APUZ Dossier Bild

2.5.2007 | Von:
Rolf Steininger

Der Sechstagekrieg

"Der kritischste Augenblick für die VAR"

In den folgenden Tagen spitzte sich die Lage zu. Die israelische Armee stieß in Richtung Suezkanal vor, der am 8. Juni 1967 erreicht wurde, am nächsten Tag war der gesamte Sinai in israelischer Hand. Erst als es zu spät war, erkannte die ägyptische Führung das ganze Ausmaß der Katastrophe.

Wir wissen seit kurzem, welche Dramatik damals im Kreml und im Weißen Haus herrschte. Plötzlich und für die Sowjetunion völlig überraschend wandte sich der ägyptische Verteidigungsminister am 6. Juni um 18 Uhr mit einer Eilbotschaft Nassers an die sowjetische Führung: "Die Lage ist sehr gefährlich und kritisch, und sie kann nicht länger als bis heute Nacht so bleiben."[21] Sechs Stunden später erklärte er dem sowjetischen Botschafter im Auftrag Nassers erneut, die Lage sei so ernst, dass es "notwendig ist, die Feuereinstellung bis fünf Uhr früh zu erreichen".[22] Breschnew meinte später, dass "das der kritischste Augenblick für die VAR im Verlauf der Kampfhandlungen war". Sein Bericht machte die verheerende Lage deutlich: "Als wir diese alarmierende, die Dramatik der Situation an der ägyptisch-israelischen Front widerspiegelnde Meldung aus Kairo erhielten, hielten wir, die Mitglieder des Politbüros, um ein Uhr nachts eine Sitzung ab. Wir überlegten mögliche Varianten, wie den eine Niederlage erleidenden Streitkräften der VAR geholfen werden könnte. Es konnte gar keine Rede davon sein, in den verbleibenden wenigen Stunden irgendwie nennenswerte Mengen technischer Kampfmittel, Panzer, Flugzeuge dorthin zu befördern, um die im Grunde zusammenbrechende ägyptische Front zu stärken, den Vormarsch der israelischen Truppen auf den Suezkanal aufzuhalten und so die Hauptstadt und andere Städte der VAR aus der Luft zu decken. Dabei musste in Rechnung gestellt werden, dass der ägyptischen Militärführung die Leitung der Truppen faktisch aus den Händen geglitten war. Diese befanden sich in einem Zustand des Chaos und der Fassungslosigkeit, viele Flugplätze, auf denen unsere Flugzeuge hätten landen können, waren zerstört. In dieser Situation war es das einzig Richtige, alle politischen und diplomatischen Mittel einzusetzen, um zu versuchen, die VAR dem Schlag zu entziehen."[23]

Ähnlich katastrophal war die Lage der jordanischen Armee, obwohl die Kämpfe in Jordanien und besonders um Ost-Jerusalem die verlustreichsten der israelischen Armee waren, die keine schweren Waffen einsetzte, um die Stadt nicht zu zerstören. Am 6. Juni teilte König Hussein dem sowjetischen Botschafter mit: "Das ist der schwerste Tag in meinem Leben. Nur die unverzügliche Feuereinstellung kann Jordanien retten."[24] In der Nacht zum 7. Juni wiederholte auch Nasser die dringende Bitte, den Vormarsch der israelischen Truppen aufzuhalten und bis fünf Uhr morgens eine Feuereinstellung zu erreichen.

Sowjetische Initiativen im UNO-Sicherheitsrat - Feuereinstellung und Rückzug auf die Grenzen - scheiterten zunächst, nicht zuletzt wegen der chaotischen Situation in Kairo, wo die Regierung eine Entscheidung zur Feuereinstellung hinausschob: Nasser wollte die Niederlage nicht eingestehen. Sowjetische Drohungen an Israel, bei einer Fortsetzung der Kampfhandlungen die Beziehungen zu überprüfen und andere Maßnahmen zu erwägen, erwiesen sich als wirkungslos. In Ost-Jerusalem wurde um jede Straße und jedes Haus gekämpft. Am 7. Juni erreichten israelische Truppen die Klagemauer, wo Verteidigungsminister Dajan erklärte: "Wir haben das geteilte Jerusalem, die gespaltene Hauptstadt Israels, von neuem vereint; wir sind zu unseren heiligen Stätten zurückgekehrt, um uns nie wieder von ihnen zu trennen."[25]

Am 9. Juni zog Israel seine Streitkräfte im Norden zusammen und besetzte den Golan. Am Abend kündigte Nasser seinen Rücktritt an. Dies wollte die Sowjetunion unter keinen Umständen zulassen. Das Politbüro der KPdSU sicherte ihm sofortige politische und moralische Unterstützung zu: "Sie genießen größte Autorität in der arabischen Welt. Ihnen glauben die arabischen Völker, vertrauen Ihre Freunde, und nur auf dem Posten des Präsidenten verbleibend können und müssen Sie alles tun, um die Errungenschaften der Revolution zu bewahren und diese zu Ende zu führen. Die arabische Welt und alle fortschrittlichen Kräfte in der Welt werden Ihren Rücktritt von der Führung des Landes in diesem verantwortungsvollen Augenblick nicht verstehen und nicht billigen."[26]

Nasser blieb im Amt, in Moskau atmete man auf. Breschnew sagte vor dem ZK: "Unser Handeln in der für die VAR kritischen Situation war darauf gerichtet, den Aggressor aufzuhalten, solange die arabischen Staaten noch einen bedeutenden Teil ihrer Streitkräfte bewahrt hatten, die Eroberung Kairos und Damaskus' durch die israelischen Truppen nicht zuzulassen und vor allem den Sturz des fortschrittlichen Regimes in der VAR zu verhindern, was - davon sind wir überzeugt - eine Kettenreaktion auch in anderen arabischen Staaten zur Folge gehabt hätte."[27]

Fußnoten

21.
Vgl. L. Breshnew (Anm. 4), S. 20.
22.
Ebd.
23.
Ebd.
24.
Ebd., S. 21.
25.
M. Dayan (Anm. 1), S. 260.
26.
L. Breshnew (Anm. 4), S. 29f.
27.
Ebd., S. 22.