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6.6.2007 | Von:
Alexander Gallus

"Der Ruf" - Stimme für ein neues Deutschland

Das politisch-publizistische Engagement der Nachkriegszeitschrift "Der Ruf" ging der Gruppe 47 voraus. Das Blatt verstand sich als Sprachrohr der "jungen Generation".

Einleitung

Am Anfang stand "Der Ruf". Die Zeitschrift mit dem programmatischen Untertitel "Unabhängige Blätter der jungen Generation" war Vorläufer und Keimzelle der Gruppe 47. In seiner Würdigung aus Anlass ihres fünfzehnjährigen Jubiläums erinnerte Hans Werner Richter 1962 an diesen Entstehungsgrund: "Der Ursprung der Gruppe 47 ist politisch-publizistischer Natur. Nicht Literaten schufen sie, sondern politisch engagierte Publizisten mit literarischen Ambitionen." Überhaupt, führte er weiter aus, seien "Der Ruf" und die Gruppe 47 "von derselben Mentalität geprägt" gewesen.[1]




Wie sah diese aus, welches intellektuelle Selbstverständnis stand dahinter, in welchen Ideen, Hoffnungen, Wünschen fand sie Ausdruck? Welche politischen Ziele verfolgte die Zeitschrift, welche Bilder vom künftigen Deutschland, dessen staatliche Fortexistenz oder zumindest Form in der ersten Nachkriegszeit ungewiss war, entwarf sie in den Jahren 1946 und 1947, als sie von Alfred Andersch und Hans Werner Richter, dem späteren Kopf der Gruppe 47, herausgegeben wurde?

Der Beitrag skizziert zunächst die "äußere" Entwicklung der Zeitschrift, ihr Werden, Ende und Fortleben, bevor die "innere" Geschichte ins Zentrum der Betrachtung rückt. Dabei sollen vorrangig die im "Ruf" formulierten Antworten auf die deutsche Frage in außenpolitischer, aber auch in ordnungs- und gesellschaftspolitischer Hinsicht vorgestellt werden. Am Ende stehen Gedanken zum alten deutschen "Indianerspiel" zwischen Geist und Macht,[2] bei dem Redakteure und Autoren des "Ruf" eifrig mittaten. Sie trugen, wie später vor allem die Gruppe 47, zur Neupositionierung der Intellektuellen in der westdeutschen Demokratie und Politik bei.

Fußnoten

1.
Vgl. Hans Werner Richter, Fünfzehn Jahre, in: ders. (Hrsg.), Almanach der Gruppe 47, Reinbek 1962, S. 8 und 10.
2.
Hans Magnus Enzensberger, Macht und Geist. Ein deutsches Indianerspiel, in: ders., Mittelmaß und Wahn, Frankfurt/M. 1988, S. 207 - 220.