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2.5.2007 | Von:
Sabine Hofmann

Außenwirtschaftliche Kooperation im Vorderen Orient

Es ist zwingend, dass sich die Volkswirtschaften des Vorderen Orients der globalen Konkurrenz stellen, wollen sie von transatlantischen Rivalitäten und von aufstrebenden Weltregionen nicht erdrückt werden.

Einleitung

Unter dem Einfluss globaler Märkte entschließen sich Staaten dazu, marktliberale Kooperationen einzugehen, und wenden sich angesichts der neuen Herausforderungen Regionalisierungsmodellen zu.[1] War die erste Welle der Regionalisierung unter den Bedingungen des Kalten Krieges vor allem sicherheitspolitisch ausgerichtet, so verläuft die zweite Welle seit Mitte der 1970er Jahre viel umfassender und tiefer.[2] Der vor allem von skandinavischen Wissenschaftlern ausgearbeitete Ansatz des Neuen Regionalismus versucht, dieses Phänomen in seiner Multidimensionalität und Komplexität zu erklären.[3]




Die Industriestaaten bevorzugten jahrzehntelang den Abschluss von Handelsabkommen mit deren stimulierenden Effekten auf die Hebung des gesellschaftlichen Wohlstandes und die Regelung zwischenstaatlicher Konflikte.[4] Dass Regional Trading Arrangements (RTA) nicht generell regionalisierungsimmanent sein müssen, zeigt anschaulich dieSituation der Gesellschaften im Vorderen Orient. Darüber hinaus belegen die Entwicklungsprozesse in der Europäischen Union (EU), dass es längst nicht mehr nur um Handelsbeziehungen, sondern auch um wirtschaftliche und politische Fragen geht. Wirtschaftliche Sicherheit hat beinahe einen höheren Stellenwert für die Stabilität von Systemen und Staaten erhalten als Fragen der militärischen Sicherheit. Regionale Zusammenschlüsse sind Instrumente zur politischen Absicherung von regionalen Ordnungen geworden. In vom Staat dominierten Volkswirtschaften ist die ökonomische Aktivität in hohem Maße politisiert und von der Regierung bestimmt. Die Umsetzung der Integration hängt in dem Maße von marktgetriebenen Implikationen ab, in dem sie zu den politischen und ökonomischen Interessen der politischen Eliten nicht konträr verläuft.

Mit der Anerkennung der Regionalisierung als sozialem Prozess und der Einflussnahme globaler Entwicklungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft auf die Region rückt die Business Community (BC) eines Landes - insbesondere die ökonomische Elite - neben dem Staat als Akteur immer mehr ins Blickfeld der Untersuchung. Bezogen auf den Vorderen Orient ist festzustellen, dass neben einer Anzahl von zum Teil nichtstaatlichen Großunternehmen ein agiler privater Sektor und zunehmend transnationale Kooperationen angesiedelt sind. Bisher finden wir allerdings keinen regionalen Zusammenschluss von Unternehmern.

Der Vordere Orient[5] belegt im Globalisierungsranking des Centre for the Study of Globalization (CSGR) der Universität Warwick unter acht Regionen der Welt den sechsten Platz, in der wirtschaftlichen Globalisierung den achten.[6] Unbestritten ist der relativ geringe Grad der regionalen wirtschaftlichen Integration und der soziopolitischen Kohärenz,[7] insbesondere nach dem bevorzugt angelegten Normativ der EU. Auf verschiedenen Feldern bestehen allerdings sehr wohl regionale Strukturen und Instrumente. Sichtbar werden vorrangig subregionale Organisationen und Zusammenschlüsse von Akteuren aus arabischen Staaten, etwa der Golfkooperationsrat und die Liga der Arabischen Staaten (LAS) sowie Wirtschaftsvereinbarungen wie das Abkommen von Agadir und die Gründung einer Großen Arabischen Freihandelszone (GAFTA). Zu derartigen Übereinkünften zählen auch bilaterale Wirtschaftsabkommen und Vereinbarungen. Die strukturellen Verbindungen basieren insbesondere auf den transnationalen Rententransferzahlungen aus Arbeitsmigration und Rohstoffhandel. Die Gemeinsamkeiten wirken angesichts globaler Einflüsse und Zwänge meist stärker als die Eigeninteressen von Staaten, innerarabische Rivalitäten und Machtbestrebungen von Herrscherhäusern. Gleichzeitig verlaufende intraregionale Prozesse, volkswirtschaftliche und politökonomische Strukturveränderungen, Elitenwechsel und Liberalisierungsschritte haben in der Mehrzahl der Staaten zur Auseinandersetzung mit globalen Erscheinungen geführt.

Im Vergleich hierzu kommt Israel mit einer relativ flachen regionalen Verankerung eine sichtlich differente Position in Nah- und Mittelost zu. Israels Politik, Wirtschaft und Kultur unterscheiden sich strukturell und institutionell von denen seiner Nachbarstaaten.[8] Bis Ende der 1980er Jahre war diese nicht nur analytische Trennung in der Politik dominierend und herrschte auch in der Wirtschaft vor. Wirtschaftliche Kooperation als Ausdruck einer "Normalisierung" der israelisch-arabischen Beziehungen ist in erster Linie ein politisches Problem, weil alle Konfliktseiten die Region durch das Prisma des Nahostkonflikts betrachten. Wie dieser Konflikt und seine Regelung in letzter Instanz Ausdruck der globalen Imperative sind, so ist auch das Interaktionssystem Israels in der Region Ausdruck dieser Gemengelage. Warum sollte Israel, sollte die BC in Israel mit der arabisch-nahöstlichen Seite kooperieren? Was bietet Israel arabisch-nahöstlichen Akteuren, was diese nicht von anderer Seite erhalten könnten?

Fußnoten

1.
Vgl. Stefan A. Schirm, Globale Märkte, nationale Politik und regionale Kooperation - in Europa und den Amerikas, Baden-Baden 2001(2).
2.
Zur Regionalisierung vgl. u.a. Michael Schulz/Fredrik Söderbaum/Joakim Öjendal (Eds.), Regionalization in a Globalizing World, London-New York 2001; Louise Fawcett/Andrew Hurrell (Eds.), Regionalism in World Politics, Oxford 1997; Kym Anderson/Richard Blackhurst (Eds.), Regional Integration and the Global Trade System, London 1993; Jacob Viner, The Customs Union Issue, New York 1950.
3.
Vgl. Björn Hettne/Fredrik Söderbaum (Eds.), The New Regionalism (Politeia, 17 [1999] 3); www.unisa. ac.za/default.asp?Cmd=ViewContent&ContentID= 7194 (3.4. 2007).
4.
Vgl. u.a. Jeffrey A. Frankel/Ernesto Stein/Shang-Jin Wei, Regional Trading Blocs in the World Economic System, Washington, D.C. 1997.
5.
Sowohl "Vorderer Orient" als auch "Naher und Mittlerer Osten" sowie "Middle East" sind Fremdzuschreibungen imperialer Herrschaft. Hier soll "Vorderer Orient" hauptsächlich die nordafrikanischen Staaten Algerien, Ägypten, Libyen, Marokko und Tunesien, die westasiatischen Staaten Irak, Israel, Jordanien, Libanon, Syrien sowie das zu gründende Palästina und die sechs Mitgliedstaaten des Golfkooperationsrates Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate umfassen. Der Beitrag behandelt vorrangig den Maschrek (Ägypten, Israel, Palästina, Jordanien, Libanon, Syrien und Irak).
6.
CSGR Globalization Index: www2.warwick.ac.uk/fac/soc/csgr/index (3.4. 2007).
7.
Vgl. Sema Kalaycioglu, Towards More Functional Economic Cooperation in the Middle East, in: Perceptions. Journal of International Affairs, 8 (March-May 2003) 1; www.mfa.gov.tr/NR/rdonlyres/309 EBF88 - 7240 - 44E-A470 - 7E672DA36F5D/0/Sema Kalaycioglu.pdf.
8.
Vgl. u.a. die Studie der Weltbank: Samiha Fawzy (Ed.), Globalization and Firm Competitiveness in the Middle East and North Africa Region, Washington, D.C. 2002.