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2.3.2007 | Von:
Heidi Hein-Kircher

Politische Mythen

Was ist ein politischer Mythos?

Während die umgangssprachliche, fast inflationäre Verwendung des Begriffs Mythos sich zumeist auf eine berühmte, beliebte Begebenheit oder Person bezieht, kann man aus wissenschaftlicher Sicht unter Mythos eine sinnstiftende Erzählung auffassen, die Unbekanntes oder schwer Erklärliches vereinfacht mit Bekanntem erklären will. Somit dient ein Mythos als geistiger Bezugsrahmen, zumal mythisches Denken auf einem Raster apriorischer Prämissen beruht.[3] Der Unterschied zwischen religiösen und politischen Mythen liegt in ihrem Anspruch, denn dem politischen Mythos fehlt die transzendentale Komponente. Insofern sind politische Mythen "Erzählungen, die auf das politisch-soziale Geschehen gemünzt sind und diesem Geschehen eine spezifische Bedeutung verleihen".[4]

Somit kann man einen politischen Mythos als emotional aufgeladene Narration definieren, die historische Wirklichkeit nicht den Tatsachen gemäß, sondern in einer selektiven und stereotypisierten Weise interpretiert und dieser "mythischen Lesart der Wirklichkeit" (Jean Pouillon) einen Anschein von Historizität verleiht. Charakteristisch für einen politischen Mythos ist, dass er sich durch komprimierte, mitreißende Bilder bzw. Erzählungen auszeichnet. Dies führt dazu, dass andere Sachverhalte von der mythischen Narration "übersehen" bzw. vernachlässigt werden. Damit wird ein Ereignis, Sachverhalt oder die Leistung einer Person über Gebühr bewertet und glorifiziert. Ein politischer Mythos ist eine Erzählung über eine "Meisterleistung", die die Vergangenheit zumindest sehr stark idealisiert. Das Mythenrepertoire ist eine "Leistungsschau", eine "Heroengalerie" der jeweiligen Gesellschaft und als ihre "Autobiografie" zu charakterisieren, weil die Mythen nur das hervorheben, was für die Gesellschaft positiv konnotiert und konstitutiv ist.

Das Mythenrepertoire einer communio besteht aus zahlreichen politischen Mythen, die sich wiederum aus kleineren Mythen bzw. Mythemen (mythologischen Elementen) zusammensetzen, einzeln vorkommen, sich aber auch gegenseitig verstärken können. Häufig bilden politische Mythen ein sich ergänzendes "Mosaik", indem sie aufeinander aufbauen. Hierbei können sich bestimmte Nuancierungen in verschiedenen Kontexten ergeben, weil politische Mythen aufgrund ihrer semantischen Struktur einem Deutungswandel unterliegen. Da die historische Erinnerung im Mittelpunkt steht, sind sie als zugleich intellektuelle und emotionale Konstrukte von Utopien und Ideologien zu unterscheiden, obwohl sie Bestandteil von Ideologien sein können.[5]

Fußnoten

3.
Vgl. Ernst Cassirer, Der Mythos des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens, Frankfurt/M. 1985.
4.
Frank Becker, Begriff und Bedeutung des politischen Mythos, in: Barbara Stollberg-Rilinger (Hrsg.), Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2005, S. 129 - 148, hier S. 131.
5.
Vgl. zu dieser Unterscheidung: Yves Bizeul, Politische Mythen, in: H. Hein-Kircher/H. H. Hahn (Anm. 1), S. 3 - 14.