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11.5.2007 | Von:
Matthias Ecker-Ehrhardt
Michael Zürn

Die Politisierung internationaler Institutionen

Kontextbedingungen der neuen Ansprüche

Die Wahrnehmung institutioneller Macht jenseits nationalstaatlicher Autoritäten erzeugt beides: Zustimmung und Zuwendung für, aber auch Misstrauen und Widerstände gegen internationale Institutionen. Angesichts der gewachsenen Autonomie internationaler Institutionen kommt es in den betroffenen Gesellschaften zu einer gesteigerten Auseinandersetzung über deren Legitimitätsgrundlagen. Eine gewichtige Rolle spielen dabei auch die kognitiven und kulturellen Grundlagen gesellschaftlicher Politisierung, die sich in den vergangenen Dekaden gleichfalls geändert haben. So treffen die ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Folgen der Globalisierung bei vielen Menschen auf eine Haltung, sie tatsächlich als "eigene" Probleme zu verstehen. Im Zuge zunehmender Bildung werden immer breitere Bevölkerungsteile in die Lage versetzt, globale Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu erkennen.[11] Auch ändert sich das Vermögen, sich jenseits nationaler Grenzen und kultureller Räume in andere hineinzuversetzen, Mitleid und Solidarität zu empfinden - wie sich nicht zuletzt an der zunehmenden Bereitschaft zeigt, sich angesichts entfernter humanitärer Krisen und Menschenrechtsverletzungen für die Betroffenen einzusetzen.[12] Im Ergebnis sehen wir einezunehmend denationalisierte politische Problemwahrnehmung - ein Prozess, der nicht auf westliche Industriegesellschaften beschränkt sein dürfte und durch die Verdichtung bzw. Kommerzialisierung medialer Kommunikationsprozesse noch verstärkt wird. Sofern die Definition ökonomischer, sozialer und auch moralischer Interdependenzen Phänomenen wie Hungersnöten, Seuchen oder Völkermord einen steigenden Nachrichtenwert zuweist, erzeugen die Medien nämlich einen immer schnelleren Fluss von Informationen. Dieser forciert seinerseits die Auseinandersetzung mit internationalen Problemen und Zusammenhängen.[13]

Die konstatierte kognitive Mobilisierung führt auch zu einer wachsenden Sensibilität von Gesellschaften für Machtfragen im Allgemeinen und dürfte schon von daher eine Politisierung gesellschaftlicher Akteure im Hinblick auf inter- und transnationale Institutionen begünstigen. Mit Blick auf die westlichen Industrienationen sind die damit einhergehenden Ansprüche auf politische Teilhabe als Ausdruck eines Wertewandels diskutiert worden.[14] In der Folge eines solchen Wertewandels lässt sich eine Bedeutungszunahme von Kriterien wie Repräsentativität und Transparenz als Bedingungen gesellschaftlicher Anerkennung von Global Governance beobachten. Außerhalb der OECD-Welt bleibt Bildung zwar vielfach ein knappes Gut. Dennoch erreicht und formt sie aber auch dort die Ansprüche an politische Ordnung bei einem signifikanten Teil der Bevölkerung - einer Elite, die zunehmend nach Beteiligung am politischen Prozess strebt, darüber hinaus jedoch auch immer wieder die westliche Dominanz in internationalen Institutionen kritisiert.[15]

Fußnoten

11.
Schon Rosenau sah hierin ein wesentliches Charakteristikum einer "multizentrischen Welt". Vgl. James N. Rosenau, Along the Domestic Foreign Frontier. Exploring Governance in a Turbulent World, Cambridge 1997.
12.
Vgl. Hans W. Bierhoff/Beate Küpper, Sozialpsychologie der Solidarität, in: Kurt Bayertz (Hrsg.), Solidarität, Frankfurt/M. 1998, S. 263 - 296; Martha Finnemore, The Purpose of Intervention: Changing Beliefs About the Use of Force, Ithaca 2004.
13.
Zur Zunahme solcher globalen Orientierung vgl. Peter A. Furia, Global Citizenship, Anyone? Cosmopolitanism, Privilege and Public Opinion, in: Global Society, 19 (2005) 4, S. 331 - 359. Vgl. auch die Arbeiten von Ulrich Beck zum Kosmopolitismus: Ulrich Beck, Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden, Frankfurt/M. 2004.
14.
Vgl. Pippa Norris, Democratic Phoenix: Reinventing Political Activism, Cambridge 2002; Ronald Inglehart/Christian Welzel, Modernization, Cultural Change, and Democracy: The Human Development Sequence, Cambridge 2005.
15.
Vgl. Zeyno Baran, Fighting the War of Ideas, in: Foreign Affairs, 84 (2005) 6, S. 68 - 78.