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16.5.2007 | Von:
Christoph Schroeder

Integration und Sprache

Migrantensprachliche Mehrsprachigkeit

Welche mehrsprachigen Verhältnisse haben wir in Deutschland? Diese Frage hebt zunächst auf die in der Bundesrepublik gesprochenen Sprachen und ihre Sprecherzahlen ab. Sie lassen sich nicht aus den Statistiken von Staatsangehörigkeiten ableiten: Bei Spätaussiedlern ist die Familiensprache oftmals die Sprache des Herkunftslandes (vor den Deportationen der Stalinzeit); Zuwanderer haben sehr häufig einen anderen sprachlichen Hintergrund als die Nationalsprache des Herkunftslandes (z.B. Kurden aus der Türkei, dem Libanon und Syrien), und natürlich steigen die Zahlen von Kindern aus binationalen Familien und von Zuwandererfamilien, die deutsche Staatsbürger werden.

Zwei Erhebungen, eine in Hamburg,[1] eine weitere in Essen[2] geben erstmals deutliche Anhaltspunkte zur Mehrsprachigkeit in Deutschland, indem sie sprachenbezogene Daten aller Grundschüler in den beiden Städten auswerten.

Die Erhebungsergebnisse zeigen, dass in den deutschen Metropolen rund ein Drittel aller Grundschüler mehrsprachig ist, d.h. dass in der familiären Kommunikation mindestens eine andere Sprache neben Deutsch gesprochen wird (Hamburg: ca. 35 %, Essen: ca. 28 %). Von den nahezu einhundert Sprachen, die in den jeweiligen Untersuchungen genannt wurden, macht Türkisch die größte Gruppe aus (Hamburg: 30 %, Essen: 27 %), in Essen gefolgt von Arabisch (14 %), Polnisch (12 %) und Russisch (5 %), bzw. in Hamburg von Polnisch (10 %), Russisch (10 %) und Englisch (7 %).[3] Im Gespräch mit den Eltern überwiegt dabei laut Eigeneinschätzung der Kinder die nichtdeutsche Familiensprache, unter den Geschwistern und im Freundeskreis das Deutsche. In Bezug auf die "Lieblingssprachen" entschieden sich in Essen 44 % der Kinder dafür, "alle beide" zu nennen.

Nun liefern diese Untersuchungen zwar Anhaltspunkte in Bezug auf die mehrsprachigen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland; sie sagen aber nichts darüber aus, was "Mehrsprachigkeit" eigentlich bedeutet. Hier muss zunächst einmal der Begriff "Sprache" reflektiert werden: "Einzelsprachen" wie Deutsch, Türkisch, Chinesisch ... sind ja eigentlich Abstraktionen; sie lassen sich besser als "Bündel" mehr oder weniger übereinstimmender sprachlicher Erscheinungsformen - Varietäten - beschreiben. Die Wahl der jeweiligen Varietät ist in der Kommunikationssituation abhängig von den beteiligten Sprechern, von der sprachlich zu bewältigenden Situation und vom Ort der Kommunikation. Varietäten einer Sprache, die mit der sprachlich zu bewältigenden Situation korrelieren, werden in der Sprachwissenschaft Register genannt. Sie lassen sich mit drei situativen Typen korrelieren: Dies sind die formelle Öffentlichkeit der gesellschaftlichen Institutionen, die informelle Öffentlichkeit des alltäglichen Umgangs miteinander auf der Arbeit, der Straße ... und der intime Bereich des Umgangs miteinander in der Familie. Die Varietät des formellen Registers ist die Schriftsprache. Sie ist zunächst einmal nichts anders als eine bestimmte, politisch durchgesetzte Varietät eines "Bündels". Sie wird als die "überdachende" Varietät empfunden und suggeriert die Einheitlichkeit der Einzelsprache, weil sie die einzige schriftlich fixierte Varietät ist.

In der Situation der durch Migration entstandenen Mehrsprachigkeit "überdacht" zum einen die Sprache des formellen Registers nicht mehr selbstverständlich die Sprachen des intimen und oft auch des informellen Registers - die Migrantensprachen -, sondern sie ist eine Varietät einer anderen Sprache: Deutsch eben. So erleben die Sprecher der Migrantensprachen ihre gesprochenen Varietäten nicht mehr oder in einem geringeren Maße im Verhältnis zu dem formellen Register ihrer jeweiligen Schriftsprache. Diese Abkoppelung kann in Verbindung mit den Dynamiken des Sprachkontakts zur Entwicklung neuer mündlicher Varietäten in der Migrantensprache führen, die sich von den Varietäten in der Herkunftsgesellschaft unterscheiden - ein Beispiel ist "Deutschlandtürkisch".[4] Zum anderen verändert sich in der Migration die sprachliche Praxis des Individuums und der jeweiligen Sprachengruppe. Sie wird mehrsprachig. Dem mehrsprachigen Sprecher steht ein Kontinuum von sprachlichen Mitteln zur Verfügung, das nicht nur Varietäten der Einzelsprachen, sondern in den informellen und intimen Registern bei der Kommunikation mit Menschen gleichen sprachlichen Hintergrunds gleichzeitig Sprechstile umfasst, die sich (aus der Sicht der Einzelsprachen) als "Mischungen" der beteiligten Sprachen darstellen, mit je nach Anlass, Situation und Beteiligten unterschiedlichen "Mischungsverhältnissen". Neuere Forschungen zeigen, wie diese Stile sich verfestigen und neue Funktionalitäten als ethnische Stile ("Türkendeutsch") in der Jugendsprache erhalten können - mit Rückwirkung auch auf Sprechstile außerhalb des mehrsprachigen Kontextes: "Kanaksprak" ist längst nicht mehr Sprechstil nur von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund.[5]

Die genannten Erhebungen machen deutlich, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft mehrsprachig ist - einfach weil ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung mehrsprachig ist. Gleichzeitig werden aber in der Situation der Mehrsprachigkeit durch Migration oft nicht alle Varietäten der beteiligten Sprachen erworben, es entstehen neue Varietäten und Sprechstile, Register verschiedener Sprachen setzen sich in neue Beziehungen zueinander.

Fußnoten

1.
Vgl. Sara Fürstenau/Ingrid Gogolin/Kutlay Yagmur (Hrsg.), Mehrsprachigkeit in Hamburg. Ergebnisse einer Sprachenerhebung an den Grundschulen in Hamburg, Münster 2003.
2.
Vgl. Christoph Chlosta/Tosten Ostermann/Christoph Schroeder, Die Durchschnittsschule und ihre Sprachen. Ergebnisse des Projekts "Sprachenerhebung Essener Grundschulen" (SPREEG), in: Elise, 3 (2003) 1, S. 43 - 139.
3.
Die Prozentzahlen geben den Anteil der mehrsprachigen Kinder dieser Sprache in der Gesamtgruppe der Mehrsprachigen wieder.
4.
Vgl. Hendrik Boeschoten, Convergence and divergence in migrant Turkish, in: Klaus Mattheier (ed.), Dialect and migration in a changing Europe, Frankfurt/M. 2000, S. 145 - 154.
5.
Vgl. u.a. Inken Keim, Der kommunikative soziale Stil der "türkischen Powergirls", einer Migrantinnengruppe aus Mannheim, in: Deutsche Sprache, (2006) 1 - 2, S. 89 - 105; Friederike Kern/Margret Selting, Einheitenkonstruktionen im Türkendeutschen: Grammatische und prosodische Aspekte, in: Zeitschrift für Spachwissenschaft, 25 (2006) 2, S. 239 - 272; Inci Dirim/Peter Auer, Türkisch sprechen nicht nur die Türken. Über die Unschärfebeziehung zwischen Sprache und Ethnie in Deutschland, Berlin 2004; Heike Wiese, "Ich mach dich Messer" - Grammatische Produktivität in Kiez-Sprache (Kanak Sprak'), in: Linguistische Berichte, (2006) 207, S. 245 - 273.