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23.3.2007 | Von:
Hans Mommsen

Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus

Kumulative Radikalisierung

Michael Wildt hat in seiner eindrucksvollen Analyse der "Generation des Unbedingten" ein faszinierendes Psychogramm der Führungsgruppe des Reichssicherheitshauptamtes erstellt. Im Unterschied zu den politischen "Hoheitsträgern", also der engeren Funktionärselite der Partei, zeichnet sich der in den Apparaten der SS herangezüchtete Tätertypus durch technokratische Effizienz und bürokratische Disziplin aus. Er arbeitet den Typus einer spezifischen "Weltanschauungsbürokratie" heraus, deren besondere Mentalität dem kontinuierlichen Radikalisierungsprozess sowohl bezüglich der Herrschaftsmethoden wieder langfristigen Zielsetzungen zugrunde liegt, und erhebt den Anspruch, damit die "Kontroverse um Intention und Funktion" auflösen zu können.[20] Doch handelt es sich bei der Mentalität des SS-Führungskorps um einen Sonderfall der sich in den NS-Führungsgruppen durchsetzenden Bindungslosigkeit und Amoralität, die in den von Hitler gefeierten neuen Führertypen im Osten kulminierten.[21]

Die diversifizierte Forschung des vergangenen Jahrzehnts vermittelt den Eindruck einer gewissen inneren Kompaktheit des NS-Regimes, dem es gelang, fast alle Politikbereiche ideologisch zu durchdringen. Dabei tritt der hochgradig fluktuierende Charakter der NS-Politik unterhalb der ideologischen Fernziele allzu leicht in den Hintergrund. Denn der inneren Stabilisierung des NS-Herrschaftssystems bis 1938/39 folgt mit dem Ausbruch und der Ausweitung des Zweiten Weltkrieges eine schleichende Auflösung des zentralen Regierungsapparates, der in der letzten Phase des Krieges in eine zunehmende Überschneidung der Kompetenzen zwischen innerer undallgemeiner Verwaltung, Parteiapparat, Reichssicherheitshauptamt und Sonderverwaltungen überging.[22] Abgesehen davon ist das Ausmaß von Improvisation, von unkontrolliertem Wildwuchs der Sonderverwaltungen und der allenthalben um sich greifenden ungeheuren Korruption schwerlich zu unterschätzen.[23] Von den unerhörten zerstörerischen und verbrecherischen Auswirkungen der NS-Politik darf nicht auf deren innere Rationalität und Konsistenz geschlossen werden, wie überhaupt deren kurzfristig ephemerer Charakter allzu leicht übersehen wird.

Mit der Fokussierung der Forschungsdiskussion auf die Implementierung des Holocaust und die Vernichtungspolitik gegen "Fremdvölkische" ist die Frage nach den Ursachen der sich ständig steigernden Dynamik des Herrschaftssystems eher in den Hintergrund getreten. Die nach und nach alle Politikfelder erfassende weltanschauliche Durchdringung erklärt zwar, warum sich gegen die Vernichtungspolitik des Regimes keine signifikanten Widerstände bei den traditionellen Eliten wie bei den gemäßigt eingestellten Mitgliedern der NSDAP und ihrer angegliederten Verbände einstellten. Aber die Ursachen des kumulativen Radikalisierungsprozesses, der das NS-System kennzeichnet, sind nicht einfach auf ideologische Fanatisierung zu reduzieren. Damit sich die Propaganda "beim Wort nehmen" konnte, also ideologische Fernziele in reales politisches Handeln umgesetzt wurden, bedurfte es spezifischer, im politischen System selbst angelegter Faktoren.[24]

In den vergangenen Jahren ist diese Radikalisierung überwiegend auf Hitlers weltanschaulichen Fanatismus und auf dessen direkte und indirekte Eingriffe zurückgeführt worden. Dies ist die Quintessenz zweier sonst so unterschiedlich ausgerichteter Gesamtanalysen wie Saul Friedländers eindrucksvollem Werk zur Geschichte des Holocaust und Richard Evans' Geschichte des Dritten Reiches.[25] In beiden Darstellungen geht die Triebkraft des Geschehens primär von Hitler aus, wenn auch ideologische bzw. antisemitische Voreinstellungen in der Bevölkerung komplementär einwirkten. Der entscheidende Faktor liegt nach Friedländer in der "persönlichen Wirkung" Hitlers und dessen "zwanghaftem Antisemitismus", der auf eine in Deutschland schon länger herausgebildete "antijüdische Kultur" getroffen sei. Er greift auf die im Sinne seiner übergreifenden Interpretation nach nicht unbedingt notwendige Auffassung zurück, Hitler habe am 12. Dezember 1941 einen umfassenden Befehl zur Implementierung der Shoah gegeben.[26]

Gleichwohl wird die Frage, in welchem Umfang Hitler - ungeachtet seiner uneingeschränkten Vetomacht - den politischen Entscheidungsprozess der letzten Jahre des Regimes maßgebend geprägt hat und wie stark der Anteil nachgeordneter Machtträger, nicht zuletzt Heinrich Himmlers gewesen ist, nach wie vor unterschiedlich beurteilt. In seiner Hitler-Biographie hat Ian Kershaw das Wechselverhältnis zwischen den politischen Initiativen des Diktators und den Erwartungshaltungen seiner Anhänger betont und damit den Ansatz Martin Broszats fortgeführt, nach dem dieser, indem er sich an vorherrschende Ressentiments und Stimmungen anpasste, als Produkt der ihn umgebenden Gesellschaft betrachtet werden müsse.[27] In der Tat besteht weitgehende Einigkeit in der Forschung, dass von einer Interaktion zwischen der Zentrale und den Vollstreckern vor Ort auszugehen ist.[28]


In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie stabil der Führerkult - insbesondere mit dem Fortgang des Ostkrieges - gewesen ist. Zwar gelang es der Goebbels'schen Propaganda, die Person Hitlers als des "Führers der Nation" zur einer übermenschlichen Figur zu machen. Sie vermochte es, Attribute nationaler Identität auf dessen Person zu übertragen und alternative nationale Identifikationsmöglichkeiten abzublocken. Dadurch wurde die Figur Hitlers von der an der Partei, den Bonzen und der SS artikulierten Kritik unter der Formel "Wenn das der Führer wüsste" von der Verantwortung für Niederlagen, Verbrechen und Missstände ausgenommen.

Gleichwohl beeinträchtigte der Krieg gegen die Sowjetunion seine Popularität, und sie ging in dem Maße zurück, in dem sich die militärischen Niederlagen nach Stalingrad häuften. Gleichwohl blieb der Führerkult gerade für diejenigen Funktionäre, die alle Brücken hinter sich abgebrochen sahen, bis zuletzt erhalten und erwies sich als wirksames Mittel, um sie zum Durchhalten zu bewegen.

Fußnoten

20.
M. Wildt (Anm. 15), S. 856f.
21.
Vgl. Hans Mommsen, Der Krieg gegen die Sowjetunion und die deutsche Gesellschaft, in: Bianka Pietrow-Ennker (Hrsg.), Präventivkrieg. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, Frankfurt/M. 2000, S. 65f.
22.
Vgl. den Überblick bei Dieter Rebentisch, Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1989, S. 499ff., S. 533ff.
23.
Vgl. vor allem Frank Bajohr, Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit, Frankfurt/M. 2004.
24.
Diese Formel findet sich bei Martin Broszat, SozialeMotivation und Führerbindung im Nationalsozialismus, in: ders. (Hrsg.), Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte, München 1988, S. 32f.
25.
Vgl. Saul Friedländer, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939 - 1945, München 2006; Richard J. Evans, Das Dritte Reich, Bd. 2, München 2006; dazu Hans Mommsen, Terror und Angst, in: Die Zeit, November 2006, S. 17f.
26.
Vgl. Christian Gerlach, Die Wannseekonferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische Grundentscheidung, alle Juden Europas zu vernichten, in: Werkstatt Geschichte, 6 (1997), S. 7 - 44.
27.
Vgl. Ian Kershaw, Hitler 1889 - 1936, Stuttgart 1998, S. 26f.; M. Broszat (Anm. 24), S. 127ff.
28.
Vgl. Ulrich Herbert, Die deutsche Militärverwaltung in Paris und die Deportation der französischen Juden, in: ders. (Anm. 11), S. 208.