APUZ Dossier Bild

16.5.2007 | Von:
Christoph Schroeder

Integration und Sprache

Die rechtliche Ausgangslage

Kein Nationalstaat gründet sich auf eine Sprache (und eine Ethnie), aber Teil des Prozesses, der den Nationalstaat formiert, ist die rechtliche Absicherung des Status einzelner Sprachen. Diese bedeutet zunächst lediglich, dass das Medium der "staatlichen Geschäftsführung" wenn man so will, festgelegt wird: die Amtssprache(n), das heißt die Sprache des Parlaments, des Gerichts, die Sprache, in der die staatlichen Institutionen mit den Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren.

Das Bundesverwaltungsverfahrensgesetz (BVwVfG) regelt in Abs. 1: "Die Amtssprache ist deutsch." Was Deutsch zur "Nationalsprache" in der Bundesrepublik Deutschland macht, ist also zunächst nur die amtssprachliche Regelung, in Verbindung mit der empirischen Tatsache, dass die meisten Bürger diese Sprache in ihrem alltäglichen Umgang miteinander verwenden: Deutsch ist Amts- und Verkehrssprache. Diese allgemeine amtssprachliche Regelung wird lediglich durch verfassungsmäßige regionalspezifische Schutzklauseln für die Sorben in Brandenburg und die Dänen in Schleswig-Holstein ergänzt.

Darüber hinaus hat der Artikel 3 des GG: "Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden" eine unmittelbare sprachenbezogene Folge, indem er gebietet, dass der Staat auch den Bürgern, die die Amtssprache nicht beherrschen, auf entsprechenden Antrag hin das sie betreffende staatliche Handeln durchsichtig macht, indem er Dolmetscher bereitstellt. Auch gibt es Ansätze, aus diesem Artikel bzw. seiner internationalen Entsprechung (Artikel 2 Abs. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) eine staatliche Verpflichtung zur Förderung der Erstsprachen von Kindern abzuleiten, auch wenn diese sich von der Nationalsprache unterscheiden. Ein Ausbleiben dieser Förderung stellt in diesen Ansätzen einen Fall von Linguizismus dar, eine Diskriminierung aufgrund von Sprache, da dem Kind die für seine kognitive Entwicklung entscheidend wichtige Förderung in der Erstsprache vorenthalten wird - eben weil diese nicht die Nationalsprache ist.[9] Andere argumentieren dagegen, dass Sprache nicht wie Geschlecht, Abstammung, Rasse, Heimat oder Herkunft als etwas gewertet werden dürfe, was man hat - man hat nur die Fähigkeit zu sprechen, nicht aber eine bestimmte Sprache in Form einer unveräußerlichen Eigenschaft -, sondern als etwas, was man ausübt, wie man Glauben praktiziert und religiöse oder politische Anschauungen ausübt, indem man sie äußert. Insofern ergibt der Schutz von Sprache "nur Sinn als soziale Praxis",[10] die in der Gemeinschaft Gleichsprachiger ausgeübt wird. Mit anderen Worten: Jeder darf jede Sprache sprechen, die er will, eine staatliche Verpflichtung gibt es allenfalls zur Entfaltung bzw. Förderung der Sprachfähigkeit.

In welcher Sprache die Förderung der Sprachfähigkeit geschieht, das entscheidet die Schule auf der Grundlage ihres Auftrages, dem heranwachsenden Staatsbürger den optimalen Zugang zur Gesellschaft zu gewährleisten - ihn zu integrieren. Das beinhaltet als wesentliches Element den Zugang zur Amts- und Verkehrssprache, vor allem: zu ihrem schriftsprachlichen Ausbau. Die "anderen" Erstsprachen kommen auf zwei Wegen wieder ins Spiel: zum einen über die Frage, ob möglicherweise der Königsweg zum Erlernen der Zweitsprache eine mehrsprachige Förderung ist, und zum anderen über die Selbstverständlichkeit, dass die Schule ihren Auftrag unter Nutzung und Ausbau der beim Kind vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten erfüllt - und hierzu gehören auch die ausbaufähigen Kenntnisse einer anderen Sprache.

Auch bei der Einrichtung der im Rahmen des am 1. Januar 2005 in Kraft getretenen neuen Zuwanderungsrechts vorgesehenen Integrationskurse scheint zunächst der Fördergedanke im Vordergrund zu stehen. Die Kurse sind unmittelbare Konsequenz der imZuwanderungsrecht erstmals erfolgten Selbstverpflichtung des Staates, Zuwanderer zu integrieren.[11] Mit ihrer Einrichtung - die Teilnahme an den Kursen ist für Neuzuwanderer verpflichtend, für bereits niedergelassene Zuwanderer ist sie freiwillig - wird der Sprache die zentrale Rolle im Integrationsprozess zugeschrieben. Erfolg oder Misserfolg des einzelnen Teilnehmers in den Integrationskursen bzw. seine Teilnahme oder sein Fernbleiben - und in der Konsequenz seine Deutschkenntnisse - werden zum Gradmesser seiner Integrationswilligkeit. Dies wiederum zieht rechtliche Vorteile und Sanktionen nach sich. Integration durch Sprache scheint jetzt "eine Antwort auf die Frage zu erlauben, wie sich Integration organisatorisch augestalten lässt".[12]

Fußnoten

9.
Vgl. Tove Skutnabb-Kangas, Bilingualism or not - the education of minorities, Clevedon, Avon 1984.
10.
U. Maas (Anm. 7), S. 95.
11.
Vgl. Thomas Groß, Integration durch Sprache - der deutsche Kompromiss, in: Ulrike Davy/Albrecht Weber (Hrsg.), Paradigmenwechsel in Einwanderungsfragen? Überlegungen zum neuen Zuwanderungsrecht, Baden-Baden 2006, S. 87 - 101.
12.
Michael Bommes, Integration durch Sprache als politisches Konzept, in: U. Davy/A. Weber (Anm. 11), S. 59 - 86.