30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

5.7.2007 | Von:
Claus J. Tully

Leben in mobilen Welten

Die Durchsetzung der Industriegesellschaft ging mit der Ausdifferenzierung von Verkehr einher, während die moderne post-industrielle Gesellschaft auch als fluide oder als Mobilitätsgesellschaft bezeichnet wird.

Einleitung

Mobilität schließt Freiräume ein, die sozial konstruiert und damit gestaltbar sind. Verkehr fungiert als technische Voraussetzung für Mobilität. Die Durchsetzung der Industriegesellschaft ging mit der Ausdifferenzierung von Verkehr einher, während die moderne, vernetzte (post-industrielle) Gesellschaft, die auch als fluide, reflexive oder als (Mobilitäts-)Gesellschaft bezeichnet wird, die Gestaltbarkeit von Möglichkeiten der Raumüberwindung betont. Die gewachsenen Umweltrisiken, die heute im Zusammenhang mit dem motorisierten Unterwegssein diagnostiziert werden, sind nicht zwangsläufig, wie abschließend zu zeigen sein wird.






Ähnlich wie im ausgehenden 19. Jahrhundert ist derzeit ein erneuter fundamentaler Wandel zu konstatieren (vgl. die Tabelle der PDF-Version). Vernetzung und informationstechnische Revolution schaffen umfassendere Bezüge und verändern Formen und Inhalte des Arbeitens und Lebens. Der Alltag ist mobilisiert.[1] Vormals getrennte Bereiche werden neu kombiniert. Erwerbsarbeit wird z.B. über Telearbeit zurück in den Wohnbereich geholt. Die Nutzung moderner Kommunikationstechnik, die die Re-Integration ermöglicht, substituiert Mobilität jedoch nur selten; eher ist eine parallel laufende Entwicklung zu verzeichnen.

Im modernen Alltag werden Räume des Transits immer wichtiger. Sie dienen der Zirkulation von Personen und Waren. Global und weiträumig in multinationalen Netzen zu agieren, bedeutet, die eigene Partikularisierung zu leben. Die Moderne produziert zusätzliche Wege (Luftwege), neue Oberflächen (landscapes) und Volumen und damit ein verzerrtes Bewusstsein davon, was die Räume sind, in denen wir leben. Unter dem Eindruck neuer Kommunikationsmittel und schnellerer Verkehrsmittel scheint die Welt zusammenzurücken; zumindest sind Menschen, wie auch Arbeit, Waren,[2] Kapital und Ideen weltweit auf Achse.

Die Tourismusbranche gilt als "die" Zukunftsindustrie des 21. Jahrhunderts: "Nach Ermittlungen der Welt-Tourismus-Organisation (WTO) zog es in den neunziger Jahren rund 530 Millionen Reisende pro Jahr ins Ausland - fast doppelt so viele wie 1980 (288 Mio.) und rund zwölf Mal so viele wie 1950 (25 Mio.). Die Zahl der Touristen wird weltweit bis zum Jahr 2010 auf über 900 Millionen anwachsen."[3] Zygmunt Bauman macht den Touristen sogar zum Inbegriff des modernen Menschen,[4] John Urry spricht von einem Tourismus-System.[5]

Über die Mobilität in Deutschland geben die Daten von KONTIV[6] umfassend Auskunft. Im Durchschnitt legt ein erwachsener Bundesbürger am Tag 3,6 Wege zurück, überwindet dabei eine Entfernung von 40 Kilometern und ist 74 Minuten lang unterwegs. Für zwei Drittel der Wege wird der Pkw benutzt. Im Vergleich zu den 1970er Jahren hat sich damit der Anteil an Fußwegen halbiert, vielleicht auch, weil sich die Entfernung nahezu verdoppelte. Mobilität hat zudem mit dem sozialen Rang, der Stellung in der Gesellschaft zu tun. Besserverdienende sind mehr unterwegs, wer arm ist, ist weniger mobil: Mobilität spiegelt die soziale Einbettung wider. Jugendliche pflegen andere Mobilitätsstile als Ältere. Der U-Move-Studie[7] folgend sind Jugendliche hoch mobil, unternehmen im Schnitt vier Tagesausflüge im Monat und fahren zwei Mal im Jahr in den Urlaub. Mit zunehmendem Alter sinkt die Häufigkeit für beide Ausflugstypen. Schüler sind mehr unterwegs als Auszubildende. Berufstätige Jugendliche und solche in der Berufsausbildung haben dafür offensichtlich weniger Zeit. Werktags legen laut U-Move-Studie Jugendliche im Schnitt vier Wege (von 22-minütiger Dauer) zurück, samstags bzw. sonntags durchschnittlich drei Wege à 21 Minuten.[8] Am Wochenende entfallen die Wege zur Arbeit, es geht also ausschließlich um Freizeit- und Besorgungswege.

Wenn Reiche anders unterwegs sind als der Durchschnitt, wenn Ältere andere Mobilitätsstrategien praktizieren als Jüngere und wenn Studierende sich von jungen Berufstätigen unterscheiden, dann gilt es, die Frage nach der Differenzierung und Ausdifferenzierung von Mobilität zu beantworten.[9] Welche sozialen Differenzierungen führen zu welchen Mobilitätsstilen? Unterscheidbare Bevölkerungsgruppen haben dennoch ähnliche alltägliche Mobilitätsanlässe: Arbeits- bzw. Ausbildungswege sowie Versorgungs-, Freizeit- oder Partizipationswege.

Fußnoten

1.
Vgl. Claus J. Tully/D. Baier, Mobiler Alltag. Mobilität zwischen Option und Zwang, Wiesbaden 2006.
2.
Europäische Papierhersteller aus Finnland und Spanien transportieren Holz aus Europa nach Südamerika, lassen dort unter Umgehung von Umweltschutzrichtlinien Papiermasse produzieren und verfrachten sie zur Weiterverarbeitung zurück nach Europa.
3.
Horst W. Opaschowski, Tourismus, Opladen 2002, S. 196.
4.
Vgl. Zygmunt Bauman, Flaneure, Spieler und Touristen, Hamburg 1997.
5.
Vgl. John Urry, The Tourist Gaze, London 1990, S. 2ff.
6.
Die kontinuierliche Erhebung des Verkehrsverhaltens (KONTIV) ist eine bundesweite Befragung von mehreren zehntausend Haushalten, die seit 1976 zum vierten Mal durchgeführt wurde: Vgl. Infas/DIW, KONTIV 2002. Mobilität in Deutschland, Bonn-Berlin 2002.
7.
"U.Move" war ein Gemeinschaftsprojekt des DJI und des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS). Der Projekttitel verdankt sich dem jugendkulturellen Jargon. Die Ausgangsfrage lautete: "Wie bewegen sich junge Leute?" und wurde in "How do You (U) Move?" ("Wie bewegst du dich?") übersetzt. Es wurden nahezu 4 500 Jugendliche im Alter von 15 bis 26 Jahren zu ihren Mobilitätseinstellungen befragt. Vgl. Marcel Hunecke/Claus J. Tully/Doris Bäumer (Hrsg.), Bewegte Jugend, Opladen 2002.
8.
Vgl. Claus J. Tully, Technik im Jugendalltag, in: Marcel Hunecke/Claus J. Tully/Doris Bäumer (Hrsg.), Mobilität von Jugendlichen, Opladen 2002, S. 65 - 88.
9.
Vgl. Claus J. Tully/D. Baier, Die Verschränkung zweier Dynamiken, in: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie (i. E.)