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16.5.2007 | Von:
Bernhard Nauck

Integration und Familie

Partnerwahl und Eheschließung

Partnerwahl und Eheschließungen gehören neben der intergenerativen Transmission in den Eltern-Kind-Beziehungen zu den "strategischen" Entscheidungen von Migranten bezüglich des Eingliederungsverhaltens im Generationenzusammenhang. Die Modalitäten der Partnerwahl haben entscheidenden Einfluss darauf, in welcher Weise die Beziehungen zur Migrantenminorität und zur Herkunftsgesellschaft aufrechterhalten werden. Grundsätzlich lassen sich hierbei drei Heiratsmärkte voneinander unterscheiden: die Aufnahmegesellschaft, die eigene Migrantenminorität und die jeweilige Herkunftsgesellschaft bzw. darin eine spezifische ethnische, regionale oder verwandtschaftliche Abstammungsgemeinschaft. Je nachdem, auf welchem der drei Heiratsmärkte der Ehepartner gewählt wird, hat dies weit reichende Folgen für den Eingliederungsprozess und weitere Mobilitätsoptionen des oder der Heiratenden, für den Sozialisations- und Akkulturationsprozess der aus dieser Verbindung hervorgehenden Kinder und für die Ausgestaltung der familialen Solidarpotenziale.

Bei binationalen Eheschließungen spielt die Ko-Orientierung der Ehepartner zwangsläufig eine große Rolle, während Heiraten innerhalb der eigenen Migrantenminorität bzw. innerhalb der eigenen Herkunftsgemeinschaft mit größerer Wahrscheinlichkeit eine hohe Integration in die jeweiligen Verwandtschaftssysteme aufweisen. Binationale Ehepaare können damit zwar weniger stark auf außerfamiliäre soziale Ressourcen zurückgreifen und unterliegen weitaus weniger der sozialen Kontrolle durch die Verwandtschaft, haben dafür aber weitaus höhere Anpassungskapazitäten an die Aufnahmegesellschaft. Binationale Ehepaare unterliegen damit weit stärker den Risiken starker innerfamiliärer Konflikte und des Scheiterns der Beziehung, sie schaffen aber gleichzeitig günstige Voraussetzungen für den Verlauf des Eingliederungsprozesses.[1] Intraethnische Heiraten sind dagegen - nicht zuletzt wegen der höheren sozialen Kontrolle - weitaus sicherer; die Ehepaare haben jedoch das Problem, den Eingliederungsprozess der Familienmitglieder mit dem Verwandtschaftssystem koordinieren und ihn vor ihm legitimieren zu müssen. Dies wird vielfach zur Folge haben, dass sich der Eingliederungsprozess verlangsamt.

Für das Verständnis von Eheschließungen bei Migrantinnen und Migranten ist es notwendig, einerseits zwischen ethnisch endogamen und exogamen Heiraten zu unterscheiden - das heißt ob innerhalb der eigenen ethnisch-kulturellen Gruppe geheiratet wird oder nicht - und andererseits zwischen nationalitätsinternen und -externen Heiraten. Die Unterscheidung ist nötig, weil Staatsangehörigkeit und ethnische Herkunft in der Einwanderungssituation oft nicht miteinander übereinstimmen. Zunehmende Einbürgerungen von in Deutschland lebenden Ausländern werden dazu führen, dass nationale und ethnische Zugehörigkeiten häufiger auseinander fallen. Die Zahl der Ehen, in denen die Partner zwar unterschiedliche Pässe, aber dieselbe ethnisch-kulturelle Herkunft haben, steigt ebenso wie die Zahl derer, die durch Einbürgerung die gleiche Staatsangehörigkeit haben, jedoch einen unterschiedlichen ethnisch-kulturellen Hintergrund. Es ist zukünftig zu erwarten, dass Angehörige von Zuwanderungsnationalitäten in Europa sich in verschiedene Staaten einbürgern lassen, aber intraethnische, transnationale Netzwerke etablieren, die auch als Heiratsmärkte genutzt werden.

Binationale Partnerwahlen hängen - wie Partnerwahlen generell - von zwei Faktoren ab: erstens von den jeweiligen Gelegenheitsstrukturen, einen Partner zu finden, und zweitens von den individuellen Präferenzen der Partnersuchenden. Die Gelegenheitsstrukturen für intraethnische Partnerwahlen in der Aufnahmegesellschaft hängen ganz erheblich von der Gruppengröße der jeweiligen Ethnie ab, die sich im Zuwanderungsprozess deutlich verändert. Hinzu kommt typischerweise ein erhebliches Ungleichgewicht in den Geschlechterproportionen, das heißt in der Pioniermigrationssituation besteht wegen des Überhangs an Männern eine größere Nachfrage nach Frauen, als der intraethnische Heiratsmarkt in der Aufnahmegesellschaft hergeben kann. Dies führt dazu, dass männliche Migranten verstärkt in die einheimische Bevölkerung einheiraten, während in späteren Wanderungsphasen auch vermehrt Migrantinnen der eigenen ethnischen Gruppe als Heiratspartner zur Verfügung stehen.

Diese Tendenzen sind vielfach als besorgniserregende Tendenz "zunehmender ethnischer Schließung" und wachsender Konfliktträchtigkeit interethnischer Beziehungen missdeutet worden, da diese Entwicklung nicht auf die veränderten Gelegenheitsstrukturen, sondern auf sich verändernde Präferenzen zurückgeführt wurden. Veränderungen in den Präferenzen treten jedoch erst langfristig ein. Von solchen ist dann auszugehen, wenn entweder die ethnische Zugehörigkeit ihre Bedeutsamkeit als Selektionskriterium verloren hat oder eine bewusste Distanzierung von der Herkunftskultur erfolgt. Dies kann im Ergebnis vollzogener Assimilationsprozesse der ersten Migrantengeneration geschehen, oder wenn im Laufe der Zeit eine zunehmende Zahl von Angehörigen der zweiten Migrantengeneration in den Heiratsmarkt eintritt. Diese beiden, sich überlagernden Prozesse führen mittelfristig zu dem für Zuwanderernationalitäten typischen u-förmigen Entwicklungsverlauf bi-nationaler Eheschließungen. Diese U-Kurve ist inzwischen nicht nur für viele andere Zuwanderungsgesellschaften, sondern auch für den Verlauf der Einheiratungsquoten der meisten Nationalitäten von Arbeitsmigranten in Deutschland beobachtet worden.[2]

Neben den Gelegenheitsstrukturen sind auch kulturelle Faktoren bei der Partnerwahl von Bedeutung. Das jeweilige soziale Prestige der ethnischen Gruppen hat hierbei ebenso Auswirkungen auf die interethnische Partnerwahl wie die wahrgenommene kulturelle Nähe bzw. Distanz zur eigenen Kultur. Angehörige verschiedener Nationalitäten heiraten in sehr unterschiedlichem Umfang in die deutsche Bevölkerung ein. Bei deutschen Männern wird die Liste der häufigst gewählten Ausländerin mit großem Abstand von Polinnen angeführt, gefolgt von Frauen aus Thailand, Russland, Rumänien, der Türkei und der Ukraine. Bei deutschen Frauen dominieren hingegen die Männer aus der Türkei, gefolgt von solchen aus Italien, Serbien-Montenegro und den USA.[3] Allerdings geben solche Statistiken keine Auskunft darüber, in welchem Umfang es sich bei den Heiraten mit Partnerinnen oder Partnern aus Osteuropa um "?Kettenmigration" handelt, die von eingebürgerten Aussiedlern ausgelöst worden ist, die jemanden aus ihrer Herkunftsregion geheiratet haben. Ebenso bleibt verborgen, in welchem Ausmaß es sich bei den deutschen Ehepartnern um Eingebürgerte handelt, die ein Mitglied ihrer Herkunftsgesellschaft heiraten.

Entgegen weit verbreiteten Vorstellungen kommt eine binationale Partnerwahl gehäuft vor, wenn zumindest ein Partner Abitur oder Fachhochschulreife hat.[4] Binationale Partnerwahl scheint somit bei Deutschen wie bei Ausländern an den Bildungsstand gekoppelt zu sein. Analysen auf der Basis des Mikrozensus zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit von ausländischen Männern, eine deutsche Frau zu heiraten, ganz erheblich mit ihrem Bildungsgrad ansteigt: Italienische Männer mit einem Hauptschulabschluss heiraten bereits mit einer um 57 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit eine deutsche Frau als Italiener ohne Schulabschluss; bei Italienern mit mittlerer Reife steigt diese Wahrscheinlichkeit auf 79, fällt dann bei den Abiturienten allerdings wieder auf 11 Prozent. Bei türkischen Männern ist diese Tendenz noch ausgeprägter: Männer mit Hauptschulabschluss heiraten mit 42 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit eine deutsche Frau als solche ohne Schulabschluss; bei Männern mit mittlerer Reife und Abitur erhöht sich diese Wahrscheinlichkeit auf 193 bzw. 184 Prozent. Binationale Ehen erbringen damit einen Beitrag zum Import von Humankapital, da die ausländischen Ehepartner über einen gleich hohen oder höheren Bildungsgrad verfügen.[5]

Zweifellos wird Heiratsmigration in ihrer quantitativen Bedeutung in Zukunft noch zunehmen. Dies ist nicht nur auf die sich verschärfenden Ungleichgewichte auf dem internen Partnerschafts- und Heiratsmarkt zurückzuführen, sondern auch auf die anhaltende Nachfrage von Angehörigen der Migrantenminorität der "Zweiten Generation" nach Heiratspartnern aus den Herkunftsgesellschaften ihrer Eltern.[6] Wegen der Assimilation der zweiten Generation an die kulturellen Standards der Aufnahmegesellschaft nehmen diese Beziehungen zunehmend den Charakter bi-kultureller Partnerschaften und Ehen an.[7] Solche Anreize für transnationale Partnersuche in Migrantenminoritäten sind dann sehr hoch, wenn eine restriktive Zuwanderungspolitik keine anderen Zuwanderungsmöglichkeiten zulässt und gilt entsprechend insbesondere für solche Personengruppen, deren Herkunftsländer von restriktiven Zuwanderungsmöglichkeiten betroffen sind. Nach den Ergebnissen des Mikrozensus 1989 bis 2000 sind 29,9 Prozent der Ehefrauen türkischer Migranten der ersten und 25,8 Prozent der Ehefrauen von Angehörigen der zweiten Zuwanderergeneration erst nach der Heirat zugewandert. Demgegenüber liegen die entsprechenden Anteile bei den italienischen Migranten bei 8,2 bzw. 2,4 Prozent. Auch bei den Heiraten der in Deutschland lebenden Migrantinnen sind die Befunde ähnlich: 11,5 Prozent der Ehemänner türkischer Migrantinnen der ersten und 24,8 Prozent der Ehemänner der zweiten Zuwanderergeneration sind erst nach der Heirat zugewandert. Die entsprechenden Anteile bei den italienischen Migrantinnen liegen bei 0,3 bzw. 2,3 Prozent.[8] Der eigene verfestigte Aufenthaltsstatus des Angehörigen der zweiten Zuwanderergeneration dient als Offerte auf dem Heiratsmarkt in der Herkunftsgesellschaft, um dort einen Ehepartner mit höherem sozialem Status zu finden - ein Vorteil, der in der Aufnahmegesellschaft weder bezüglich der Einheimischen noch der Angehörigen der eigenen Zuwanderungsminorität zur Geltung käme.

Diese Befunde und Schlussfolgerungen machen deutlich, dass Heiratsmigration ein wichtiger Mechanismus der Selbstergänzung von Migrantenminoritäten in Deutschland ist. Sie trägt somit dazu bei, dass auch bei den etablierten Zuwanderernationalitäten weiterhin mit Migranten der ersten Generation zu rechnen ist. Durch vorhandene soziale Beziehungen treffen sie aber während des Eingliederungsprozesses auf vergleichsweise günstige Bedingungen. Empirische Analysen über die Struktur internationaler Heiratsmärkte fehlen bislang vollständig. So ist es beispielsweise eine völlig offene Frage, ob diese Form von statusorientierter Heiratsmigration vorzugsweise von solchen Migranten praktiziert wird, die über vergleichsweise geringe Ressourcen verfügen und somit "alternativlos" handeln: Der abgesicherte Aufenthaltsstatus wäre dann möglicherweise häufig "das Einzige", was sie auf dem Heiratsmarkt in der Herkunftsgesellschaft einzusetzen in der Lage sind. Ebenso ist jedoch denkbar, dass Heiratsmigration umso wahrscheinlicher ist, je höher die einzusetzenden Ressourcen auf diesem Heiratsmarkt sind: Hierzu würden dann nicht nur ein abgesicherter Aufenthaltsstatus, sondern auch eine gute Ausbildung und damit eine besonders aussichtsreiche materielle Zukunft gehören. Dafür sprechen die Befunde zur positiven Selektion bei den binationalen Ehen.

Fußnoten

1.
Vgl. Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001.
2.
Vgl. Thomas T. Kane/Elisabeth H. Stephen, Patterns of intermarriage of guestworker populations in the Federal Republic of Germany: 1960 - 1985, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 14 (1988), S. 187 - 204; Thomas Klein, Partnerwahl zwischen Deutschen und Ausländern, in: Sachverständigenkommission 6.Familienbericht (Hrsg.), Familien ausländischer Herkunft in Deutschland (Bd. 1: Empirische Beiträge zur Familienentwicklung und Akkulturation), Opladen 2000; Amparo Gonzalez-Ferrer, Who do Immigrants Marry? Partner Choice among Immigrants in Germany, in: European Sociological Review, 22 (2006), S. 171 - 185.
3.
Vgl. Bernhard Nauck, Binationale Paare, in: Karl Lenz/Frank Nestmann (Hrsg.), Handbuch Persönliche Beziehungen, Weinheim (i.E.)
4.
Vgl. T. Klein (Anm. 2); Julia H. Schroedter, Binationale Ehen in Deutschland, in: Wirtschaft und Statistik, 4 (2006), S. 419 - 431; A. Gonzalez-Ferrer (Anm. 2); David Glowsky, EU-Bürgerschaft als Ressource bei der Heirat ausländischer Frauen. Eine Analyse deutsch-ausländischer Ehen mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels, Berlin 2006
5.
Vgl. Stephan Weick, Bei höherer Schulbildung neigen ausländische Männer eher zur Ehe mit deutscher Partnerin. Untersuchung zu Familie und Partnerwahl in der ausländischen Bevölkerung mit Daten des Mikrozensus, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, 25 (2001), S. 12 - 14.
6.
Vgl. Bernhard Nauck, Generationenbeziehungen und Heiratsregimes - theoretische Überlegungen zur Struktur von Heiratsmärkten und Partnerwahlprozessen am Beispiel der Türkei und Deutschlands, in: Thomas Klein (Hrsg.), Partnerwahl und Heiratsmuster. Sozialstrukturelle Voraussetzungen der Liebe, Opladen 2001.
7.
Vgl. Bernhard Nauck, Interkultureller Kontakt und intergenerationale Transmission in Migrantenfamilien, in: Yasemin Karakasoglu/Julian Lüddecke (Hrsg.), Migrationsforschung und Interkulturelle Pädagogik. aktuelle Entwicklungen in Theorie, Empirie und Praxis, Münster - New York - München 2004; ders., Soziales Kapital, intergenerative Transmission und interethnischer Kontakt in Migrantenfamilien, in: Hans Merkens/Jürgen Zinnecker (Hrsg.), Jahrbuch Jugendforschung, Wiesbaden 2004.
8.
Vgl. J.H. Schroedter (Anm. 4), S. 428.