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2.5.2007 | Von:
Rolf Steininger

Der Sechstagekrieg

Moskaus Drohung

Inzwischen setzte die israelische Armee im Norden ihren Siegeszug fort. Die syrische Grenze wurde überschritten. Am 10. Juni gegen Mittag fiel Kuneitra, der Weg nach Damaskus war frei. In dieser dramatischen Situation, um 11.30 Uhr, erhielt der Kreml vom syrischen Außenminister eine Mitteilung, in der es hieß, israelische Panzer, unterstützt von starken Luftstreitkräften, stießen auf Damaskus vor. Die Regierung Syriens bat die Sowjetunion verzweifelt, "beliebige mögliche Schritte zu unternehmen, und zwar in den nächsten zwei - drei Stunden, da es sonst zu spät sein` würde". Breschnew vor dem ZK: "Das war der zweite kritische Punkt in der Nahostkrise."[28] Moskau brach die diplomatischen Beziehungen mit Israel ab und warnte, dass die Sowjetunion, falls man nicht unverzüglich die Kampfhandlungen einstelle, "gemeinsam mit den anderen friedliebenden Staaten gegenüber Israel Sanktionen mit allen sich daraus ergebenden Folgen durchführen wird".[29]

Gleichzeitig mit dem Ultimatum übermittelte Premierminister Alexej Kossygin eine Botschaft an US-Präsident Johnson, in der er beklagte, dass Israel die Beschlüsse des Weltsicherheitsrats ignoriere. Es habe sich ein sehr verantwortungsvoller Augenblick ergeben, "der uns, falls die Kriegshandlungen nicht in den allernächsten Stunden eingestellt werden, zu selbstständigen Entscheidungen zwingt. Wir sind dazu bereit." Das war eine klare Drohung, dass der Kreml auf Seiten der arabischen Staaten eingreifen werde - auch auf das Risiko eines militärischen Konfliktes mit den USA, denn "diese Handlungen", so hieß es weiter in der Note an Johnson, "können einen Zusammenstoß zwischen uns bewirken und zu einer großen Katastrophe führen. Offensichtlich gibt es in der Welt Kräfte, für die das vorteilhaft wäre. Wir schlagen Ihnen vor, von Israel zu fordern, dass es in den allernächsten Stunden die Kriegshandlungen bedingungslos einstellt. Wir werden unsererseits dasselbe tun. Wir schlagen vor, Israel zu warnen, dass im Falle der Nichterfüllung dieser Forderung die notwendigen Aktionen, einschließlich militärischer Aktionen, eingeleitet werden."[30]

Gleichzeitig wurde dem im Mittelmeer befindlichen Verband sowjetischer Kriegsschiffe einschließlich eines Raketenkreuzers der Befehl erteilt, in Begleitung einiger U-Boote Kurs auf die Küste Syriens[31] zu nehmen. Der Krieg drohte weiter zu eskalieren. Wie schon in den Tagen zuvor benutzte der Kreml erneut die Fernschreibverbindung nach Washington, jenen "Heißen Draht", der nach der Kubakrise 1962 eingerichtet worden war. Das Fernschreiben kam, nachdem versichert worden war, dass Johnson neben dem Fernschreiber stand. Nachdem die Übersetzung vorlag, überprüfte man zunächst den russischen Text, ob dort tatsächlich "einschließlich militärischer Aktionen" stand. McNamara schlug vor, der 6. US-Flotte den Befehl zu geben, Kurs auf das östliche Mittelmeer zu nehmen. Johnson stimmte zu. Im Rückblick meinte CIA-Direktor Richard Helms, er habe noch nie an einer Sitzung teilgenommen, in der so leise gesprochen worden sei; es habe eine äußerst angespannte Atmosphäre geherrscht.[32]

Das sowjetische Fernschreiben war um 8.48 Uhr Ortszeit im Weißen Haus eingegangen. Um 9.39 Uhr teilte Johnson Kossygin mit, dass Außenminister Dean Rusk eine dringende Botschaft an Israel übermittelt habe, wonach die USA es als sehr wichtig betrachteten, dass Israel durch Taten vor Ort demonstriere, dass die Befehle zur Feuereinstellung in Kraft getreten seien. Israel habe versichert, dass es dazu bereit sei.[33] Breschnew am 20. Juni vor dem ZK: "Man kann mit Fug und Recht feststellen, Genossen, dass unsere Warnungen an die Adresse der USA sowie Israels ihre Wirkung nicht verfehlt haben."[34] Im verlassenen Kuneitra hatten die Israelis ihren Vormarsch gestoppt und am 10.Juni um 18.30 Uhr das Feuer eingestellt.[35]

Fußnoten

28.
Ebd., S. 27.
29.
Ebd.
30.
Ebd., S. 28. Die englische, wortgleiche Übersetzung dieser Botschaft jetzt in: FRUS (Anm. 3), Doc. 243.
31.
Syrien, "der Augapfel der Russen", so Botschafter Llewellyn Thompson in Washington im Rückblick, in: ebd., Doc. 245.
32.
Vgl. Memorandum for the Record, in: ebd., Doc. 244.
33.
Ebd., Doc. 246.
34.
L. Breshnew (Anm. 4), S. 28.
35.
Eines der bis heute bestgehüteten Geheimnisse - wenn es denn eines ist - betrifft die Ereignisse rund um das CIA-Spionageschiff USS Liberty, das sich in internationalen Gewässern vor der Sinai-Küste aufhielt. Am 8. Juni wurde es von der israelischen Luftwaffe und der Marine angegriffen und schwer beschädigt; 34 Besatzungsmitglieder wurden getötet, 172 zum Teil schwer verletzt. Israel sprach von einem "tragischen Irrtum", die Johnson-Regierung akzeptierte diese Version. Die Identität des Schiffes war Israel bekannt. Es gibt zahlreiche Spekulationen über das Motiv des Angriffs, dadie Liberty den gesamten Funkverkehr im Nahen Osten überwachen konnte.