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Europäisierung des Islam und Islamisierung der Debatten


21.6.2007
Während muslimische Diskurse europäische Realitäten in den Blick nehmen, kommt es in Europa – nicht erst seit dem 11. September - zu einer Islamisierung öffentlicher und akademischer Debatten.

Einleitung



Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wächst die Zahl der Einwanderer und Einwanderinnen und postkolonialen Siedler aus islamisch geprägten Gesellschaften in Europa. In den heutigen Grenzen der Europäischen Union (EU) leben mindestens fünfzehn Millionen Menschen, die aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen, ihrer sozialpolitischen statements oder zumeist schlicht im Rückschluss auf ihre geographische Herkunft oder familiäre Abstammung als Muslime und Musliminnen gezählt werden.[1] Die Zahl deutscher, französischer, britischer etc. Staatsbürger islamischen Glaubens sowie der Anteil der in Europa geborenen zweiten und dritten Generationen nehmen ständig zu. Wie entwickelt sich islamische Religion und Religiosität unter den neuen Gesellschaftsmitgliedern mit muslimischem Hintergrund, unter den muslimischen Gemeinschaften und Bewegungen, die heute in europäischen Gesellschaften leben?




Die Frage, ob es sich bei den ehemaligen Einwanderern aus islamisch geprägten Ländern und ihren Nachkommen um praktizierende, überzeugte, religiöse, aktive, moderate, fanatische, fundamentalistische, gemäßigte oder nominelle Muslime, um Islamisten, Neo-, Herkunfts- oder Kulturmuslime handelt, ist relativ jung. Während der ersten zwanzig bis dreißig Jahre seit Beginn des Dekolonisierungsprozesses und der Ankunft der ersten "Gastarbeiter" wurde sie in Westeuropa überhaupt nicht gestellt - und die zunächst hauptsächlich männlichen Einwanderer, deren Aufenthalt von ihnen selbst und von außen als vorübergehend fehleingeschätzt wurde, wurden auch nicht als Muslime wahrgenommen, sondern meist in ihrer ökonomischen Funktion (z.B. als "Gastarbeiter") und/oder in nationalen Kategorien.[2]

Die akademische Forschung sah, von wenigen Vertretern der explizit mit Religion befassten Disziplinen abgesehen, keinen Anlass, dem Islam eine besondere Bedeutung in den Integrationsprozessen beizumessen;[3] einerseits, weil die zu Recht noch nicht religiös definierte "Objektgruppe" keine öffentlich sichtbaren Anzeichen von Religiosität zeigte,[4] andererseits, weil sich das öffentliche und wissenschaftliche Interesse im Nachkriegs- und postkolonialen Europa eben nicht auf die Religion konzentrierte. Noch in den 1970er Jahren waren religionsbezogene Fragestellungen unmodern, was nicht so bleiben sollte[5] - im Gegenteil: Insbesondere im Falle des Islam scheinen sie heute zu den brennendsten Fragen in der westeuropäischen Öffentlichkeit und Sozialforschung zu gehören. Wie lässt sich der Aufschwung dieses "Muslim factor" erklären?

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Fußnoten

1.
Der Artikel enthält Auszüge aus dem Buch: Muslime in Europa. Religion und Identitätspolitiken unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen, Münster 2006, die mit freundlicher Genehmigung des Lit-Verlages in diesem Artikel verwendet worden sind.

Zugunsten einer besseren Lesbarkeit wird im Folgenden nur eine geschlechtliche Form in der Pluralform personenbezogener Substantive verwendet, die neutral verstanden wird. Wenn von Muslimen die Rede ist, bedeutet dies, dass sowohl Frauen wie auch Männer gemeint sind.
2.
Vgl. K. Duran, Der Islam in der Diaspora: Europa und Amerika, in: W. Ende/U. Steinbach (Hrsg.), Der Islam in der Gegenwart, München 1984, S. 440 - 469; S. Allievi, How and Why ,Immigrants` became ,Muslims`, in: ISIM Review, (2006) 18, S. 18. (ISIM - international institute for the study of islam in the modern world.)
3.
Vgl. J. Nielsen, Muslims in Western Europe, Edinburgh 1992, S. 2.
4.
Vgl. A. Kettani, Challenges to the Organization of Muslim Communities in Western Europe. The Political Dimension, in: W. A. R. Shadid/P. S. van Koningsfeld (Eds.), Political Participation and Identities of Muslims in Non-Muslim States, Kampen, S. 14 - 35.
5.
Vgl. D. Pollack, Individualisierung oder Säkularisierung? Zur neueren religionssoziologischen Debatte des Verhältnisses von Religion und Moderne, in: Berliner Dialog, 97 (1997) 4, S. 16 - 18.