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Die APO und der Zerfall der Gruppe 47


6.6.2007
Der Zusammenhang zwischen der Mobilisierungsdynamik der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und dem Zerfall der Gruppe 47 wird anhand von drei Thesen diskutiert.

Einleitung



Mit Parolen wie "Die Gruppe ist ein Papiertiger" attackierten im Oktober 1967 Erlanger Studenten Repräsentanten der Gruppe 47, die sich im Gasthof "Pulvermühle" in der Fränkischen Schweiz zur jährlichen Tagung zusammengefunden hatten, und forderten sie zur politischen Stellungnahme heraus, insbesondere zur Unterstützung des Kampfes gegen die Manipulation der Öffentlichkeit durch die Springer-Presse. Mitglieder der Gruppe 47 verfassten noch am Abend eine Anti-Springer-Resolution, welche die Kontrolle von 32,2 Prozent aller deutschen Zeitungen und Zeitschriften durch den Springer-Konzern als "Gefährdung der Grundlagen der Demokratie" kennzeichnete, und forderten Schriftsteller, Publizisten, Kritiker und Wissenschaftler zum Boykott des Verlagshauses Springer auf.[1] Mit der Resolution setzte sich die Geschichte der Interventionen der Gruppe in die Politik mittels Manifesten und Kritik fort.[2]




Die Tagung in der "Pulvermühle" sollte die letzte der Gruppe 47 sein. Ihre regelmäßigen Treffen waren zum Forum der Literatur und Literaturkritik sowie des politischen und kulturellen Austausches in der Bundesrepublik Deutschland geworden. Die Gruppe 47, binnen zwanzig Jahren zu einer zentralen Position im literarischen Feld aufgestiegen und im In- und Ausland als "neue deutsche Nachkriegsliteratur" gefeiert, zerfiel. Ihr Ende markierte einen Einschnitt; nach 1968 konnte keine andere Gruppe in Deutschland mehr eine vergleichbare Position sowie eine vergleichbare öffentliche Resonanz erlangen.

Was war geschehen? Eine Welle von Protesten hatte 1967 und 1968 die Bundesrepublik Deutschland erfasst. Das Repräsentationsmonopol der etablierten Parteien und Interessengruppen wurde in Frage gestellt und mit einer Gegenmacht und Gegenöffentlichkeit konfrontiert. Studenten und Jugendliche waren die zentrale Trägergruppe innerhalb der Protestierenden, doch waren die Proteste mehr als eine Studenten- oder Jugendrevolte.

In der Bundesrepublik verbanden sich Ostermarschbewegung, Opposition gegen die Notstandsgesetze und Studentenbewegung zur Außerparlamentarischen Opposition (APO), die sich in Reaktion auf die Bildung der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD im Dezember 1966 formierte. Antiautoritär, antihierarchisch und antibürokratisch in ihrer Zielorientierung kritisierten die Gruppen der Neuen Linken Machtstrukturen nicht nur im Staat, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen: in Betrieben und Büros, Schulen und Hochschulen, in der Familie und den Geschlechterbeziehungen, in Verlagen und Redaktionen sowie nicht zuletzt im Theater- und Literaturbetrieb.[3]

Hat die APO das Ende der Gruppe 47 herbeigeführt? Ist das Ende der Gruppe 47 als erste und unmittelbare Folge des Formierungs- und Mobilisierungsprozesses der 68er Bewegung in der Bundesrepublik anzusehen? Der Zusammenhang zwischen der Mobilisierungsdynamik der APO und dem Zerfall der Gruppe 47 soll nachfolgend in drei Thesen skizziert werden.[4]


Fußnoten

1.
Vgl. Ullrich Ott/Friedrich Pfäfflin (Hrsg.), Protest! Literatur um 1968, Marbach (Marbacher Kataloge) 1998, S. 123.
2.
Vgl. Ingrid Gilcher-Holtey, "Askese schreiben, schreib: Askese". Zur Rolle der Gruppe 47 in der politischen Kultur der Nachkriegszeit, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL), 2 (2000), S. 134 - 167, hier: S. 164 - 165.
3.
Vgl. zur Neuen Linken Ingrid Gilcher-Holtey, Die 68er Bewegung. Deutschland, Westeuropa, USA, München 2006(3), S. 11 - 24; dies., "Die Phantasie an die Macht". Mai 68 in Frankreich, Frankfurt/M. 2003(2), S. 44 - 104.
4.
Dabei orientiere ich mich an der relationalen Methode der Literatursoziologie Pierre Bourdieus: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes, Frankfurt /M. 1999.