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11.5.2007 | Von:
Jan Helmig

Geopolitik - Annäherung an ein schwieriges Konzept

Schlussbemerkungen

Das Beispiel des "Kampfs der Kulturen" verdeutlicht eingängig, welche prägende Wirkung pauschalisierende Slogans und geopolitische Leitbilder haben können. Dabei sei hervorgehoben, dass mit dem angenommenen strukturierenden Gehalt geopolitischer Devisen nicht automatisch auf die Entlarvung absichtlicher Falschinformation abgezielt wird. Dies würde eine bewusste Propaganda bei der Verbreitung geopolitischer Diskurse voraussetzen. Vielmehr geht es darum, geopolitische Weltbilder in ihrer Funktion zu verstehen und ihre Wirkweisen nachzuzeichnen. Der theoretisch-methodische Pluralismus ist dabei Chance und Anlass für Kritik zugleich. Der Ansatz der Kritischen Geopolitik ist nicht frei von Antinomien, Unstimmigkeiten und Inkonsequenzen. Die Probleme reichen von "grundsätzlichen, ontologischen Einwänden bis hin zu konkreten Aspekten der methodischen Umsetzung in der empirischen Forschung".[40]

Der geänderte Blickwinkel eröffnet nichtsdestotrotz eine Reihe neuer Forschungsfelder, die sich kritisch mit herkömmlichen Konzepten auseinandersetzen und über die traditionellen Analysekategorien und Themenbereiche hinausgehen. Politische Konflikte um ökologische Ressourcen rücken verstärkt ins Zentrum des Interesses einer postmodernen Politischen Geographie. Dabei stehen nicht nur die Konflikte selbst im Vordergrund, sondern es geht auch und vor allem darum, welche Strategien die beteiligten Akteure wählen, um Interessen oder Protest zu artikulieren und durchzusetzen.[41] Politische Konflikte um territoriale Kontrolle und Grenzkonflikte sind weitere Themengebiete, in denen sich neue Forschungsperspektiven eröffnen. Eng damit verbunden ist der Fokus auf politische Konflikte um raumbezogene Identitäten und deren geopolitische Instrumentalisierbarkeit in Bezug auf traditionelle Konzepte wie Ethnie, Nation, Region oder Religion. Aber auch regionale Konflikte und die Rolle neuer sozialer Bewegungen bzw. die Wirkung transnationaler Akteure auf Prozesse der Globalisierung rücken ins Zentrum des Interesses der Politischen Geographie bzw. der Kritischen Geopolitik.[42]

Postmoderne Ansätze bieten die Gelegenheit, den häufig unreflektierten Gebrauch geopolitischer Begrifflichkeiten kritisch zu begleiten und eine Alternative zu herkömmlichen Verwendungen aufzuzeigen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zu mehr Toleranz und Verständigung. Hierin ist ihre Stärke zu sehen, denn entgegen weit verbreiteter Herangehensweisen, nach denen die Geographie Hand in Hand mit der realistischen Schule geht, bieten konstruktivistische Verfahren die Chance, sich von diesen Annahmen abzugrenzen und soziale Determinanten in den Blick zu rücken. Der Raum als "Akteur" rückt in den Hintergrund; so wird die Chance eröffnet, sich kritisch mit sozialen Faktoren auseinander zu setzen. Das Verhältnis von Geographie und Politik wird damit umgekehrt. Zugleich schwinden alle Möglichkeiten, sich auf naturgegebene Faktoren zu berufen und in einen deterministischen Fatalismus zu ergeben.

Die neuen Erkenntnisgewinne sind aber nicht nur für abstrakte Wissenschaftsfelder von Interesse, sondern vermögen - trotz der zum Teil sperrigen Ausdrucksweisen und eventueller Berührungsängste mit ungewohnten philosophischen Grundannahmen - einen wichtigen Einblick für die Praxis in Politik und Schulen zu leisten. Ein kritisches Arbeiten, welches auch eigene Annahmen und Positionen ständig hinterfragt, leistet daher einen wichtigen Beitrag für eine differenzierte Sichtweise und verlangt mehr Toleranz sowohl im politischen als auch im alltäglichen Umgang. Der geschärfte Blick für Differenzen, Abgrenzungen und ihre konstitutive Wirkung ist es denn auch, der die dargestellten alternativen Perspektiven der Geopolitik so zeitgemäß erscheinen lässt.

Fußnoten

40.
M. Albert/P. Reuber/G. Wolkersdorfer (Anm. 14), S. 524.
41.
Vgl. Geoffrey Parker, Geopolitics: Past, Present and Future, London 1998.
42.
Zu den neuen Forschungsfeldern ausführlicher: P.Reuber/G. Wolkersdorfer (Anm. 33), S. 3 - 16.