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Demokratie und islamische Staatlichkeit


21.6.2007
Muslime müssen sich auf ihre Wurzeln besinnen und diese im Licht der zeitgenössischen Wirklichkeit und Komplexität neu verstehen lernen.

Einleitung



Im Zuge der Globalisierung hat sich die Demokratie in weiten Teilen der Erde etabliert und ist als rechtmäßigste aller Regierungsformen in Mode gekommen. Die arabische Welt jedoch weist weiterhin ein enormes Demokratiedefizit auf. Dieses wird allenfalls gemildert durch Bestrebungen zur Stabilisierung und Demokratisierung in Indonesien, Malaysia, Pakistan, Bangladesch, der Türkei und Iran, die jedoch noch in den Kinderschuhen stecken. Die meisten Kommentatoren in der westlichen Welt - vor allem in den Vereinigten Staaten - sind geneigt, Iran als totalitäres, von Klerikern geführtes Herrschaftssystem abzutun und ignorieren dabei die Tatsache, dass sich das iranische Regime trotz zahlreicher Fehlentwicklungen und Einschränkungen als recht stabil erwiesen hat (tatsächlich ist es demokratischer als die meisten Regime der Region und ganz sicher demokratischer als der prowestliche, proamerikanische Iran unter der Regierung des Schah). Dennoch fällt der Mangel an Demokratie in den meisten Ländern der arabischen Welt in eklatanter Weise ins Auge, und die Frage der Vereinbarkeit des Islam mit der Demokratie ist mit dem Erstarken des politischen Islam und islamischer Politik in der Region zu einem Thema von globaler Bedeutung geworden.[1]




Manche Kommentatoren im Westen und der muslimischen Welt sind gleichermaßen daran interessiert, die Vereinbarkeit des Islam und der Demokratie zu verneinen. Einige westliche Forscher vertreten die Auffassung, der Islam sei mit der Moderne und insbesondere mit der Demokratie nicht in Einklang zu bringen und beharren darauf, Muslime müssten sich entweder vom Islam abwenden oder diesen erst reformieren, um sich zur "modernen Welt" zählen zu können.[2] Einige muslimische Gelehrte und militante Islamisten lehnen die Demokratie mit dem Argument ab, sie widerspreche den Geboten Gottes, respektive der islamischen Scharia. Ebenso wie die westliche Dominanz lehnen sie auch die Demokratie strikt ab und sehen in ihr fälschlicherweise ein spezifisch westliches Produkt.[3] Glücklicherweise sind diese Argumente sowohl in der Theorie als auch in der Praxis auf ganzer Linie widerlegt worden. Die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie wird inzwischen nicht mehr in Frage gestellt. Muslimische Wissenschaftler haben schlüssig bewiesen, dass der Islam und demokratische Verfahren durchaus nebeneinander bestehen können: Mit Verweis auf die in einigen muslimischen Ländern existierende Demokratie sowie auf Muslime, die im Westen und in Ländern wie Indien leben, in denen die Demokratie fest verwurzelt ist, haben sie die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, dass der Islam und die Muslime sich auch in demokratischen Gesellschaften entfalten können.[4]

Dass der Islam und die Demokratie miteinander vereinbar seien, stellt keine argumentative Herausforderung mehr dar - diese Debatte ist abgeschlossen, wenngleich ihre Schlussfolgerungen noch nicht überall anerkannt werden. Für muslimische Gelehrte liegt die Herausforderung vielmehr darin, einen Schritt darüber hinauszugehen und Vorstellungen von einer islamischen Demokratie sowie deren konstituierende Prinzipien und Charakteristika aufzuzeigen. In diesem Beitrag werde ich versuchen, mich der Demokratie aus dem islamischen Kontext heraus anzunähern und die allgemeinen Grundsätze einer islamischen Demokratie aufzuzeigen.

In der Debatte um die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie wurde das Konzept von Demokratie häufig als gegeben vorausgesetzt und als feste und unumstrittene Idee betrachtet. Man nähert sich dem Islam von "außen" und hinterfragt, ob er mit demokratischen Grundsätzen vereinbar sein kann. In diesem Text werde ich aus innerislamischer Sicht darlegen, wie die islamische Struktur eines Regierungssystems meiner Auffassung nach beschaffen sein sollte - die Leser werden erkennen können, dass dieses grundlegend demokratischer Natur ist.


Fußnoten

1.
Vgl. Noah Feldman, After Jihad: America and the Struggle for Islamic Democracy, New York 2003.
2.
Vgl. Bernard Lewis, Islam and Liberal Democracy, in: Atlantic Monthly, 27 (1993) 2, S. 89.
3.
Vgl. Abdulwahab El-Affendi, Democracy and its Muslim Critics: an Islamic alternative to Democracy?, in: Muqtedar Khan (Ed.), Islamic Democratic Discourse: Theory, Debates and Philosophical Perspectives, Lanham, MD 2006, S. 227 - 256.
4.
Diese Argumentationskette findet sich bei Mumtaz Ahmad, Islam and Democracy: The Emerging Consensus, in: Islamonline.net (6. 5. 2002) sowie www.islamonline.net/english/Contemporary/2002/05/Article15.shtml. Vgl. auch die Zusammenstellung von Essays in: Khaled Abou El Fadl/Joshua Cohen/Deborah Chasman, Islam and the Challenge of democracy, Princeton 2004 und M. Khan, ebd.