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Die APO und der Zerfall der Gruppe 47


6.6.2007
Der Zusammenhang zwischen der Mobilisierungsdynamik der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und dem Zerfall der Gruppe 47 wird anhand von drei Thesen diskutiert.

Einleitung



Mit Parolen wie "Die Gruppe ist ein Papiertiger" attackierten im Oktober 1967 Erlanger Studenten Repräsentanten der Gruppe 47, die sich im Gasthof "Pulvermühle" in der Fränkischen Schweiz zur jährlichen Tagung zusammengefunden hatten, und forderten sie zur politischen Stellungnahme heraus, insbesondere zur Unterstützung des Kampfes gegen die Manipulation der Öffentlichkeit durch die Springer-Presse. Mitglieder der Gruppe 47 verfassten noch am Abend eine Anti-Springer-Resolution, welche die Kontrolle von 32,2 Prozent aller deutschen Zeitungen und Zeitschriften durch den Springer-Konzern als "Gefährdung der Grundlagen der Demokratie" kennzeichnete, und forderten Schriftsteller, Publizisten, Kritiker und Wissenschaftler zum Boykott des Verlagshauses Springer auf.[1] Mit der Resolution setzte sich die Geschichte der Interventionen der Gruppe in die Politik mittels Manifesten und Kritik fort.[2]




Die Tagung in der "Pulvermühle" sollte die letzte der Gruppe 47 sein. Ihre regelmäßigen Treffen waren zum Forum der Literatur und Literaturkritik sowie des politischen und kulturellen Austausches in der Bundesrepublik Deutschland geworden. Die Gruppe 47, binnen zwanzig Jahren zu einer zentralen Position im literarischen Feld aufgestiegen und im In- und Ausland als "neue deutsche Nachkriegsliteratur" gefeiert, zerfiel. Ihr Ende markierte einen Einschnitt; nach 1968 konnte keine andere Gruppe in Deutschland mehr eine vergleichbare Position sowie eine vergleichbare öffentliche Resonanz erlangen.

Was war geschehen? Eine Welle von Protesten hatte 1967 und 1968 die Bundesrepublik Deutschland erfasst. Das Repräsentationsmonopol der etablierten Parteien und Interessengruppen wurde in Frage gestellt und mit einer Gegenmacht und Gegenöffentlichkeit konfrontiert. Studenten und Jugendliche waren die zentrale Trägergruppe innerhalb der Protestierenden, doch waren die Proteste mehr als eine Studenten- oder Jugendrevolte.

In der Bundesrepublik verbanden sich Ostermarschbewegung, Opposition gegen die Notstandsgesetze und Studentenbewegung zur Außerparlamentarischen Opposition (APO), die sich in Reaktion auf die Bildung der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD im Dezember 1966 formierte. Antiautoritär, antihierarchisch und antibürokratisch in ihrer Zielorientierung kritisierten die Gruppen der Neuen Linken Machtstrukturen nicht nur im Staat, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen: in Betrieben und Büros, Schulen und Hochschulen, in der Familie und den Geschlechterbeziehungen, in Verlagen und Redaktionen sowie nicht zuletzt im Theater- und Literaturbetrieb.[3]

Hat die APO das Ende der Gruppe 47 herbeigeführt? Ist das Ende der Gruppe 47 als erste und unmittelbare Folge des Formierungs- und Mobilisierungsprozesses der 68er Bewegung in der Bundesrepublik anzusehen? Der Zusammenhang zwischen der Mobilisierungsdynamik der APO und dem Zerfall der Gruppe 47 soll nachfolgend in drei Thesen skizziert werden.[4]

Ende des Konsenses



Erste These: Der Prozess der Formierung einer Außerparlamentarischen Opposition verstärkte die latenten Spannungen in der Gruppe 47. Das Auftauchen eines neuen Akteurs im politischen Feld enthüllte eine Identitätskrise der Gruppe, die sich seit ihren Anfängen als eine neue literarische Generation und "anitiautoritäre" Linksopposition verstanden hatte.

Die Spannungen in der Gruppe 47 entluden sich zwischen 1966 und 1968 in politischen Definitions- und Konkurrenzkämpfen. Eine "Mentalität, die man oberflächlich als links bezeichnen kann",[5] war, wie Hans Werner Richter urteilte, das Charakteristikum der Gruppe, die, entsprechend ihrer zunächst marginalen Stellung im literarischen Feld, in ihren politischen Stellungnahmen die Opposition im politischen Feld, die SPD, unterstützte. Die Einheit der Gruppe sowie die Selbstwahrnehmung ihrer Mitglieder als Zirkel von Linksintellektuellen wurden in Frage gestellt, als die SPD 1966 in die Regierung eintrat. Die Zeit des stillschweigenden Konsenses war vorbei. An der Haltung zur APO schieden sich die Geister. Auf eine Zerreißprobe gestellt wurde zugleich die Form des von der Gruppe beanspruchten intellektuellen Mandats.

Die Gruppe hatte sich seit ihrer Gründung 1947 als literarische und politische Avantgarde verstanden, legte aber den Grundsatz der Trennung von Literatur und Politik als Leitidee fest und reagierte damit auf die Politisierung der Literatur unter dem Nationalsozialismus sowie in den Ländern des "realen Sozialismus". Wenn ihre Mitglieder politisch intervenierten, so orientierten sie sich am Vorbild des klassischen "allgemeinen Intellektuellen", der sich "in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen".[6] Sie setzten ihr Renommee als Schriftsteller ein, um allgemeinen, abstrakten Wertideen Geltung zu verleihen, und knüpften damit an die Tradition der französischen Intellektuellen in der Tradition von Voltaire und Emile Zola an, die in der Bundesrepublik bis in die 1950er Jahre hinein wenig erprobt und entfaltet war.[7]

Diese Konzeption des "allgemeinen Intellektuellen" wurde durch die weltweit sich formierende intellektuelle Neue Linke (Nouvelle Gauche bzw. New Left) in Frage gestellt. Dem "allgemeinen Intellektuellen" wurde die Konzeption einer "intellektuellen Avantgarde" entgegengesetzt, die Bewusstsein durch Handeln, Aufklärung durch Aktion schafft. Die neue Definition des Intellektuellen, die auch vom Sozialistischen Deutschen Stundentenbund (SDS) vertreten wurde, stellte die Interventionsstrategie der Gruppe 47, ihre "Aufrufe" und "Erklärungen", in Frage. Engagement, so die Prämisse, musste über Manifeste hinausgehen, Kritik sich nicht nur in Worten, sondern auch in Handlungen manifestieren. Der "Primat der Praxis", den der antiautoritäre Flügel des SDS verfocht, ließ die Gruppe als "Papiertiger" erscheinen und ihre Praktiken als Absage an eine "mögliche Praxis".[8]

Wenn Handeln zur Conditio sine qua non intellektuellen Engagements wurde, konnte dies in letzter Konsequenz (und diese wurde von Hans Magnus Enzensberger, der dem engeren Kreis der Gruppe angehört hatte, vorübergehend gezogen) eine "Unterbrechung der Künstlerlaufbahn" (Walter Benjamin) bedeuten und damit eine Aufhebung von Literatur zugunsten von politisch-sozialen Kämpfen um die Veränderung des Status quo. Auf das Postulat eines "Primats der Praxis" reagierte Richter als Verteidiger des Konzepts des "allgemeinen Intellektuellen" mit einer Gegenoffensive. Er regte die Gründung eines aus Schriftstellern bestehenden "kulturpolitischen Beirats" innerhalb der SPD an und wartete, während die Studenten vor der "Pulvermühle" demonstrierten und die Mitglieder der Gruppe zu politischen Stellungnahmen und zum Übertritt zur APO provozierten, auf die Ankunft Karl Schillers, um im Anschluss an die Gruppentagung mit ihm das Projekt zu besprechen.[9] Die Wogen schlugen hoch - vor und in der "Pulvermühle". Herausgefordert wurde nicht nur eine Positionierung zur APO, sondern auch eine Debatte über die "legitimen" Praktiken literarischen und politischen Engagements, mithin: eine Auseinandersetzung mit der Frage, was Literatur ist und kann.

Was ist und kann Literatur?



Zweite These: Das Erscheinen der APO veränderte die Debatten in der Bundesrepublik Deutschland nicht nur, weil sie neue Themen aufwarf, sondern auch, weil sie den politischen Diskurs theoretisierte und polarisierte und durch ihre provokativen Aktionen heterogene Akteure zu Stellungnahmen zwang. Die Gruppe 47 wurde ein "Opfer" dieser Strategien und reproduzierte sie zugleich in ihren eigenen Reihen.

Am Anfang stand ein Wort. Aufgeworfen von einem 23-jährigen Jurastudenten mit dem Haarschopf der Beatles, gerichtet gegen die ranghöchsten Repräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur und Literaturkritik, eingefangen von laufenden Mikrofonen, verlieh es einem jungen Autor einen Namen und einer Sprechhandlung das Gewicht einer Revolte: das Wort "Beschreibungsimpotenz" von Peter Handke. Es fiel auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton (1966), auf der Handke erstmals anwesend war. Er hatte, als er seinen Vorwurf lancierte, bereits zwei Romane veröffentlicht und ein Theaterstück geschrieben, das den Titel "Publikumsbeschimpfung" trug. Am Ende des Stückes heißt es: "Sie werden von e i n e m Ort zu verschiedenen Orten gehen./ Zuvor aber werden sie noch beschimpft werden./ Sie werden beschimpft werden, weil auch das beschimpfen eine Art ist,/ mit ihnen zu reden. Indem wir beschimpfen, können wir unmittelbar/ werden. Wir können einen Funken springen lassen. Wir können/ den Spielraum zerstören. Wir können eine Wand niederreißen. Wir können/ Sie beachten. Dadurch, daß wir Sie beschimpfen, werden Sie uns nicht mehr zuhören./ Sie werden uns anhören. Der Abstand zwischen uns wird nicht mehr/ unendlich sein."[10]

Legitim war für ihn, den Repräsentanten einer Grazer Schriftstellergruppe, die sich an der Philosophie Ludwig Wittgensteins orientierte, einzig eine Literatur, die Sprachkritik übte und zur Sprachneuschöpfung beitrug. Diese Definition diente ihm dazu, sich von der Gruppe 47 und einer Literatur abzugrenzen, die auf Gesellschaftskritik und insbesondere auf Vergangenheitsbewältigung ausgerichtet war. Handke, österreichischer Staatsbürger, beurteilte diese Literatur als "läppisch"[11] und gestand, dass sie ihm "zum Hals heraus" hänge.[12] Er klagte die Literaturkritiker an, mit der Literatur einverstanden zu sein, weil "ihr überkommenes Instrumentarium noch für diese Literatur ausreicht". Schriftsteller wie Kritiker seien erst zufrieden, wenn irgendwo, und sei es in einem Nebensatz, das Wort Auschwitz vorkomme, "ganz beiläufig", "ganz lässig".[13] "Wenn ich schreibe", legte Handke später dar, "interessiere ich mich nur für die Sprache." Beim Schreiben lenke ihn die Wirklichkeit nur ab. Er interessiere sich während der literarischen Arbeit nicht für eine Kritik an der Gesellschaft. Einen "Blattschuss" nannte Günter Grass die Kritik Handkes an der Gruppe.[14] Zum "Blattschuss" konnten Handkes Worte jedoch nur werden, weil die Gruppe nach seiner Stellungnahme mit der 18 Jahre lang durchgehaltenen Regel brach, nicht über Methodenfragen, sondern nur über die vorgelesenen Texte zu reden, und eine Debatte über die Frage begann, was Literatur ist und kann.

Auf Handkes Kritik folgte eine magische Verneinung der Gruppe 47 aus der Feder Hans Magnus Enzensbergers. Er stellte einerseits das Credo der Gruppe in Frage, nach dem Literatur in der Lage sei, die Mentalitätsstrukturen zu ändern, die den Aufstieg des Nationalsozialismus möglich gemacht hatten, sowie andererseits ihre Vorstellung, dass Schriftsteller als Intellektuelle die Rolle einer Gegenmacht einnehmen können.[15] Vergangenheitsbewältigung ohne Revolution war undenkbar geworden für ihn. Er sah das "System der Bundesrepublik" "jenseits aller Reparatur". Man konnte ihm zustimmen oder musste es durch ein anderes ersetzten: "Tertium non dabitur".[16]

In dieser Situation, in der die Revolution notwendig und aus Sicht der Neuen Linken auch möglich geworden schien, fragte Enzensberger nach dem Beitrag der Literatur zur Transformation der Gesellschaft. Seine Bilanz fiel negativ aus. Gedichte, Erzählungen und Dramen waren, so seine These, an das Risiko geknüpft, "nutz- und wirkungslos" zu sein. "Wer Literatur als Kunst macht", so Enzensberger, sei "damit nicht widerlegt, er kann aber auch nicht mehr gerechtfertigt werden".[17] Seine Skepsis gründete sich auf eine Definition von Literatur, welche diese als eine den Mechanismen der "Bewusstseinsindustrie" unterworfene Form der Kulturproduktion ansah. Das subversive, kritische Potenzial der Literatur und ihr utopischer Überschuss waren aus Sicht Enzensbergers erschöpft. "Literatur" sei "Schreiben auf Verdacht", wobei nicht auszumachen sei, "ob im Schreiben noch ein Moment, und wärs das winzigste, von Zukunft" stecke. Indes, Enzensberger proklamierte nicht den "Tod der Literatur". Noch in seiner Definition tauchte ein Moment der Hoffnung auf: "Liefern schlucken liefern schlucken, das ist der Imperativ des Marktes: wenn Schreiber und Leser merken, dass, wer liefert, geschluckt wird, und wer schluckt, geliefert ist, so führt das zu Stockungen."[18]

Enzensberger war überzeugt, dass alle möglichen Revolutionen in der Literatur bereits gemacht worden waren, und schlug vor, sich auf die Beziehung zwischen Schreiber und Leser zu konzentrieren, um diese zu revolutionieren. Er plädierte für eine Partizipation des Lesers an der Arbeit des Schriftstellers, für eine kritische Wechselwirkung, ein Feedback zwischen Schreiber und Leser durch "Korrekturen", "Widerstände", "Gegenbeweise", "Beschimpfungen".[19] In diesem Punkt überschnitten sich die Strategien Handkes und Enzensbergers. Auch Handke versuchte, den Zuschauer aus seiner Apathie zu reißen. Er wollte nicht nur eingeübte Sprechweisen und Sprachschablonen brechen, sondern den Zuschauer zu Reaktionen provozieren.

Die unterschiedlichen Ziele der beiden Schriftsteller werden sichtbar, wenn man die Antworten auf die Frage vergleicht: Was kann Literatur, und wozu schreiben? Handke ging von der Prämisse aus, dass Literatur noch verändern kann, zumindest den Leser und den Autor selbst.[20] Enzensberger schrieb der Literatur keine wesentliche gesellschaftliche Funktion mehr zu. Was ihr blieb, war zu dokumentieren und die Stimme der Unterdrückten zu artikulieren. Er nahm Bezug auf Régis Debray, der die Stimme der lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen auszudrücken versuchte.[21] Was ihm für die Bundesrepublik vorschwebte, war ein "gigantisches Projekt": die "politische Alphabetisierung Deutschlands", beginnend mit der "Alphabetisierung der Alphabetisierer".[22] Während Handke für eine Trennung von Literatur und Politik plädierte, ging Enzensberger von der Selbstaufhebung der Literatur im politischen Handeln aus. In seiner Vision verschwand der Autor, "wenn die Massen selbst zu Autoren, Autoren der Geschichte geworden" waren.[23]

Die Stellungnahmen Handkes und Enzensbergers repräsentieren die beiden Dimensionen der Emanzipationsstrategie der Neuen Linken: die Befreiung des Individuums aus der Unterordnung unter das Kollektiv, seine Selbstbefreiung und Selbstverwirklichung, ermöglicht durch die Schaffung neuer Kommunikationsformen einerseits und die Transformation der Lenkungs- und Entscheidungsmechanismen durch neue Formen der Partizipation (autogestion) andererseits. Handke verkörperte die "neue Sensibilität", von Herbert Marcuse als Element der Desintegration der "eindimensionalen Gesellschaft" analysiert, Enzensberger den Intellektuellen auf der Suche nach einem neuen revolutionären Subjekt. Er schreibt: "Einen Autoschlosser, der von sich selbst sagt: Ich gehöre dem antiautoritären Lager an, oder Ich bin Mitglied der Außerparlamentarischen Opposition - einen solchen Autoschlosser gibt es nicht." Die politische Substanz der APO sei noch nicht "ausgegoren", ihre "organisatorischen Strukturen zwar neuartig, aber schwach". Dennoch schrieb er ihr zu, eine politische Theorie entwickelt zu haben, die, verglichen mit dem "herrschenden Gedankengut", vom Godesberger Programm bis zu den üblichen Regierungserklärungen, "frei von wahnhaften Zügen" sei.[24] Theorie musste, so die Maxime des antiautoritären Flügels der APO, praktisch werden. Enzensberger, der Büchner-Preisträger 1963, Dr. phil., Herausgeber einer politisch-literarischen Revue ("Das Kursbuch"), Berater des Suhrkamp Verlages, Übersetzer moderner Dichtung, schloss sich dieser Maxime an. Er hörte 1968 - vorübergehend - auf, Gedichte zu schreiben, und brach nach Kuba auf.

Erschöpft waren die Möglichkeiten, die der Primat der Praxis eröffnete, damit aber noch keineswegs. Denkbar wurde auch, die schriftstellerische Kompetenz in den Dienst eines Experiments zu stellen wie dasjenige der "Praxis kollektiven Schreibens" (Martin Walser) und damit aus Arbeitern "Schreibende" zu machen.[25] Wenn ein Betriebstagebuch Literatur war, hergestellt, um zur Erkenntnis ökonomisch-historischer Prozesse beizutragen, wurde Literatur zum Medium des Klassenkampfes. Die Wahl der Handlungsstrategie war abhängig von der Wahl des historischen Subjekts, in dessen Dienst sich der Schriftsteller als Intellektueller stellte. Weichenstellend wirkten die Klassifikationsschemata der Neuen bzw. alten Linken und damit Sicht- und Teilungskriterien außerhalb des literarischen Feldes auf die Wahl der Schriftsteller ein; doch wurden diese Schemata von den Schriftstellern in den literarischen Kontext überführt, entfaltet und in gruppeninterne Distinktionsstrategien verwandelt.

Günter Grass und Enzensberger repräsentierten in ihrem literarischen und politischen Engagement den Konflikt zwischen der alten und der Neuen Linken. "Wir haben unsere politischen Differenzen ausgelebt", erklärte Grass später. Dies habe zu Distanzen und Brüchen geführt, die so leicht nicht mehr zu korrigieren gewesen seien. 1968 bekräftigte er die ursprüngliche Position der Gruppe 47. Er hielt fest an der Prämisse, dass es Aufgabe der Literatur sei, Vergangenes für die Zukunft gegenwärtig zu halten und eine Epoche mit all ihren Widersprüchen, Absurditäten, ihrer kleinbürgerlichen Enge und ihren Verbrechen darzustellen.[26] Um diese Aufgabe zu pointieren, prägte er später das Wort "Vergegenkunft".[27] Dennoch blieben Literatur und Politik für ihn "zwei Bierdeckel" und somit getrennt, auch wenn sie sich überlagerten.[28] Scharf wollte er die Grenzlinie zwischen dem Schriftsteller und dem Bürger Grass gezogen wissen. Überzeugt, dass es die Funktion von Literatur sei, aufzuklären, schlug er eine Erzählperspektive vor, die dem Leser ironische Distanz ermöglichte.[29] Literatur, so sein Credo, verändere, allerdings mit verzögerter Wirkung, und nicht immer nur zum Guten hin. Auch fehlende Literatur könne zu Veränderungen führen.[30]

Die Abgrenzungen, Distanzierungen und inszenierten Positionierungen deuteten bereits im Vorfeld darauf hin, dass die Chancen für das für Oktober 1968 in Prag geplante (und am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen gescheiterte) Treffen der Gruppe 47 schlecht standen.

Lektoren und Verleger



Dritte These: Die Definitions- und Distinktionskämpfe zwischen den Autoren wurden ergänzt und überlagert durch Macht- und Konkurrenzkämpfe zwischen Lektoren und Verlegern. Es waren die in starke Abhängigkeitsverhältnisse eingebundenen Lektoren, welche die Leitidee der autogestion/"Selbstverwaltung" der 68er Bewegung am lautstärksten aufgriffen.[31]

Den Differenzen zwischen den Autoren folgte der Aufstand der Lektoren unmittelbar nach der Buchmesse 1968. "Wir Lektoren waren auch Leser", resümierte Suhrkamp-Lektor Urs Widmer die Situation innerhalb des Verlages: "Viele, wenn auch längst nicht alle der Bücher, die 1967/68 für viele plötzlich wie Handlungsanleitungen wirkten, waren bei Suhrkamp erschienen, und das schlug auf das Selbstverständnis aller Mitarbeiter zurück. Alle mussten ihre Arbeit neu überdenken. Es war Schluss mit einem interessierten, aber, was die praktische Umsetzbarkeit betraf, relativ akademischen Umgang mit Büchern. (...) Die Lektoren begannen manches, was bisher in den Büchern eingeschlossen war, auch für den Verlag zu fordern."[32] Sie setzten sich gemäß den Forderungen der Neuen Linken für eine Demokratisierung der Planungs-, Lenkungs- und Entscheidungsprozesse innerhalb des Verlages ein. Sie warfen dem Verleger Siegfried Unseld vor, "die Tendenzen der Verlagsprogramme", die nach ihrer Meinung die Grundlage der Zusammenarbeit bildeten, "für sich selbst vielleicht nicht als verbindlich anzuerkennen".[33] Sie wollten, so Widmer, "weitgehend selber" für ihren jeweiligen Teil des Programms "verantwortlich sein."[34] Um dieses Ziel zu erreichen, forderten sie die Einrichtung einer Lektorenversammlung, die dem Verleger "einsame Programmentschlüsse erschweren" sollte. Diese sollte regelmäßig "Fragen der Verlagsprogramme und Verlagskonzeptionen diskutieren und alle wichtigen Entscheidungen in demokratischer Weise vorbereiten".[35] In der Lektoratsversammlung sollten grundsätzliche Änderungen der Verlagskonzeption, Entscheidungen über Reihen, die Öffentlichkeitsarbeit, Grundsatzfragen der Werbung und des Vertriebs, aber auch Honorar- und Ausstattungsfragen diskutiert werden.

Als der "Lektorenaufstand" im Suhrkamp Verlag eskalierte, trat Grass im Oktober 1968 mit der Idee an seinen Verleger Eduard Reifferscheid heran, Mitspracherechte im Luchterhand Verlag zu etablieren. Reifferscheids Reaktion war kurz und lakonisch: "cui bono?"[36] Grass ließ nicht locker. Er setzte sein Renommee, Anwälte und damit Geld sowie seine Zähigkeit ein, um den Autoren und Lektoren des Luchterhand Verlages ein Mitbestimmungsrecht zu erkämpfen. Das von Grass und den Lektoren angestoßene Projekt eines "Mitarbeiterstatuts" wandelte die Konzeption der Selbstbestimmung in qualifizierte Mitbestimmung ab.[37] Es griff damit Grundgedanken der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbewegung auf, war aber, als Grass es als Teil seiner Wählerinitiative erkor, von diesen intermediären Gruppen für den Buchmarkt noch nicht als "gedachte (Neu-)Ordnung" erwogen worden. Der Beirat, der 1976 im Luchterhand Verlag entstand, blieb weit hinter der Selbstverwaltungsidee der APO, aber auch weit hinter den von Grass und den Lektoren des Verlages 1968 gehegten Vorstellungen zurück. Indes wurde er als Zäsur in der Verlagsgeschichte angesehen: als Durchbrechung feudaler Relikte im Verhältnis von Autoren und Verleger sowie, zumindest aus der Sicht von Grass, auch als Gewinn für den/die Verleger, wirkte er doch als Medium, das verhinderte, dass ihre Arbeit der "Müllschluckermentalität der angeblich freien Marktwirtschaft überantwortet werde."[38]

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Fußnoten

1.
Vgl. Ullrich Ott/Friedrich Pfäfflin (Hrsg.), Protest! Literatur um 1968, Marbach (Marbacher Kataloge) 1998, S. 123.
2.
Vgl. Ingrid Gilcher-Holtey, "Askese schreiben, schreib: Askese". Zur Rolle der Gruppe 47 in der politischen Kultur der Nachkriegszeit, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL), 2 (2000), S. 134 - 167, hier: S. 164 - 165.
3.
Vgl. zur Neuen Linken Ingrid Gilcher-Holtey, Die 68er Bewegung. Deutschland, Westeuropa, USA, München 2006(3), S. 11 - 24; dies., "Die Phantasie an die Macht". Mai 68 in Frankreich, Frankfurt/M. 2003(2), S. 44 - 104.
4.
Dabei orientiere ich mich an der relationalen Methode der Literatursoziologie Pierre Bourdieus: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes, Frankfurt /M. 1999.
5.
Hans Werner Richter (Hrsg.), Hans Werner Richter und die Gruppe 47, Frankfurt/M. 1981, S. 76.
6.
Jean-Paul Sartre, Plädoyer für die Intellektuellen., in: ders., Plädoyer für die Intellektuellen, Reinbek 2002, S. 90 - 148, hier: S. 91.
7.
Vgl. Jürgen Habermas, Heinrich Heine und die Rolle der Intellektuellen in Deutschland, in: Merkur, 40 (1986), S. 453 - 486.
8.
Karl Markus Michel, Ein Kranz für die Literatur. Fünf Variationen über eine These, in: Kursbuch, (1969)15, S. 169 - 186, hier: S. 177.
9.
Vgl. Sabine Cofalla (Hrsg.), Hans Werner Richter. Briefe, München-Wien 1997, S. 177.
10.
Peter Handke, Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke, Frankfurt/M. 200323, S. 43 - 44.
11.
Peter Handke, Im Wortlaut. Peter Handkes "Auftritt" in Princeton und Hans Mayers Entgegnung, in: text + kritik, 24 (1966), S. 17 - 22, hier S. 18.
12.
Peter Handke, Wenn ich schreibe, in: Akzente, 13 (1966), S. 467.
13.
P. Handke (Anm. 11), S. 18.
14.
Günter Grass, Freundliche Bitte um bessere Feinde. Offener Brief, in: ders., Essays und Reden I 1955 - 1969, Werkausgabe, Bd. 14, hrsg. von Volker Neuhaus/Daniela Hermes, Göttingen 1997, S. 175 - 177.
15.
Vgl. dazu I. Gilcher-Holtey (Anm. 2), S. 140.
16.
Hans Magnus Enzensberger, Klare Entscheidungen und trübe Aussichten (1967), in: Joachim Schickel (Hrsg.), Über Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt/M. 1970, S. 225 - 232, hier: S. 230.
17.
Hans Magnus Enzensberger, Gemeinplätze, die Neueste Literatur betreffend, in: Kursbuch, (1968) 15, S. 187 - 197, hier: S. 195.
18.
Ebd., S. 195 und S. 188.
19.
Ebd., S. 197.
20.
Vgl. Peter Handke, Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms (1967), in: ders. Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, Frankfurt/M. 197211, S. 19 - 28.
21.
Vgl. dazu Ingrid Gilcher-Holtey, Das Dilemma des revolutionären Intellektuellen. Régis Debray, in: dies., Eingreifendes Denken. Die Wirkungschancen von Intellektuellen, Weilerswist (i.E. 2007).
22.
H.M. Enzensberger (Anm. 17), S. 197.
23.
Hans Magnus Enzensberger, Baukasten zu einer Theorie der Medien, in: Kursbuch, (1969) 20, S. 159 - 186, hier: S. 186.
24.
Hans Magnus Enzensberger, Berliner Gemeinplätze, in: Kursbuch, (1968) 13, S. 187 - 197, hier: S. 196.
25.
Vgl. zur Positionierung Martin Walsers, Engagement als Pflichtfach für Schriftsteller (7. Mai 1967), in: ders., Ansichten, Einsichten, Frankfurt/M. 1997, S. 190 - 210; ders., Berichte aus der Klassengesellschaft, in: ebd., S. 277 - 280; ders., Wie und wovon handelt Literatur. Aufsätze und Reden, Frankfurt /M. 1973.
26.
Vgl. Günter Grass, Nicht nur in eigener Sache (Oktober 1968), in: ders. (Anm. 14), S. 357 - 358, hier: S. 357.
27.
Günter Grass, Schreiben nach Auschwitz. Frankfurter Poetik Vorlesung, Frankfurt/M. 1990, S. 33.
28.
Günter Grass, Aus dem Tagebuch einer Schnecke, Neuwied 1972, S. 338 - 339.
29.
Vgl. G. Grass (Anm. 26), S. 358.
30.
Vgl. Günter Grass, Die Verzweiflung arbeitet ohne Netz (September 1974), in: ders., Gespräche, Werkausgabe, Bd. 10, hrsg. von Klaus Stallbaum, Darmstadt/Neuwied 1974, S. 136 - 171; vgl. auch ders., Über meinen Lehrer Döblin, in: ders. (Anm. 14), S. 264 - 284, hier: S. 266.
31.
Vgl. dazu Ingrid Gilcher-Holtey, Transformation durch Partizipation? Die 68er Bewegung und die Demokratisierung der literarischen Produktionsverhältnisse, in: dies./Dorothea Kraus/Franziska Schößler (Hrsg.), Politisches Theater nach 1968, Frankfurt/M. 2006, S. 205 - 236.; vgl. zur parallel geführte Diskussion in den Theatern Dorothea Kraus, Theaterproteste. Zur Politisierung von Straße und Bühne in den 1960er Jahren, Frankfurt/M. 2007.
32.
Urs Widmer, "1968", in: W. Martin Lüdke (Hrsg.), Nach dem Protest. Literatur im Umbruch, Frankfurt/M. 1979, S. 14 - 27, hier: S. 23.
33.
Lektoren an Siegfried Unseld, Brief vom 27.9. 1968, in: Eberhard Fahlke/Raimund Fellinger (Hrsg.), Uwe Johnson - Siegfried Unseld. Der Briefwechsel, Frankfurt/M. 1999, S. 1137 - 1138, hier: S. 1137.
34.
U. Widmer (Anm. 32), S. 23.
35.
Veränderung bei Suhrkamp, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 7.11. 1968.
36.
Brief von Eduard Reifferscheid an Günter Grass vom 6. 11. 1968 (Grass-Archiv, AdK Berlin).
37.
Brief von Günter Grass an Eduard Reifferscheid vom 31. 10. 1968 (Grass-Archiv, AdK Berlin).
38.
Grass als Eisbrecher, zit. nach FAZ vom 18.6. 1976.