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Eine integrierte Geschichte des Holocaust


23.3.2007
Eine integrierte Geschichte des Holocaust ist notwendig, weil sie sich nicht auf deutsche Maßnahmen beschränken darf und weil jüdische Wahrnehmungen ein untrennbarer Bestandteil dieser komplexen Geschichte waren.

Einleitung



Dass eine integrierte Geschichte des Holocaust notwendig ist, wurde mir erstmals im Laufe der Mitte und Ende der 1980er Jahre geführten Debatten klar. Ausschlaggebend war insbesondere die Auseinandersetzung mit Martin Broszat über das 1985 von ihm vorgelegte "Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus". Eines der Argumente Broszats richtete sich gegen die traditionelle Schwarzweißdarstellung des Dritten Reiches, an deren Stelle ein Bild in abgestuften Grautönen treten sollte. Broszats kaum verhüllter Subtext, der im Zuge unseres 1988 geführten Briefwechsels zutage trat, besagte, die Wahrnehmung der jüdischen Überlebenden von dieser Vergangenheit sei ebenso wie die ihrer Nachkommen zwar "achtenswert", aber sie stelle doch eine mythische Erinnerung dar, die einer rationalen deutschen Geschichtsschreibung ein Hindernis in den Weg lege, das zu einer Vergröberung führe.






Diese Auffassung verewigte die intellektuelle Abtrennung der Geschichte der Juden während der NS-Zeit und überließ ihre Bearbeitung bestenfalls jüdischen Historikern. Meine Arbeit,[1] mit der ich 1990 begann, sollte zeigen, dass im Hinblick auf den professionellen Umgang mit diesem Gegenstand eine Unterscheidung zwischen Historikern unterschiedlicher Herkunft nicht gerechtfertigt ist; sämtliche Historiker, die sich mit diesem Thema befassen, müssen sich über ihre unvermeidlich subjektive Herangehensweise im Klaren sein und genügend selbstkritische Einsicht aufbringen können, um diese Subjektivität unter Kontrolle zu halten. Mir kam es in erster Linie darauf an, auch die jüdische Dimension in eine integrierte historische Erzählung einzubeziehen.

In dieser kurzen Darstellung befasse ich mich zunächst mit dem Begriff einer integrierten Geschichte des Holocaust, wende mich dann einigen Entscheidungen hinsichtlich der Erzählweise und der Interpretation zu, die ein derartiger Ansatz erforderlich macht, und schildere schließlich einige Probleme, die bei dieser Form der Geschichtsdarstellung auftreten können.


Fußnoten

1.
Vgl. Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Erster Band: Die Jahre der Verfolgung. 1933 - 1939; zweiter Band: Die Jahre der Vernichtung. 1939 - 1945, München 1998/2006.