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Aufstieg und Ende der Gruppe 47


6.6.2007
1947 entstand sie, 1967 hörte sie auf zu existieren: die legendenumwobene Gruppe 47. Sie prägte den Literaturbetrieb – und damit die Kultur der Bundesrepublik Deutschland.

Einleitung



Sie entstand 1947, 1967 hörte sie auf zu existieren, ohne je aus der deutschen Literatur zu verschwinden: die legendenumwobene "Gruppe 47".[1] Für die einen war sie der Versammlungsort der neuen deutschen, der Nachkriegsliteratur schlechthin, für andere galt sie neben dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" als einzige nennenswerte Opposition gegen die "Restaurationsrepublik" Konrad Adenauers. Rechten war sie zu links, Linken zu rechts, und Kritiker aus beiden Lagern, die nie an ihren Treffen teilnahmen oder von ihr durch Nichtwiedereinladung ausgeschlossen wurden, beschimpften sie als mafiosen Medienfilz, der Meinungsterror ausübe. Freund- und Feindbilder, die ihr bis heute anhängen, belegen: Die Gruppe 47 hat eine deutliche Spur in der deutschen Literatur hinterlassen.






Noch am letzten Tag der alten Bundesrepublik, am 2. Oktober 1990, hieß es unter einem groß aufgemachten Bild in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), das die Gruppe 47 bei einer Tagung Anfang der 1960er Jahre in Berlin zeigte: "Bis zuletzt und ungeachtet aller Veränderungen wurzelte die Identität des Landes in den Texten des Jahres 1960." Also in Gedichten Hans Magnus Enzensbergers und in Martin Walsers "Halbzeit", in Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" und in Günter Grass' "Blechtrommel", in Heinrich Bölls "Billard um halb zehn" - in jenen Texten, die Ende der 1950er Jahre dem neuen kritischen Bewusstsein in der Bundesrepublik Ausdruck verliehen. Es waren übrigens jene Texte, deren Autoren der damalige FAZ-Chefkritiker Friedrich Sieburg Ende 1962, als ich die erste Nummer der Zeitschrift "Text + Kritik" (über Günter Grass) vorbereitete, in einem Brief an mich so charakterisierte: "Das ist (ihr Talent in Ehren) eine trübe Gesellschaft, dem deutschen Waschküchendunst entstiegen und gegen alles gerade Gewachsene feindselig gestimmt. Eine rechte Proletariergesellschaft, der ich indes die größten Zukunftsaussichten abzusprechen viel zu feige bin."

Die kulturgeschichtlichen und gesellschaftlichen Gründe für die nachhaltige Wirkung der Gruppe 47 hat Hermann Kinder 1989 formuliert, als er auf den Vorwurf antwortete, die Literatur der 1980er Jahre sei gemessen an der Literatur der 1950er und 1960er Jahre zusammenhanglos und disparat: "Die Bedeutung der Literatur der Gruppe 47 hat Bedingungen der Homogenität gehabt, die historisch nicht wiederholbar sind: die feste Einbindung der Literatur in den Meinungsbildungsprozess und einen oppositionellen Konsens, der sich aus der Ablehnung obsoleter Mentalitäten, insbesondere der mangelnden Überwindung des faschistischen Erbes ergab."[2]

Unter jüngeren Autoren reichte der Meinungsstreit über die Gruppe 47 von begeisterter Zustimmung bis zu vehementer Ablehnung, wie sie zum Beispiel Maxim Biller geäußert hat: "Die Gruppe 47 war ein Kleinbürger-Stammtisch, eine Art entnazifizierte Reichsschrifttumskammer, eine Vereinigung ehemaliger Nazi-Soldaten und HJler, von denen kein einziger Kraft gehabt hatte, zuzugeben, daß er für Hitler getötet und oder zumindest gehaßt hat. Diese Söhne waren genauso verlogen, apodiktisch und kleinbürgerlich-ängstlich wie ihre Väter, und sie sprachen über Literatur wie jene über das Wirtschaftswunder: stolz, ironielos und ohne Selbstzweifel."[3] Billers Urteil ist genährt vom Wissen späterer Zeit. Denn natürlich hatten die Schriftsteller, die sich 1947 zusammenfanden, eine Vergangenheit im "Dritten Reich", sie hatten sogar (meist belanglose) Texte geschrieben und waren unter Hitlers Befehl in den Krieg gezogen - aber haben sie sich von dieser Vergangenheit davongestohlen? Erst viel später, als die Gruppe 47 längst Geschichte war, fielen Schatten auf die Biographien einiger Mitglieder: So hatte Günter Eich ein Hörspiel im nazistischen Zeitgeist geschrieben; Alfred Andersch hatte sich bei der Reichsschrifttumskammer angebiedert, indem er ihr die Trennung von seiner jüdischen Frau mitteilte. Und dass Günter Grass bis 2006 verschwieg, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat ihm gewiss die Nicht-Aufnahme in die Gruppe oder einen späteren Rausschmiss erspart - denn da war Richter eindeutig.

Erst spät geriet in den Blick, dass sich die Autoren der Gruppe zwar viel mit Krieg und Nachkrieg beschäftigt hatten, dass aber in den 1950er Jahren die Vernichtung der europäischen Juden kein Thema für sie war, dass sich die Kriegsteilnehmer kaum selbstkritisch mit ihrer Rolle in Krieg und "Drittem Reich" auseinander setzten und dass die Gruppe mit den aus dem Exil heimgekehrten Schriftstellern Probleme hatte.

Doch all diese Vorwürfe treffen in dieser Radikalität nicht ins Zentrum des Phänomens. Die Gruppe 47 war vor allem ein Kind der Nachkriegszeit: noch belastet mit anderen Fragen als diesen, auf die es damals schon deshalb noch keine Antworten gab, weil nicht einmal die Fragen dafür gefunden, geschweige denn formuliert waren. Auch die Schriftsteller, die sich anfangs in der Gruppe 47 versammelten, waren versehrt von einer Gesellschaft, die schuldig geworden war; sie wollten bewusst zu ihr gehören und sich ihrer Verantwortung nicht entziehen. Sie waren aber auch beseelt vom Wunsch, die Zukunft zu gestalten - weshalb das Schlagwort vom "Nullpunkt" nicht so sehr eine Beschreibung der Lage als ein Wunsch gewesen ist, für viele verbunden mit der Verpflichtung, zu einer Zukunft beizutragen, in der sich diese Gesellschaft ihrer historischen Schuld zu stellen hätte.


Fußnoten

1.
Vgl. allg. zur Gruppe 47: Heinz Ludwig Arnold, Die Gruppe 47. Dritte, gründlich überarb. Auflage, München 2004 (= Sonderband von Text + Kritik); ders., Die Gruppe 47, Reinbek 2004.
2.
Hermann Kinder, Sätze zum Satz vom Ende der Literatur, in: Text + Kritik, 113 (1992), Vom gegenwärtigen Zustand der deutschen Literatur, S. 6.
3.
Brauchen wir eine neue Gruppe 47? 55 Fragebögen zur deutschen Literatur. Eingesammelt von Joachim Leser und Georg Guntermann, Bonn 1995, S. 58.