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Glaube und Vernunft im Islam


21.6.2007
Welche Konzepte verbergen sich hinter den Begriffen "Glaube" und "Vernunft" in der islamischen Theologie? Und wie ist es um deren Verhältnis im Islam eigentlich bestellt?

Einleitung



Ein Ruf, der in Diskussionen über den derzeit als desolat empfundenen Zustand der islamischen Welt oft ergeht, ist der nach einer "Aufklärung", einer radikalen Veränderung, die eine Neubestimmung des Verhältnisses von Glaube und Vernunft mit sich bringt. Wie aber ist es um dieses Verhältnis in der islamischen Religion eigentlich bestellt? Welche Konzepte verbergen sich hinter den Begriffen "Glaube" und "Vernunft" in der islamischen Theologie?[1] Da es sich bei der Rolle der Vernunft im Islam und ihrem Verhältnis zu Glaube und Wissen um sehr vielschichtige Probleme handelt, bedarf es hier einer breit angelegten Einführung in die islamische Geistesgeschichte der Frühzeit.






Als Muhammad, nach islamischer Tradition der letzte Prophet, im Jahr 632 christlicher Zeitrechnung starb, galt die Offenbarung als abgeschlossen. Die letzte Sure des Korans war offenbart, und die sunna, das Vorbild des Propheten, war mit dessen Tod ebenfalls zu einem Ende gelangt. Mit dem Versiegen der Quellen trat die islamische Religion in eine neue Phase ein: Die Phase der Kanonisierung und Systematisierung. Etliche Entwicklungen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Erst im Verlauf der ersten beiden Jahrhunderte islamischer Zeitrechnung (d.h. im siebten und achten Jahrhundert nach Christi Geburt) wurden die zentralen Quellen in ihrer heute gültigen Fassung zusammengestellt.

Der Text des Korans selbst soll nach traditioneller islamischer Ansicht unter dem dritten Kalifen, 'Utman (23 - 35 bzw. 644 - 655), in kanonischer Form festgelegt worden sein, vermutlich aber erst im frühen achten Jahrhundert. Die Kompilatoren der sechs großen sunnitischen Sammlungen von ahadit (Plural von hadit = Berichte über Aussagen und Handlungen des Propheten) wirkten während des dritten islamischen, d.h. des neunten christlichen Jahrhunderts.

Viele Lehren, Gesetze und Interpretationen entwickelten sich erst mit der Zeit. Zwar waren die Offenbarung und das Beispiel des Propheten Muhammad offensichtliche Quellen muslimischen Glaubens und Lebens, aber wer hatte das Recht, diese Quellen zu interpretieren, mit welchen Mitteln und was folgte daraus? Ein wichtiger Unterschied zum Christentum ist hierbei die Abwesenheit von Institutionen, denen alle Gläubigen unterstehen und die über diese Fragen von rechtem Glauben und Handeln entscheiden. Freilich gab und gibt es in der islamischen Welt einflussreiche Gelehrte, an deren Meinungen sich viele Gläubige orientieren, doch ist ihre Autorität nicht unbedingt bindend. Ein wichtiger Grund, warum es heute so viele gegensätzliche Interpretationen des Islam gibt, ist die Möglichkeit jedes Gläubigen, sich das für die Auslegung der religiösen Quellen notwendige Wissen selbst anzueignen. Liberale Reformer sind daher eine genauso authentische Erscheinungsform des Islam wie radikale Fundamentalisten.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zum Christentum ist, dass die Muslime sehr früh, schon zu Lebzeiten des Propheten, erhebliche militärische und politische Erfolge erzielten. Diese brachten Machtverteilungsprobleme mit sich, in deren Zusammenhang eine Regulierung der Deutungshoheit der religiösen Quellen von entscheidender Bedeutung war.[2] Während einige Muslime eine privilegierte Position für die Rechtsgelehrten einforderten, griffen andere bevorzugt auf die Vernunft als individuelles Erkenntnismittel zurück. Dies erlaubte es zum Beispiel Herrschern, sich auf ihre eigene Interpretation der religiösen Texte zu berufen, wie weiter unten am Beispiel des Kalifen al-Ma'mun gezeigt wird.

In vielen Fällen lassen sich die Wurzeln für die divergierenden Lesarten der islamischen Lehre in der Gegenwart in Entwicklungen finden, deren erste Weichenstellungen in den religiösen und politischen Konflikten der islamischen Frühzeit liegen und die einen weiten Orientierungsspielraum für sehr unterschiedliche Grundüberzeugungen ließen. In diesen ersten zwei, drei Jahrhunderten sind nicht nur die kanonischen Quellen und dogmatischen Grundlagen festgelegt worden - wir finden hier das, was sich als islamische Theologie bezeichnen lassen kann.[3]

Prinzipiell kann also festgehalten werden, dass viele Autoren des klassischen Islam der Vernunft bzw. dem rationalen Wissen in der Religion eine große Bedeutung beimaßen. Die Vernunft ('aql) wurde dem Menschen von Gott mit der Maßgabe gegeben, sie zu verwenden. So heißt es etwa in der 38. Sure des Koran: "(Der Koran ist) eine von uns zu dir hinabgesandte, gesegnete Schrift (und wird den Menschen verkündet), damit sie sich über seine Verse Gedanken machen, und damit diejenigen, die Verstand haben, sich mahnen lassen." (Vers 29, Übersetzung Rudi Paret)

An dieser und anderen Stellen im Koran wird betont, die Funktion der Offenbarung sei es, den Menschen die göttliche Wahrheit erkennen zu lassen. Manche haben dies als spirituelles Erkennen gedeutet, viele andere jedoch als rationale Einsicht. Uneins waren sich die Gelehrten hinsichtlich der Frage, auf welche Gebiete die menschliche Vernunft nicht zugreifen konnte und wo der Mensch sich lieber auf die Offenbarung bzw. Überlieferung (naql) stützen sollte, ohne weiter nachzufragen. Dieses Problem lässt sich in unterschiedlichen Disziplinen der islamischen religiösen Wissenschaften finden.


Fußnoten

1.
Den Rahmen dieser Einführung bildet die frühe islamische Theologie, deren Autoritäten auch für moderne religiöse Denker maßgeblich sind. Der Begriff "Islam" bezieht sich hier auf die religiöse Lehre und ihre Ausdeutung im engeren Sinne, nicht auf die islamische Welt oder Kultur im weiteren Sinne. Jahresangaben sind i.d.R. in islamischer und christlicher Zeitrechnung.
2.
Vgl. Patricia Crone, Medieval Islamic Political Thought, Edinburgh 2005.
3.
Das Standardwerk für die theologischen Entwicklungen in der islamischen Frühzeit ist Josef van Ess, Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam, 6 Bände, Berlin 1991 - 1995. Darstellungen einzelner Probleme finden sich in den Sammlungen der Artikel von Richard M. Frank, Philosophy, Theology and Mysticism in Medieval Islam. Texts and Studies on the Development and History of Kal?m, Bd. 1, hrsg. von Dimitri Gutas, Ashgate 2005.