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16.5.2007 | Von:
Bernhard Nauck

Integration und Familie

Intergenerative Beziehungen

In der Migrationssoziologie hat intergenerativer Wandel seit der Konzeptualisierung der "race-relations-cycles" in den dreißiger Jahren stets eine bedeutsame Rolle in der Erforschung von Eingliederungsprozessen gespielt, wenn das Verhalten von Migranten der ersten, zweiten und dritten Generation miteinander verglichen wurde.[9] Ein wichtiges Ergebnis dieser Analysen besteht darin, dass eine erstaunliche Streuungsbreite sowohl individuell zwischen dem Eingliederungsverhalten einzelner Zuwanderer bzw. von Generationenketten von Zuwanderern als auch kollektiv zwischen dem der verschiedenen Zuwanderernationalitäten zu beobachten ist und Assimilation keineswegs ein "zwangsläufiges" Ergebnis von Eingliederungsprozessen sein muss. Hiervon sind erst jüngst durchgeführte Analysen zu unterscheiden, die Generationenunterschiede nicht durch Vergleiche von Kohorten (Jahrgangsgruppen), sondern direkt in den dyadischen Beziehungen in Migrantenfamilien untersuchen. Dies ist in dem Survey "Intergenerative Beziehungen in Migrantenfamilien" geschehen, in dem jeweils das Verhalten von Jugendlichen mit dem des gleichgeschlechtlichen Elternteils verglichen worden ist.[10] Beispielhaft werden die Angaben der Italiener - als Einwanderer mit älterer Einwanderungsgeschichte sowie als EU-Bürger - und der Türken - als Einwanderer mit vergleichsweise großer kultureller Distanz aus einem Nicht-EU-Land - herangezogen, um die Generationenunterschiede im Sprachgebrauch (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version) und in der ethnischen Identifikation (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version) zu veranschaulichen.

Eltern wie Kinder geben mehrheitlich an, dass sie miteinander überwiegend in der Herkunftssprache kommunizieren. Die Unterschiede zwischen Italienern und Türken bestehen vornehmlich darin, dass eine deutlichere Trennung in der Sprachverwendung mit den Eltern und mit den Geschwistern besteht: Während mit den Eltern noch ganz überwiegend Türkisch gesprochen wird, bevorzugen die Geschwistern - wie bei den Italienern - bereits zur Hälfte überwiegend die deutsche Sprache. Am Arbeitsplatz und in der Schule ist für Italiener und Türken die Verwendung der deutschen Sprache unumgänglich geworden. So verständigen sich in den Pausen von Arbeit und Unterricht schon mehr als 80 Prozent der Jugendlichen und mehr als 95 Prozent der Kinder in deutscher Sprache.

Der überwiegende Teil der Italiener befürwortet eine Heirat von Angehörigen der zweiten Generation mit Deutschen. Im Gegensatz dazu kann sich die Mehrheit der Türken nicht vorstellen, dass eine deutsche Person in ihre Familie einheiratet. Die Unterschiede zwischen den Generationen weisen tendenziell eine größere Zustimmung der Jugendlichen und Kinder auf, aber sie sind eher von geringem Ausmaß.

Generationenbeziehungen sind aus zwei Gründen von besonderer Bedeutung für das Verständnis der Familien ausländischer Herkunft und für die Funktionsweise familialer Solidarpotenziale unter Migrationsbedingungen. Erstens: Die meisten Familien ausländischer Herkunft stammen aus Gesellschaften ohne ein ausgebautes sozialstaatliches Sicherungssystem. Entsprechend werden alle Sozialleistungen und Absicherungen gegen die Risiken des Lebens zum überwiegenden Teil unmittelbar zwischen den Generationen erbracht. Diese Funktionen der materiellen Absicherung durch Generationenbeziehungen haben weit reichende Auswirkungen auf ihre kulturelle Ausgestaltung, das heißt darauf, was Eltern und Kinder gegenseitig voneinander erwarten und welchen "Wert" sie füreinander haben.[11] Zweitens: Die Migrationssituation selbst hat unmittelbare Auswirkungen auf die Generationenbeziehungen, lassen sich doch viele Migrationsziele nur im Generationenzusammenhang legitimieren und realisieren. Von besonderer Bedeutung sind diese Generationenbeziehungen bei einem ungesicherten Aufenthaltsstatus. Eine gewünschte oder erzwungene Rückkehr in die Herkunftsgesellschaft bedeutet zugleich, wieder auf soziale Sicherungssysteme zurückgreifen zu müssen, die auf Generationenbeziehungen basieren.

Das Paradoxe an der Migrationssituation ist, dass die Elterngeneration zu gleicher Zeit einer größeren Schwierigkeit und einer größeren Notwendigkeit intergenerativer Transmission von Kultur gegenübersteht. Einerseits haben elterliche Vorbilder im Aufnahmekontext ihren adaptiven Wert eingebüßt, andererseits können sich die Migranteneltern veranlasst sehen, mit noch größeren Anstrengungen ihre Herkunftskultur an die Kinder weiterzugeben, insbesondere wenn eine Unterstützung durch kulturvermittelnde Institutionen (etwa Kindergärten und Schulen) weitgehend fehlt. Es kann deshalb nicht verwundern, wenn in Migrantenfamilien intergenerative Beziehungen besonders hoch motiviert und stärker koordiniert sind als in nichtgewanderten Familien in der Herkunfts- oder in der Aufnahmegesellschaft. So zeigt ein Vergleich von türkischen Migrantenfamilien mit solchen, die in der Herkunftsgesellschaft verblieben sind, dass die intergenerative Transmission in Migrantenfamilien stärker ausgeprägt ist. Die Einstellungen von Eltern und Kindern sind konformer, die Ko-Orientierung höher und die Synchronität stärker als in nichtgewanderten Familien. Kinder ausländischer Familien antizipieren und internalisieren die Erwartungen der Eltern in hohem Maße und zeigen eine hohe Bereitschaft, die von ihnen erwarteten Solidarleistungen zu erbringen. Diese Stärkung der intergenerativen Beziehungen ist eine Folge der Anpassung an die Minoritätensituation. Stabile intergenerative Beziehungen in Migrantenfamilien sind der wichtigste Schutzfaktor gegen eine mögliche Marginalisierung von Jugendlichen der zweiten Generation. Bei aller Synchronität und Koordiniertheit ergeben sich deutliche Unterschiede zwischen den Generationen hinsichtlich der Stellung im Eingliederungsprozess. Jugendliche der zweiten Zuwanderungsgeneration sind im Vergleich zu ihren Eltern deutlich stärker assimiliert, sie nehmen diskriminierende Handlungen seltener wahr als ihre Eltern, haben eine geringere soziale Distanz zu Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft, spüren gleichzeitig eine größere Entfremdung zur Herkunftsgesellschaft und haben seltener konkrete Rückwanderungsabsichten.[12]

Generell zeigen die empirischen Befunde einen klaren intergenerativen Trend in Richtung stärkeren kulturellen und sozialen Kontakts bei der zweiten Migrantengeneration. Es gibt jedoch einige Abweichungen, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Hierzu gehört einmal die besondere Situation von Aussiedlern, bei denen hohe ethnische Identifikation nicht am Ende des Eingliederungsprozesses steht, sondern an dessen Anfang bzw. die ein zentrales Migrationsmotiv darstellt.[13] Dies führt u.a. zu einer größeren sozialen Distanz zur Aufnahmegesellschaft bei der Folgegeneration als bei ihren Eltern. Die andere Abweichung betrifft die Gruppe der türkischen männlichen Jugendlichen, die sich beispielsweise auch in Bezug auf Sprachbewahrung deutlich anders verhalten als die übrigen Angehörigen der zweiten Zuwanderergeneration. Befunde zu türkischen Söhnen deuten darauf hin, dass sich bei ihnen am ehesten das Phänomen der "Ethnic retention" bzw. eines "Ethnic revival" zeigt: Türkische Migrantensöhne antizipieren höhere Erwartungen seitens der Eltern an sich, als sie von ihren Eltern selbst geäußert werden, sie haben stärkere normative Geschlechtsrollenorientierungen und stärkere externale Kontrollüberzeugungen als ihre Väter, das heißt sie gehen von einer eher geringen Situationskontrolle aus. Diese Einstellung führt männliche türkische Jugendlichen nicht nur in der Familie, sondern besonders in der Aufnahmegesellschaft zu einem normativen Konflikt; entsprechend häufig - im Vergleich zu anderen Migrantenjugendlichen - fühlen sich türkische Söhne diskriminiert und entsprechend selten haben sie die Erwartung, sich an die Aufnahmegesellschaft anzugleichen.[14]

Fußnoten

9.
Vgl. Hartmut Esser, Aspekte der Wanderungssoziologie, Darmstadt-Neuwied 1980.
10.
Susann Krentz, Intergenerative Transmission von Erziehungseinstellungen bei Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland und Israel, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 22 (2002), S. 79 - 99; Bernhard Nauck, Eltern-Kind-Beziehungen in Migrantenfamilien - ein Vergleich zwischen griechischen, italienischen, türkischen und vietnamesischen Familien in Deutschland, in: Sachverständigenkommission 6.Familienbericht (Hrsg.), Empirische Beiträge zur Familienentwicklung und Akkulturation. Materialien zum 6.Familienbericht. Band 1, Opladen 2000; Bernhard Nauck/Anette Kohlmann, Verwandtschaft als soziales Kapital - Netzwerkbeziehungen in türkischen Migrantenfamilien, in: Michael Wagner/Yvonne Schütze (Hrsg.), Verwandtschaft. Sozialwissenschaftliche Beiträge zu einem vernachlässigten Thema, Stuttgart 1998; Bernhard Nauck/Anette Kohlmann/Heike Diefenbach, Familiäre Netzwerke, intergenerative Transmission und Assimilationsprozesse bei türkischen Migrantenfamilien, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 49 (1997), S. 477 - 499; Bernhard Nauck/Yasemin Niephaus, Intergenerative Konflikte und gesundheitliche Belastungen in Migrantenfamilien. Ein interkultureller und interkontextueller Vergleich, in: Peter Marschalck/Karl H. Wiedl (Hrsg.), Migration und Krankheit, Osnabrück 2001; Anja Steinbach/Bernhard Nauck, (2000), Die Wirkung institutioneller Rahmenbedingungen für das individuelle Eingliederungsverhalten von russischen Immigranten in Deutschland und Israel, in: Regina Metze/Kurt Mühler/Karl D. Opp (Hrsg.), Normen und Institutionen: Entstehung und Wirkungen. Theoretische Analysen und empirische Befunde, Leipzig 2000.
11.
Vgl. B. Nauck (Anm. 10); Bernhard Nauck, Der Wert von Kindern für ihre Eltern. "Value of Children" als spezielle Handlungstheorie des generativen Verhaltens und von Generationenbeziehungen im interkulturellen Vergleich, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 53 (2001), S. 407 - 435.
12.
Vgl. B. Nauck (Anm. 10).
13.
Vgl. A. Steinbach/B. Nauck (Anm. 10).
14.
Vgl. B. Nauck (Anm. 10).