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Bioethik und die Scharia


21.6.2007
Reproduktionsmedizinische Verfahren wie künstliche Befruchtung oder Klontechnik werden auch in der islamischen Welt kontrovers diskutiert.

Einleitung



Ein drei Tage alter Embryo ist kleiner als der Punkt am Ende dieses Satzes. Dennoch kann er mittels bildgebender Diagnostik sichtbar gemacht werden. Moderne Medizintechnik eröffnet dem Betrachter faszinierende Einblicke in die Entfaltung des menschlichen Lebens in seinen Anfängen und nach planvollem Muster. Doch die technisch gewachsene Transparenz des Körpers und der sich darin abspielenden Prozesse gibt nicht nur Anlass zu Beifall spendender Bewunderung. Sie geht Hand in Hand mit einer bedrohlichen Verfügbarkeit des Menschen, die sich je nach Tagesaktualität der Feuilletons in Metaphern wie Schöpfungseingriff, Überschreitung des Rubikons oder prometheische Hybris niederschlägt und die ihren Schatten auf die alte Frage wirft, wann der Mensch beginnt, ein Mensch zu sein.






Hierzulande verlaufen die bioethischen Konfliktlinien im Kontext von hellenistisch-christlich geprägten Wertvorstellungen. Biomedizinische Methoden wie künstliche Befruchtung, Klontechnik und Stammzellforschung rühren an Grenzziehungen des menschlichen Lebens und erschüttern traditionelle Wertübereinkünfte, in deren Zentrum die Idee der Menschenwürde steht. Der Rekurs auf diesen Argumentationsmittelpunkt bringt letztlich auch das nicht-religiöse Selbstverständnis an die kulturhistorisch gewachsenen Grenzen seines säkularen Selbst. Doch gilt es, den Blick auch über den eigenen kulturellen Tellerrand hinaus zu werfen und nach bioethischen Auseinandersetzungen außerhalb des christlichen oder christlich geprägten säkularen Selbstverständnisses zu fragen. Denn die rapide Verbreitung biomedizinischer Technologien rund um den Globus hat bioethische Diskurse in allen Kulturkreisen in Gang gebracht und Problemfelder aufgeworfen, die das menschliche Dasein ganz existenziell und gewissermaßen "vorkulturell" berühren.[1] Hinzu kommt, dass in Deutschland etwa 3,3 Millionen Muslime leben, was sich auf die medizinische Praxis im Krankenhausalltag auswirkt.[2] Es stellt sich die Frage, ob die Religion des Islam spezifische Deutungsmuster und ethische Orientierungslinien etwa im Umgang mit entstehendem menschlichem Leben bereithält.

Auch in muslimischen Gesellschaften und Staaten werden unter den Rechtsgelehrten und Theologen kontroverse Diskussionen über die Zulässigkeit von Stammzellforschung und Gentechnologie geführt.

Von Bedeutung war in diesem Zusammenhang der Vorschlag Irans bei Verhandlungen der UNO über ein weltweites Verbot der Klontechnik im Herbst 2003, die Entscheidung zu vertagen, wobei man sich auf das Rechtsgutachten eines ägyptischen Mufti stützte, der sich permissiv zur Technik des therapeutischen Klonens geäußert hatte. Inwieweit sich charakteristische Konfliktlinien bei islamischen Bioethikdiskussionen zum Lebensbeginn abzeichnen, ist also von globaler Tragweite.

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Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Eich/Thomas Sören Hoffmann (Hrsg.), Kulturübergreifende Bioethik. Zwischen globaler Herausforderung und regionaler Perspektive, München 2006.
2.
Vgl. hierzu die Publikationen des Humanmediziners und Islamwissenschaftlers Ilhan Ilkilic, Begegnung und Umgang mit muslimischen Patienten, Bochum 2006.