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21.6.2007 | Von:
Kai Hafez
Carola Richter

Das Islambild von ARD und ZDF

Zwischen Islamverdrossenheit und neuer Ausgewogenheit

Insgesamt wurde der Islam in den vorstehenden Sendungen in 133 Sendungen und Einzelbeiträgen thematisiert. Im Ergebnis zeigt sich, dass 81 % aller Thematisierungen bei ARD und ZDF negativ konnotierten Themen zugerechnet werden können; lediglich 19 % repräsentieren ein neutrales oder positives Themenspektrum. Themen im Bereich Terrorismus/Extremismus sind für deutsche Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen/Reportagen das attraktivste und bedeutsamste Thema in der Auseinandersetzung mit dem Islam. In den letzten anderthalb Jahren hat sich etwa ein Viertel der Islambeiträge (23%) mit diesem Themenfeld beschäftigt. Auffälliger noch als dieser Befund ist die Tatsache, dass auch die restliche Islamagenda ganz überwiegend von konfliktorientierten Themen beherrscht wird, die hier unter folgenden Themenkategorien zusammengefasst wurden: internationale Konflikte (17%), Integrationsprobleme (16%), religiöse Intoleranz (10%), Fundamentalismus/Islamisierung (7%), Frauen/Unterdrückung/Emanzipation (4%) und Menschenrechtsverletzungen/Demokratiedefizite(4%). In diesen Themenfeldern enthalten sind gewaltfreie wie auch gewaltförmige Konflikte wie der Libanonkrieg oder der Karikaturenstreit (Kategorie internationale Konflikte), die Verfolgung von Christen im Nahen Osten (Kat. religiöse Intoleranz), Ehrenmorde und Vergewaltigungen von Frauen (Kat. Frauen/Unterdrückung/Emanzipation), Widerstände gegen Moscheebauten, Asylprobleme oder Integrationswiderstände junger Türken (Kat. Integrationsprobleme). Neutrale oder auch positive Themen, in denen nicht Gewalt und Gesellschaftskonflikte, sondern reguläre Gesellschaftsabläufe (Kat. Alltag/Soziales 8%) bzw. Fragen der Kultur und der Religion (11%) im Vordergrund stehen, stellen weniger als ein Fünftel aller Thematisierungsanlässe dar.

Islamthemen werden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wellenartig und motiviert durch aktuelle Ereignisse aufgegriffen. Im Untersuchungszeitraum waren die wichtigsten Ereignisse: Juli 2005 - Anschläge in London, Januar 2006 - Integrationsdebatte (Einbürgerungstest), Februar 2006 - Karikaturenstreit, August 2006 - Kofferbomber in Deutschland, September 2006 - Absetzung der Idomeneo-Oper in Berlin, Islamkonferenz und Papstrede in Regensburg, November/Dezember 2006 - Papstbesuch in der Türkei.

Die Ereignisse lösen dabei hauptsächlich Diskurse aus, die mit dem Sicherheitsbedürfnis des Westens zusammenhängen. Themen des Bereichs Sicherheit und Gewalt werden mit Titeln wie "Gefährliche Islamisten", "Hassprediger in Deutschland", "Terroristen als Nachbarn", "Nachwuchs für die Parallelgesellschaft" vor allem in den Magazinsendungen (Frontal21, Kontraste, Monitor, Panorama, Report etc.) bedient, da diese besonderen Wert auf Enthüllungsjournalismus legen. In den Talkshows (Sabine Christiansen, Menschen bei Maischberger, Johannes B. Kerner, Beckmann, Presseclub etc.) findet das Thema Islam erst dann Einzug, wenn es im aktuellen Nachrichtenfluss bedeutsam wird. Dabei ist auffällig, dass das Thema im Gegensatz zu den Magazinen, die auf ganz spezifische Fälle fokussieren, hier durchweg breit und ohne konkrete Fragestellung aufgegriffen wird ("Brauchen wir mehr Intoleranz?", "Noch eine Chance für friedliches Miteinander?", "Weltproblem Radikalismus. Das Drama der Bevölkerungsexplosion", "Rente, Jobs und Glaubensfragen. Krisenherde vor den Landtagswahlen"). Die ad-hoc-Thematisierung und der Zwang zur schnellen Auswahl von passenden Talkgästen scheint aber auch dazu zu verleiten, eine ganze Bandbreite an national und international aufgetretenen Problemen zu diskutieren, die wenig miteinander und oftmals nur marginal etwas mit dem Islam zu tun haben ("Atombomben und Karikaturen").

Die meisten Themen mit Islambezug finden sich nach wie vor in den Auslandsmagazinen der Sender (Weltspiegel, Auslandsjournal, Europamagazin). Dort existieren zwei unterschiedliche Szenarien mit Blick auf den Islam. Der Islam wird als subtile Bedrohung in Form eines Lageberichts aus Kriegsgebieten aufbereitet ("In der Höhle des Löwen - Treffen der Terror-Fürsten", "Afghanistan - Werbefeldzug der Taliban", "Terrorschmiede oder Elite-Uni? Die Islamschule im indischen Deoband") bzw. in Berichten über die Intoleranz von Muslimen gegenüber Nichtmuslimen ("Ägypten - Moslems als Menschenfänger", "Zwischen den Stühlen - Die jüdische Minderheit im Iran", "Zwangskonvertierung und Zwangsheirat - Die Diskriminierung koptischer Christen in Ägypten"). Oder aber der Islam wird durch Reportagen über einzelne Menschen aufgegriffen und personalisiert ("Wahlkampf mit Schleier - Eine Frau kandidiert für die Hamas", "Lust-Ehe auf Zeit - Prostitution im Iran", "Imam mit Ballgefühl - Ein türkischer Geistlicher und sein Fußballteam", "Spaß am Spiel - Die weiblichen Fußballfans im Iran", "Marokko - Frauen lehren den Koran").

Vergleicht man die Anzahl der Thematisierungen des Islam mit der Zahl derjenigen Berichte, die dem negativen Themenspektrum entspringen (folgende Kategorien lassen sich dem negativen Themenspektrum zuordnen: Terrorismus/Extremismus; internationale Konflikte; religiöse Intoleranz; Fundamentalismus/Islamisierung; Frauen/Unterdrückung/Emanzipation; Integrationsprobleme; Menschenrechtsverletzungen/Demokratiedefizite), so zeigt sich, dass die ARD wegen der größeren Anzahl relevanter Sendungen den Islam zwar öfter thematisiert als das ZDF, dass bei beiden Sendern die Negativagenda des Islam aber einen ähnlich großen Anteil hat (siehe Tabelle der PDF-Version).

Bei kritischer Betrachtung der einzelnen Genres und Sendungen bestätigt sich, dass insbesondere die allgemeinen politischen Magazin- und die Talksendungen nahezu ausschließlich über Negativthemen berichten.

Der mögliche Einwand, gerade Magazinsendungen müssten sich per definitionem zwangsläufig auf Negativaspekte konzentrieren, resultiert zwar aus der gängigen journalistischen Praxis, ist aber nicht begründet. Ein Verständnis, das die politische Nachricht ausschließlich als negative Abweichung von der Realität definiert, wird in der Medienwissenschaft seit Jahrzehnten immer wieder allgemein kritisiert.[3] Darüber hinaus ist die "Islamisierung" politischer Sachverhalte in den Magazinsendungen auffällig und problematisch. Diese Thematisierungsentscheidung durch die Redaktionen führt zum Aufbau und Verfestigung eines kulturalistischen Weltbildes. Es bleibt beispielsweise fraglich, warum das Europamagazin ausgerechnet "den Islam" immer wieder im Zusammenhang mit der Türkei thematisiert, obgleich dies ein Randthema der EU-Integration der Türkei ist.

Diese Kulturalisierung politischer Themen und die Fokussierung auf Negativaspekte in der Berichterstattung über Muslime birgt ohne jeden Zweifel die Gefahr, eine sehr einseitige öffentliche Debatte und - in Analogie zur viel besprochenen "Politikverdrossenheit" - eine Art "Islamverdrossenheit" beim Publikum zu erzeugen.

Unterschiedliche Magazinformate haben zudem unterschiedliche Nachrichtenwerte, und gerade bei Kulturmagazinen kann ein "Zwang zur Negativthematisierung" sicher nicht geltend gemacht werden. Kulturmagazine hätten im Prinzip größere Berichterstattungsspielräume, da ihre Interessen sich auf langfristige kulturelle Prozesse beziehen könnten - aber die Untersuchungsergebnisse zeigen etwas anderes: Während eine kleinere Büchersendung wie Druckfrisch (ARD) eigene Wege geht und sich auf allgemeine kulturelle Werke konzentriert, reproduzieren die großen Magazinsendungen wie Kulturweltspiegel, Titel Thesen Temperamente (ARD) sowie Aspekte und das Philosophische Quartett (ZDF) im Wesentlichen die negative Agenda des politischen Journalismus. Integrationsprobleme oder der vorgebliche "Kampf der Kulturen" zwischen dem Islam und dem Westen werden hier aus der Perspektive des Kunst- und Literaturbetriebs dupliziert - eine eigenständige Themenfindung im großen Spektrum der zeitgenössischen orientalischen Kultur mit ihren zahlreichen Buchmessen, Filmfestspielen und religiös-kulturellen Ausprägungen findet im Grunde nicht statt. Eine starke Personalisierung und Konzentration auf kulturelle "Dissidenten" (z.B. Orhan Pamuk, Ayaan Hirsi Ali, Akbar Ganji) ersetzt einen kulturellen Feature-Journalismus vor Ort, für den die Redaktionen unter Umständen keine Mittel haben.

Bei den Auslandsmagazinen zeigt sich deutlich, dass die Sendungen sehr unterschiedliche Redaktionspolitiken verfolgen. Während die ARD-Sendung Weltspiegel fast ausschließlich eine Negativagenda verfolgt, bemüht sich das Auslandsjournal des ZDF sichtbar um eine interne Differenzierung der Agenda und setzte im Untersuchungszeitraum in die übliche Konfliktagenda Themen wie: weibliche Fußballfans in Iran; erster Muslim im amerikanischen Kongress oder Aufklärungsshows in Ägypten. Dies ist insofern ungewöhnlich, als eine vorherige Untersuchung der Sendung Weltspiegel in der allgemeinen Auslandsberichterstattung zwar einen stärkeren Hang zu Negativismus als dem Auslandsjournal zuwies, allerdings auch eine stärkere Tendenz zu Erfolgsberichten, insgesamt also einen stärker polarisierenden Berichterstattungsstil.[4] Offensichtlich aber sieht die Weltspiegel-Redaktion bei der Islam-Thematik kaum Möglichkeiten zur neutralen oder positiven Darstellung. Beiträge des Europamagazins zum Thema Islam fokussierten im Untersuchungszeitraum ausschließlich auf Integrationsprobleme von Muslimen in diversen europäischen Ländern oder thematisierten eine fortschreitende Islamisierung in der Türkei.

In der Frauensendung ML Mona Lisa (ZDF) treten Musliminnen dann thematisch in Erscheinung, wenn sie entweder Opfer männlicher Unterdrückung sind oder aber als radikale Islamistinnen auftreten. Im vorliegenden Sample, das auf Beiträge fokussiert, die explizit "Islam" oder "Muslime" thematisieren, sind keine Beiträge enthalten, die Musliminnen unabhängig von ihrer Religion präsentieren (Frauen ohne Kopftuch etc.). Für die hier untersuchten Beiträge aber gilt, dass weder eigenständige traditionelle Musliminnen noch moderate so genannte "neue Musliminnen" im Fokus des Interesses stehen.

Die Kirchensendung Wort zum Sonntag positioniert sich gegenüber dem Islam erst dann, wenn der Islam auf der negativen Themenagenda der Medien steht - vor allem im Karikaturenkonflikt war dies der Fall. Darüber hinaus ist der Islam kaum Gegenstand eines interreligiösen Dialogs.

Einen Lichtblick stellen die Dokumentationen und Reportagen dar (16 Beiträge inkl. ZDF Expeditionen und Weltreisen, vgl. die Tabelle). Immerhin sieben Sendungen dieser Kategorie (44%) haben kein negatives Thema als Aufhänger, sondern bringen u.a. Berichte über muslimische Beerdigungen, christlich-muslimische Hochzeiten oder moderne Stadtporträts über Istanbul und Kairo. In diesem Bereich ist eine neue Ausgewogenheit festzustellen, der man Vorbildcharakter auch für andere Sendungen attestieren könnte.

In der Gesamtschau lässt sich sagen, dass sich die Darstellung des Islam in den Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu über 80% an einem Bild orientiert, in dem diese Religion als Gefahr und Problem in Politik und Gesellschaft in Erscheinung tritt. Das Islambild dieser Formate bei ARD und ZDF ist ein zugespitztes Gewalt- und Konfliktbild, das den Eindruck vermittelt, dass der Islam weniger eine Religion als vielmehr eine politische Ideologie und einen gesellschaftlichen Wertekodex darstellt, die mit den Moralvorstellungen des Westens kollidieren. Antizyklisch berichten ARD und ZDF lediglich in einigen Auslandsmagazinen und in Dokumentationen und Reportagen. Der Nachrichtenfaktor "Konflikt" dominiert ganz eindeutig, d.h. Themen werden begünstigt, die ein konflikthaftes, in weiten Teilen sogar ein offen gewaltsames Geschehen beinhalten.

Die vorliegende Analyse sagt nichts darüber aus, wie die Islam-Themen bearbeitet wurden. Es scheint durchaus Tendenzen zu geben, zunehmend muslimische Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Offene Stereotype werden immer mehr vermieden. Die Untersuchung zeigt aber, dass der Islam in einem thematischen Rahmen auftritt, der ein hohes Potenzial besitzt, das Islambild des Fernsehzuschauers zu prägen. Die heute als Mainstream-Ansatz anerkannte kommunikationswissenschaftliche Theorie des Agendasetting behauptet zwar nicht, dass Massenmedien die Meinung von Rezipienten bis ins Letzte beeinflussen können. Sie geht aber davon aus, dass nicht "Ereignisse" an sich die Medienberichte prägen, sondern die Thematisierungsentscheidungen der Medien, die aus der Vielzahl der Weltereignisse nur einige wenige herausgreifen. Die von Medien "gesetzten" Themen beeinflussen, worüber Menschen nachdenken.[5] Bei dem stark an Konflikt- und Gewaltthemen orientierten Islambild der Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen der öffentlich-rechtlichen Medien ist daher nicht anzunehmen, dass diese ein anderes als ein von Angst und Unbehagen geprägtes Bild begünstigen.

Die Untersuchung beansprucht ebenfalls nicht, Aussagen über das gesamte Programm von ARD und ZDF treffen zu können, denn die Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen sind nur ein Teil des Programms. Keinesfalls wird bestritten, dass es Nischen gibt, die eine ganz andere thematische Struktur aufweisen könnten. Allerdings sind diese Sendeplätze zumeist in den reichweitenschwächeren dritten regionalen Fernsehprogrammen oder in den regionalen Radioprogrammen der ARD angelegt. In den ebenfalls nicht untersuchten Nachrichten- und Sondersendungen von ARD/ZDF ist ein noch stärkerer Akzent auf Themen wie Terrorismus und internationale Konflikte zu erwarten.

Fußnoten

3.
Vgl. Viele Stimmen - eine Welt: Kommunikation und Gesellschaft heute und morgen. Bericht der internationalen Kommission zum Studium der Kommunikationsprobleme unter dem Vorsitz von Sean MacBride an die UNESCO, Konstanz 1981 (engl. Original 1980).
4.
Vgl. Sylvia Breckl, Auslandsberichterstattung im deutschen Fernsehen. Die Dritte Welt in Weltspiegel und auslandsjournal, Berlin 2006, S. 108 ff.
5.
Vgl. Patrick Rössler, Agenda-Setting. Theoretische Annahmen und empirischer Evidenzen einer Medienwirkungshypothese, Opladen 1997.