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2.5.2007 | Von:
Rolf Steininger

Der Sechstagekrieg

"Israel wird nicht allein sein ..."

Für Israel ging es nur vordergründig um die freie Durchfahrt im Golf von Akaba, tatsächlich aber um die Beseitigung der fortdauernden Bedrohung seiner Existenz. Man war in die Defensive geraten und würde einen Sieg Nassers ohne Krieg nicht zulassen. Mit Nachdruck versuchte Israel Washington klarzumachen, dass ein Angriff der arabischen Staaten unmittelbar bevorstand und man Sicherheitsgarantien erwarte. Die israelischen Militärs drängten auf einen Präventivschlag. Sie waren davon überzeugt, dass die arabischen Streitkräfte "Seifenblasen" waren: "Einmal hineinstechen und sie werden zerplatzen", wie der Befehlshaber der mittleren Front, General Uzi Narkiss, meinte.[12]

Die Amerikaner befanden sich in einer schwierigen Situation. Sie schätzten die von den Israelis beschworene Gefahr weniger dramatisch ein. Vieles sprach gegen einen ägyptischen Angriff: Wesentliche Teile der ägyptischen Truppen, vielleicht die besten, standen im Jemen, die wirtschaftliche Situation, auch die Vorratslage, war schlechter denn je, die Hilfe anderer arabischer Staaten ungewiss, die Kampfkraft der Truppe insgesamt nicht überzeugend. Sie hatte zwar von den Sowjets modernstes Kriegsgerät erhalten, konnte es aber kaum effizient bedienen. Washington hatte zudem kein Interesse an einer Niederlage Ägyptens, das sich dann womöglich noch enger an die Sowjetunion anlehnen würde.

Die Analysen der USA gingen davon aus, dass Israel militärisch überlegen war. US-Präsident Lyndon B. Johnson machte dies dem israelischen Außenminister Abba Eban am 26. Mai in Washington sehr deutlich, als er betonte, dass nach amerikanischer Auffassung ein Angriff auf Israel nicht bevorstand; sollte Ägypten doch angreifen, werde es von Israel "vernichtend geschlagen". Zweimal betonte er dann das, was später in Israel zum geflügelten Wort wurde, aber dort nicht unbedingt mit Enthusiasmus aufgenommen wurde, da es wenig konkret war: "Israel wird nicht allein sein, es sei denn, es handelt allein."[13] Am selben Tag meldeten die amerikanischen Militärattachés aus Tel Aviv, dass sich "die Entscheidung in Richtung Präventivschlag bewegt".[14] Das galt es zu verhindern.

Eine entsprechende Nachricht Johnsons wurde Ministerpräsident Levi Eshkol am 29. Mai um sechs Uhr vom amerikanischen Botschafter überreicht. Diese sorgte mit dafür, dass das Kabinett zu keiner Entscheidung kam: Neun Minister waren für einen israelischen Angriff, neun dagegen.[15] Eshkol erläuterte die Lage im Rundfunk und machte dabei einen so schwachen Eindruck, dass der Ruf nach dem "starken Mann" immer lauter ertönte. Schließlich wurde am 1. Juni eine "Regierung der nationalen Einheit" gebildet, in der der "einäugige Kriegsgott" und "Held" des Suezkrieges von 1956, Moshe Dajan, Verteidigungsminister und Menachem Begin Minister ohne Geschäftsbereich wurden. In der Bevölkerung war man sich nun sicher: Das Militär würde die Sache in die Hand nehmen.[16] In Israel war man mehr und mehr davon überzeugt, nicht länger warten zu können, während die Araber "Blut gerochen" hätten. Israel müsse entweder bald zuschlagen, oder, wie es in einer Analyse der CIA vom 3. Juni hieß, eine hundertprozentige Sicherheitszusage bekommen.[17] Dazu aber war Washington nicht bereit.

Am 4. Juni beschloss das israelische Kabinett einstimmig, am nächsten Tag loszuschlagen. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war der Bericht des Chefs des Geheimdienstes Mossad, Meir Amit, der sich vom 31. Mai bis 2. Juni inkognito in Washington aufgehalten und mit ranghohen Vertretern der CIA und des Pentagon, nicht allerdings des State Department, das nach wie vor für Verhandlungen eintrat, gesprochen hatte. Entscheidend war das Gespräch mit Verteidigungsminister Robert McNamara. Amit hat auf einer Konferenz 1992 berichtet, das Gespräch habe 40 Minuten gedauert, und er habe McNamara mitgeteilt, dass er seiner Regierung empfehlen werde, loszuschlagen. Soweit stimmen beide Seiten überein. Über die Reaktion McNamaras gehen die Meinungen auseinander. Laut Amits Bericht für das israelische Kabinett habe McNamara gesagt: "Ich habe Sie genau verstanden; dies war sehr hilfreich." Während des Gespräches habe Johnson zweimal angerufen und grundsätzlich zugestimmt. Amit verließ Washington jedenfalls in der Überzeugung, dass sowohl Johnson als auch McNamara nicht eindeutig Nein zum Losschlagen gesagt hatten,[18] eine Schlussfolgerung, die McNamara später zurückgewiesen hat.[19] Liest man nun das im FRUS-Band wiedergegebene Protokoll, könnte McNamara Recht haben.[20]

Fußnoten

12.
Zit. nach M. B. Oren (Anm. 2), S. 133.
13.
"Israel will not be alone unless it decides to go it alone". Memorandum of Conversation, 26.5. 1967, in: FRUS (Anm. 3), Doc. 77.
14.
Ebd., Doc. 70.
15.
Ebd., Doc. 86. Laut M. B. Oren (Anm. 2), S. 123, hatte Johnson geschrieben: "Presumptive action by Israel would make it impossible for the friends of Israel to stand at your side." Dies sei entscheidend für das 9 : 9-Ergebnis gewesen. Nach Veröffentlichung des FRUS-Bandes kann man das überprüfen: Johnson hatte genau diesen Satz aus dem Entwurf gestrichen; FRUS (Anm. 3), S. 163.
16.
Vgl. Walther Peinsipp (Tel Aviv) an Außenminister Lujo Toncic'-Sorinj (Wien), 9.6. 1967: Vor einer Neuordnung des Nahen Ostens?, in: Berichte aus Israel (Anm. 5), Bd. 9, 1966-1968, Dok. 58.
17.
Intelligence Memorandum CIA, 3.6. 1967, in: FRUS (Anm. 3), Doc. 143, und Draft Briefing by CIA-Director Richard Helms, 14.6. 1967, in: ebd., Doc. 297.
18.
Vgl. M. B. Oren (Anm. 2), S. 146f.; R. B. Parker (Anm. 2), S. 139f.
19.
Vgl. M. B. Oren (Anm. 2), S. 147.
20.
Memorandum for the Record, in: FRUS (Anm. 3), Doc. 124.