die der Simulation. Hier besteht kein Risiko für beteiligte Personen wie in Realexperimenten, und es ist noch nicht einmal das Gebäude oder die Einrichtung notwendig. In Simulationen werden alle Menschen mikroskopisch mit ihrer Bewegung und ihrem Verhalten im Computer abgebildet. Man kann so jede Geometrie im Vorhinein prüfen und entsprechend verändern. Die Maßnahmen können getestet werden, bevor sie ergriffen worden sind. Heutige Simulationsmodelle sind in der Lage, über eine Million Menschen mit ihrer Dynamik zu berechnen. Die Entwicklung immer besserer und effizienterer Modelle ist ein intensives Feld der Forschung. Allerdings muss man die Relevanz der Ergebnisse realistisch einschätzen. Sehr viel hängt von der Qualität des eingesetzten Modells ab. Häufig enthalten die Modelle mehrere Parameter, die erst an Situationen und Szenarien angepasst werden müssen. Für den Nutzer (z.B. Betreiber oder Behörden) ist es jedoch kaum möglich, den Wert der Ergebnisse richtig einzuschätzen.

Ein besseres Verständnis der Phänomene Stau und Panik und ihres Verhältnisses zueinander ist unabdingbar, um für die Herausforderungen an die Verkehrspolitik im 21. Jahrhundert gerüstet zu sein.