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23.3.2007 | Von:
Hans Mommsen

Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus

"Gefälligkeitsdiktatur"?

Es ist indessen fragwürdig, die politische Tragfähigkeit der von Goebbels wirkungsvoll beschworenen "Volksgemeinschaft" zu hoch zu bewerten. Es ist bezeichnend, dass die NS-Führung, wie Götz Alys Studie über "Hitlers Volksstaat" eindrücklich zeigt,[29] die Belastungsfähigkeit der Bevölkerung vergleichsweise gering einschätzte und sich scheute, den breiten Massen erhöhte Steuern aufzuerlegen. Das Regime war stattdessen bestrebt, durch die ökonomische und finanzpolitische Ausbeutung der besetzten Länder die materielle Versorgung des Altreichs auf einem erträglichen Niveau zu halten. Für diese bis zuletzt durchgehaltene Politik besaßen die Erfahrungen der Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg entscheidende Bedeutung. Um sich die Sympathien der Bevölkerung zu sichern, sorgte Martin Bormann dafür, dass die Versorgung der Bombengeschädigten und der aus den bedrohten Grenzgebieten ausgesiedelten Bevölkerung ausschließlich bei der Partei bzw. der NS-Volkswohlfahrt lag, die in ihrem Auftrag tätig war.

Detaillierte Regionalstudien wie jüngst JillStevensons Analyse von "Hitler's Home Front" in Württemberg zeigen jedoch eindrücklich, dass der Grad des innenpolitischen Konsenses bei den "Volksgenossen" sehr geteilt war, auch wenn sie sich nach außen hin dem diktatorischen Regime unterwarfen, da es keine Möglichkeit gab, ihre Resistenz politisch zu artikulieren. Es ist bemerkenswert, dass die Württemberger zwischen ihrer Loyalität zu Hitler und ihrer Einstellung zur Partei und deren regionalen Repräsentanten klar differenzierten.[30] In kirchlichen Angelegenheiten, nicht zuletzt dem Religionsunterricht, aber auch im Hinblick auf die Agrarpolitik des Regimes bestand eine eindeutige Opposition. Diese Teildistanzierung ließe sich an anderen Regionen und Lokalstudien vielfältig bestätigen.[31] Desgleichen ist das Ausmaß der Übereinstimmung mit der Politik des Regimes, von wenigen Höhepunkten wie den Siegen über Polen und Frankreich abgesehen, eher begrenzt. Es scheint daher angebracht, auf den Begriff der "Volksgemeinschaft", der ja durch die Goebbels'sche Propaganda eingefärbt wurde, im analytischen Kontext zu verzichten.

Einige Schritte weiter ging Götz Aly in seinem kontrovers aufgenommenen Buch über "Hitlers Volksstaat". Ausgehend von der Einsicht, dass die Erfahrungen des kriegswirtschaftlichen Systems im Ersten Weltkrieg die von Hitler und seinen Gefolgsleuten eingeschlagene Strategie maßgebend beeinflusst habe, betont er die Bestrebungen des Regimes, sich durch ökonomische Konzessionen die Sympathien der lohnabhängigen Bevölkerung zu sichern. Es ist unbestreitbar, dass die NS-Führungsgruppe gerade seit der Krise nach Stalingrad an der pseudosozialistischen Linie festhielt und sich gegen steuerliche Maßnahmen zu Ungunsten der unteren Bevölkerungsschichten wandte. Das sollte aber nicht zu der Ansicht führen, die NS-Sozialpolitik habe eine Einkommensumverteilung zugunsten der Unterschicht herbeigeführt, denn die Sozialpolitik des Regimes seit den 1930er Jahren hat trotz ihrer populistischen Züge die Einkommensverhältnisse der Unterschicht im Verhältnis zur Lage von 1928 keineswegs verbessert. Neuere Untersuchungen zeigen, dass von einem durch die Politik des Regimes maßgeblich unterstützten ökonomischen Aufschwung trotz der Überwindung der Massenarbeitslosigkeit keine Rede sein kann.[32]

Aly ist so weit gegangen, den Unterdrückungscharakter des Regimes zu relativieren,und spricht von einer "Gefälligkeits-" und "Zustimmungsdiktatur".[33] Er stützt sich dabei auf die bis zum Beginn des Russlandkrieges günstig ausfallenden Meinungsumfragen. In seinem jüngsten Buch neigt er indessen dazu, diese Ergebnisse zu relativieren.[34] Wie weit die Bevölkerung die Politik des Regimes, die materiellen Belastungen im Kriege möglichst niedrig zu halten, direkt und indirekt - nicht zuletzt durch öffentliche Versteigerung jüdischen Wohnungs- und Haushaltseigentums, aber auch durch materielle Vorteile für Familien, deren Väter eingezogen waren - mit dauerhafter Zustimmung honorierte, ist kaum verlässlich zu bestimmen.[35] Indessen wird man schwerlich zu weit gehen, wenn man feststellt, dass der Begriff "Zustimmungsdiktatur" den Tatbestand verdeckt, dass die Loyalität großer, aber abnehmender Teile der Bevölkerung in erster Linie durch den direkten und indirekten Unterdrückungsapparat des Regimes und die Ausschaltung jeder freien Kommunikation bedingt war. Gerade in der Endphase des Krieges trat die massive terroristische Bedrohung auch der eigenen Bevölkerung offen zu Tage. Die verhängnisvolle Rolle der Justiz, die in den bei den Reichsverteidigungskommissaren eingesetzten Sondergerichten offenen Widerstand gegen die offizielle Durchhaltepolitik mit massiven Sanktionen bestrafte, und das Tätigwerden von mehr oder weniger willkürlich urteilenden Standgerichten verwandelten nun auch das Altreich in ein großes Gefängnis.

Sicherlich wirkte noch immer der Hitler-Kult nach, aber die lokalen und regionalen Parteiführer hielten sich nur noch mit der Androhung von Gewalt an der Macht. Der NS-Staat befand sich längst in der Auflösung, bevor er unter den harten Schlägen der alliierten Armeen endgültig zerfiel. Während sich Goebbels anschickte, die für den "Werwolf" in hastig geschaffenen Ausbildungslagern zusammengezogenen HJ-Jungen für die Aufgabe zu trainieren, die "nationalsozialistische Idee" auch nach dem bevorstehenden militärischen Zusammenbruch für die kommende Generation am Leben zu erhalten, zerbröckelten die letzten Reste des Großgermanischen Reiches.

Die klägliche Rolle, die Hitler dabei spielte, tritt in dem Maße, in dem sich das geschichtliche Interesse der Zusammenbruchphase zuwendet, immer mehr ins öffentliche Bewusstsein. Die öffentliche Ironisierung des Diktators, wie sie derzeit im Film und in den Medien hervortritt, scheint ein Indikator dafür zu sein, dass die Erklärungskraft der Person, die bislang wenig hinterfragt wurde, allmählich schwindet. In diesem Zusammenhang wird man sich an die Mahnung Martin Broszats erinnern, nicht "von den riesenhaften Wirkungen auf die Ursächlichkeit der Person" Hitlers zu schließen.[36] Dies gilt umso mehr angesichts der Notwendigkeit, die Geschichte des Nationalsozialismus in den internatonalen Zusammenhang zu stellen, was sich als zukünftige Aufgabe der Forschung stellt, nachdem die Entwicklung in den von Deutschland im Zweiten Weltkrieg besetzten oder von ihm abhängigen Ländern inzwischen weitgehend erschlossen worden ist.

Fußnoten

29.
Vgl. Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt/M. 2005, S. 66ff.
30.
Vgl. Jill Stevenson, Hitler's Home Front. Württemberg under the Nazis, London 2006.
31.
Exemplarisch: Hamburg im "Dritten Reich", hrsg. von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Göttingen 2005, darin vor allem Frank Bajohr, Die Zustimmungsdiktatur. Grundzüge nationalsozialistischer Herrschaft in Hamburg, S. 69 - 121.
32.
Vgl. Ludolf Herbst. Der totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft 1939 - 1943, Stuttgart 1982, S. 207ff.; Christoph Buchheim/Jonas Scherner, Anmerkungen zum Wirtschaftssystem des "Dritten Reichs", in: Werner Abelshauser u.a. (Hrsg.), Wirtschaftsordnung, Staat und Unternehmen. Neue Forschungen zur Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, Essen 2003, S. 89 - 94; Christoph Buchheim, Unternehmen in Deutschland und NS-Regime 1933 - 1945, in: Historische Zeitschrift, 282 (2006), S. 351 - 390.
33.
G. Aly (Anm. 29), S. 49, S.333.
34.
Vgl. Götz Aly (Hrsg.), Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2006, S. 130ff.
35.
Vgl. Frank Bajohr, "Arisierung" in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933 - 1945, Hamburg 1997.
36.
Vgl. M. Broszat (Anm. 24), S, 122f.