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23.3.2007 | Von:
Hans Mommsen

Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus

Funktionalismus vs. Ideengeschichte

Bereits seit den 1960er Jahren hatten sich die zeitgeschichtliche Forschung und Publizistik in Deutschland zunehmend dem Schicksal der Opfer des Regimes zugewandt, wobei dieser Begriff eine zunehmend moralische Färbung gewann und in einem sehr breiten, nicht näher definierten Sinn verwandt wurde. Die Fokussierung des Erkenntnisinteresses auf die vom NS-Regime verfolgten und ideologisch ausgegrenzten Gruppen war mit einer Tendenz zur Ausblendung der politischen Prozesse verknüpft. Die Inflation des Opferbegriffs schlug seit den 1990er Jahren in verstärktes Interesse an den verantwortlichen Akteuren um. Den Einsatzpunkt stellte die monumentale Biographie von Ulrich Herbert über Werner Best dar. Fragen zur vergleichenden Typologie und Motivation der Täter traten zunehmend in den Mittelpunkt der Forschung.[6]

Zahlreiche jüngere Studien, angeregt von den Arbeiten Herberts, zielen darauf ab, mittels der Aufschlüsselung der Rolle und Motivation der "Täter" gleichsam das Bewegungsgesetz der NS-Diktatur erfassen zu können.[7] Diese Bestrebungen verknüpfen sich häufig mit einer Kritik an der funktionalistischen Schule, die durch die Hervorhebung struktureller Faktoren dazu tendiere, die schuldhafte Verstrickung der Handelnden zu verdecken. Dies reicht bis zu dem Vorwurf, die "Funktionalisten" hätten die Person Adolf Hitler nicht durch benennbare Personen oder Gruppen, sondern durch abstrakte Strukturen ersetzt und Täter und Opfer in gleicher Weise anonymisiert.[8] Damit verbindet sich die Unterstellung, der Funktionalismus sei durch "eine Tendenz zur Entsubstantialisierung der realen Geschichte" und "eine ostentative Vernachlässigung von Weltanschauung und Ideologie" gekennzeichnet.[9] Die Kontroverse reicht bis zu dem Vorwurf einer "zweiten Entnazifizierung" und der zugespitzten Polemik, es dränge sich der Eindruck auf, dass die Schuld Hitlers begrenzt werden solle[10] und dass die Akteure des "Verwaltungsmassenmords" als "willenlose Objekte" und "hilflose Befehlsempfänger" gezeichnet würden.[11]

Nimmt man die überschüssige Polemik weg, bleibt die Behauptung, die Funktionalisten hätten einer Beschönigung der NS-Verbrechen in die Hände gearbeitet und der Exkulpierung zahlreicher Funktionsträger des Regimes Vorschub geleistet. Die Zuspitzung von Dan Diner, die Funktionalisten hätten "Verantwortung" durch "Struktur" ersetzt,[12] ist jedoch absurd und endet in historischem Personalismus. Der tiefere Grund des Dissenses liegt in der ausgeprägt ideengeschichtlichen Tendenz der von Herbert ins Leben gerufenen Schule, die zugleich moralischen Gesichtspunkten verpflichtet ist.[13] Doch die zeitgeschichtliche Forschung in Deutschland ist nur in untergeordnetem Maße dafür verantwortlich zu machen, dass die Verfolgung von NS-Verbrechen nur schleppend erfolgte und die Initiative dazu bei der Justiz lag.

Bei allen Verdiensten des biographiegeschichtlichen Zugriffs für ein tieferes Verständnis der Funktionsweise des NS-Herrschaftssystems stößt dieser auf methodische und sachliche Grenzen. Das gilt zunächst für die nur beschränkte Verfügbarkeit biographischer Quellen schon bei Angehörigen der Mittelklasse, während politische Einstellungen und Haltungen von Vertretern der Unterschichten nur ausnahmsweise mit individuellen Zeugnissen rekonstruiert werden können. Wichtiger erscheint, dass der größere Teil gerade der an der Gewaltentfesselung im Regime unmittelbar Beteiligten biographiegeschichtlich kaum erfassbar ist und ihre Handlungen in die Trivialität des Unsagbaren absinken, was exemplarisch in der Studie Karin Orths über die Konzentrationslager zum Ausdruck kommt.[14] Die Täterforschung - etwa in der grundlegenden Untersuchung von Michael Wildt[15] - orientiert sich an einem bestimmten Typus des NS- und SS-Funktionärs, der in der Regel einen akademischen oder doch intellektuellen Hintergrund hat. In der Masse der Fälle lassen sich über politisch-weltanschauliche Handlungsmotive jedoch keine hinreichenden Aussagen machen,[16] und es stellt sich ohnehin die Frage, welche Relevanz ihnen zukommen würde.

Ungeachtet der beträchtlichen Leistungen, welche die "Täterforschung" aufzuweisen hat, ist doch unverkennbar, dass sie an Grenzen stößt, die nicht dem Mangel an biographischen Informationen zuzuschreiben sind. Schon der Begriff des "Täters" umgreift einen Typus, der in den weltanschaulich aufgeladenen bürokratischen Apparaten des Regimes anzutreffen ist, aber auf die "Macher" im engeren Sinne - die hohen NS-Chargen - kaum angewandt werden kann, deren intellektuelle und menschliche Mediokrität sich einer sinnvollen biographischen Darstellung entzieht. Das Medium der historischen Biographie erscheint daher nur bedingt geeignet, die politisch-gesellschaftlichen Strukturen des Dritten Reiches aufzuschlüsseln, die durch eine systematische Erosion der Autonomie der Individuen zugunsten von deren instrumenteller Verfügbarkeit für die Zwecke des Regimes gekennzeichnet sind. Für die NS-Herrschaft ist es gerade charakteristisch, dass Täter durchweg als Kollektive, jedenfalls stets in bürokratischen oder kameradenhaften Zusammenhängen handeln, hinter denen die individuellen Charaktere zurücktreten.

Als ursprünglich primär juristisch determinierte Kategorie zielt der Täterbegriff auf ein sachlich abgrenzbares und individuell verantwortliches Handeln. Neben der Ermordung von Juden, Sinti und Roma stehen die Euthanasie, Menschenversuche und die Verbrechen in den Konzentrationslagern und den Repressionsapparaten des Sicherheitsdienstes, der Ordnungspolizei und der Zivilverwaltung im Vordergrund. Die zahlreichen neueren Arbeiten zu diesem Bereich[17] haben dazu beigetragen, das extreme Ausmaß der Kriminalisierung der NS-Gesellschaft aufzudecken und der älteren Vorstellung den Boden zu entziehen, nach der die Verbrechen des Regimes nur von kleinen Minderheiten im Umfeld der SS begangen worden seien. Sie zeigen zugleich, dass von einem einheitlichen Tätertypus nicht gesprochen werden kann und dass die politische Sozialisation der Vollstrecker in den Apparaten der SS, Polizei und NSDAP den maßgeblichen Faktor für die Bereitschaft darstellte, sich in den Dienst der Vernichtungspolitik zu stellen, während die völkisch-ideologische Vorprägung in der Weimarer Zeit nur von untergeordneter Bedeutung ist. In seiner Untersuchung des Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes gelangt Michael Wildt zu dem Resultat, dass der strukturelle Einfluss der "SS-Weltanschauungsbürokratie" maßgebend war, um die Täter zum ihnen abverlangten Mordhandwerk zu motivieren.[18]

Der methodische Zugriff, mittels einer vergleichenden Biographieforschung und eines wie auch immer differenzierten Täterbegriffs die für die NS-Diktatur charakteristische Gewalteskalation und Entgrenzung des Verbrechens zu erklären, ist daher nur begrenzt ergiebig. Die Dynamik des Prozesses kumulativer Radikalisierung, die für das NS-System kennzeichnend ist, gerät dabei nicht in den Blick, und die Analyse der engeren Führungsgruppe ergibt ein eher einförmiges Bild. Insofern bietet die Täterforschung keine Alternative, sondern nur eine Ergänzung der funktionalistischen Methode, die die zerstörerische Dynamik des NS-Herrschaftssystems strukturell und nicht allein ideologisch zu erklären sucht.

Die Täterforschung ist in der Regel mit einer Hervorhebung der weltanschaulichen Faktoren verbunden, und sie hat das Verdienst, nachgewiesen zu haben, dass gerade in den Verfolgungsapparaten extrem antisemitische Einstellungen handfest gewirkt haben, wie umgekehrt die Funktionalisten dazu neigten, in der Gegenbewegung zur herrschenden Meinung den ideologischen Faktor gegenüber den systemischen und bürokratischen Bedingungen zu gering einzuschätzen. Mittlerweile haben sich in der Forschung die Standpunkte angenähert, denn es ist evident, dass weltanschauliche Motive für sich nicht ausreichten, die Eskalation der Vernichtung voranzutreiben. Um die tödliche Interaktion zu beschreiben, die sich seit 1941 zwischen den lokalen Machthabern und dem Reichssicherheitshauptamt vollzog, bedarf es einer Analyse des komplexen Zusammenwirkens rivalisierender Instanzen, auch wenn sich vor Ort ein Zusammengehen aufdrängte.[19]

Fußnoten

6.
Vgl. Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft. 1903 - 1989, Bonn 2001.
7.
Vgl. Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien, Darmstadt 2004.
8.
Vgl. Ulrich Herbert, The Holocaust in German History. Some Introductory Remarks, in: Moshe Zimmermann (Hrsg.), On Germans and Jews under the Nazi Regime, Jerusalem 2006, S. 74.
9.
Vgl. Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003, S. 513.
10.
Vgl. U. Herbert (Anm. 8), S. 74; N. Berg (Anm. 9), S. 513.
11.
Gerhard Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah im Spiegel der Forschung, in: ders. (Hrsg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte, Bd. 2), Göttingen 2002, S. 20ff.; Ulrich Herbert, Vernichtungspolitik. Neue Antworten und Fragen zur Geschichte des "Holocaust", in: ders. (Hrsg.), Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939 - 1945, Frankfurt/M. 1998, S. 21.
12.
Vgl. N. Berg (Anm. 9), S. 566.
13.
Herbert verweist nachdrücklich auf die Ursprünge Bests im völkischen Lager, um dessen Rolle im SS-Apparat zu erklären.
14.
Vgl. Karin Orth, Die Konzentrationslager der SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien, Göttingen 2000.
15.
Vgl. Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.
16.
Vgl. Dieter Pohl, Die Ermordung der Juden im Generalgouvernement, in: U. Herbert (Anm. 11), S. 110ff.
17.
Vgl. Gerhard Paul, Einleitung, in: ders. (Anm. 11); Michael Mallmann/Gerhard Paul, Sozialisation, Milieu und Gewalt. Fortschritte und Probleme der neueren Täterforschung, in: dies. (Anm.7), S. 1-32.
18.
Vgl. M. Wildt (Anm. 15), S. 856ff.
19.
Vgl. D. Pohl (Anm. 16), S. 113f.