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2.3.2007 | Von:
Heidi Hein-Kircher

Politische Mythen

Grundmotive und -aussagen

Gesellschaften verfügen über ein Repertoire an politischen Mythen, die sich auf Akteure, Handlungen, Institutionen oder die Gesellschaftsordnung insgesamt beziehen können. Beim Vergleich von politischen Mythen verschiedener Gesellschaften wird deutlich, dasses zahlreiche Ähnlichkeiten gibt und dass aufgrund der allgemeinen Struktur von politischen Mythen ihre Narrationen Grundmustern folgen, deren Ausgestaltung vom historischen, gesellschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Kontext abhängig ist. Daher kann man charakteristische Grundmotive und -aussagen finden, die hier aus systematischen Gründen voneinander getrennt dargestellt werden, die sich zumeist aber in den einzelnen Mythen ergänzen.

Die erste Möglichkeit einer Kategorisierung bezieht sich auf das Sujet des Mythos: Hier lassen sich Personen-, Ereignis-, Raum- und auch Zeitmythen finden. Bei Personenmythen wird die Geschichte personalisiert und auf die eine Person fokussiert und verengt. Durch die Berufung auf mythisch verklärte Heroen wird eine historische Tradition geschaffen und/oder eine (fiktive) Kontinuität hergestellt, so dass die Gegenwart als Ergebnis der Leistung der mythisch verklärten Person gesehen wird. Diese wird als "Geschichte machend" idealisiert, was zur Folge hat, dass konkurrierende Persönlichkeiten und/oder Entwicklungen in diesem Geschichtsbild nicht berücksichtigt werden können. Wenn es sich um einen Mythos handelt, der sich komplementär zu anderen verhält, wird die Leistung der Persönlichkeit so idealisiert, dass sie inhaltlich den Erfordernissen des zu ergänzenden Mythos entspricht.

Besonders deutlich wird dies etwa im Falle des mittelalterlichen russischen Fürsten Aleksandr Nevskij, der 1242 in der Schlacht auf dem Peipus-See den Deutschen Orden besiegte und dessen Mythos im Zusammenhang mit dem Stalinismus während des Zweiten Weltkriegs eine spezifisch antideutsche Nuance erhielt.[6] Mythisch überhöhte Persönlichkeiten werden aufgrund ihres verklärten Wirkens einerseits als Staats-/Reichsgründer bzw. Gründer einer Bewegung wie z.B. Bismarck, Lenin und Atatürk, andererseits als Symbol des Staates wie der polnische Diktator Pilsudski oder der jugoslawische Staats- und Parteichef Tito dargestellt. Zugleich werden sie als "Führer", "Vater" und/oder "Lehrer" wie beispielsweise Hitler und Stalin stilisiert, so dass sie zum Leit- und Vorbild für die Gesellschaft werden. Diese Motive lassen sich mehr oder weniger ausgeprägt bei fast allen Personenmythen finden, letztere sicherlich am stärksten bei noch zu Lebzeiten mythisch verklärten Personen.

Personenkollektive werden zumeist nur dann mythisch überhöht, wenn sie als Helden bzw. als Opfer für die Gemeinschaft thematisiert werden, was sich insbesondere in der Totenverehrung von Gefallenen für das Vaterland oder für eine Bewegung zeigt. Institutionen werden dagegen selten mythisch verklärt, allenfalls in Form einer Personifikation (etwa: "Die Partei kann alles" oder "Die Partei hat immer Recht", sei es die NSDAP, die KPdSU oder die SED), durch die ein besonders erwähnenswertes Verdienst betont werden soll. Dies geschieht meist im Verbund mit anderen Mythen, so dass man diesen Fall besser als Mythem charakterisiert.

Jedes Ereignis kann grundsätzlich mythisch verklärt werden, jedoch geschieht dies meist bei einer als besonders stark empfundenen Zäsur und bei Wendepunkten in der Geschichte. Diesem Ereignis wird eine heroische und martialische Eigenschaft im Sinne der "Leistungsschau" des Mythos zugesprochen. Daher findet man in aller Regel punktuelle Ereignisse - weniger Prozesse -, die verklärt werden und einen heldenhaften und zumeist kriegerischen Charakter annehmen, so dass vor allem Schlachten oder Revolutionen thematisiert werden. Typische Beispiele für Ereignismythen sind die Schlachten bei Tannenberg 1410/1914 oder die Schlacht um Stalingrad 1942/43, aber auch die Französische Revolution 1789 oder die Oktoberrevolution 1917.

Raummythen basieren auf Territorialvorstellungen, die in der Gesellschaft verankert werden sollen, und dienen der Produktion von "vorgestellten Räumen"[7]. Sie sakralisieren das eigene bzw. das beanspruchte Territorium und sind dort zu finden, wo der beanspruchte Raum "abgesteckt", definiert, der Besitz von Gebieten gerechtfertigt und verteidigt werden soll. Ein charakteristisches Exempel ist der Mythos von der "blutenden Grenze" in Oberschlesien während der Weimarer Republik.[8] Jedoch wird deutlich, dass sie nicht allein auf den jeweils "verklärten Raum", sondern auch auf dort stattgefundene Ereignisse rekurrieren. Typische Beispiele sind der erwähnte Frontier-Mythos, der Mythos vom "verheißenen Land" und nicht zuletzt auch häufig in kulturellen und religiösen, aber auch in politischen Übergangsgebieten anzutreffende Bollwerkvorstellungen wie der Kosovo-Mythos oder der Mythos von Finnland als "Bollwerk gegen den Bolschewismus" in der Zwischenkriegszeit. Auf ähnliche Weise funktionieren Zeitmythen, die ein "goldenes" oder "silbernes Zeitalter" überhöhen und eine kulturelle, politische oder wirtschaftliche Blütezeit als konstitutiv für die jeweilige Gesellschaft vorstellen. Eine Epoche wie etwa die "Wirtschaftswunderzeit" in der alten Bundesrepublik wird als besonders verdichtete, intensive oder ex post als makellose Entwicklung interpretiert, die als Vorbild für die gegenwärtige Gesellschaft gesehen wird.

Eine andere Perspektive richtet sich auf die "Geschichte" und die "Botschaft" politischer Mythen. Man kann Gründungs- bzw. Ursprungsmythen, daneben Mythen der Beglaubigung, der Katharsis und der Verklärung unterscheiden. Der politische Gründungsmythos stellt eine alle anderen "Geschichten" umfassende Oberkategorie dar, da er immer über den Ursprung einer politischen Ära oder eines Raumes und damit von der Gründung der Gesellschaft durch eine Persönlichkeit oder ein Schlüsselereignis oder über das für diese wesentliche Territorium berichtet. Ein kathartischer Mythos berichtet über ein spezifisches Gründungsereignis, mit dem eine Gesellschaft geläutert, "gereinigt" bzw. ein zunächst negativ erscheinendes Ereignis positiv bewertet wird; ein Beispiel ist der deutsche Mythos von der "Stunde Null" 1945. Beglaubigungsmythen sollen das Handeln der Herrschenden bestätigen bzw. den technischen Fortschritt oder "die Partei" in diktatorischen Regimen verklären, um die herrschende Ideologie und Leitideen sowie den Führungsanspruch zu untermauern, indem sie darstellen, dass die Herrschenden auf dem "richtigen Weg" seien. Mythen können auch einen Verlust bzw. ein Opfer für die Gesellschaft thematisieren oder Vergangenes bzw. Verlorenes verklären, etwa Mythen über ein "goldenes Zeitalter", ohne politische oder territoriale Forderungen daraus abzuleiten. Es geht bei Verklärungsmythen mehr um ein Nachtrauern. Opfermythen sind häufiger anzutreffende Phänomene, um in einer besonders schwierigen, häufig ausweglosen Situation die communio zusammenzuschweißen.

Die spezifischen "Stoffe" der Mythen müssen dem Publikum, der communio, bekannt sein. Nur so kann jedes Glied der Gesellschaft "mitleiden" und die Botschaft verstehen. Dies setzt voraus, dass der Mythos auf heimischen, in der Gesellschaft bekannten Motiven, Ereignissen oder Personen basiert. Einen wichtigen Fundus für politische Mythen stellen in christlich geprägten Gesellschaften biblische Motive dar, die überwiegend bei Mythen des Verlustes, des Opfers und der Katharsis verwendet werden. Auch wenn politische Mythen auf Personen oder Ereignisse aus der Vergangenheit der communio rekurrieren, müssen sie mit einer besonderen Interpretation versehen werden.

Fußnoten

6.
Vgl. Frithjof B. Schenk, Aleksandr Nevskij. Heiliger - Fürst - Nationalheld. Eine Erinnerungsfigur im russischen kulturellen Gedächtnis 1263-2000, Köln u. a. 2004.
7.
Peter Haslinger/Klaus Holz, Selbstbild und Territorium. Dimensionen von Identität und Alterität, in: Peter Haslinger (Hrsg.), Regionale und nationale Identitäten. Wechselwirkungen und Spannungsfelder im Zeitalter moderner Staatlichkeit, Würzburg 2000, S. 15 - 40, hier S. 31.
8.
Vgl. Juliane Haubold-Stolle, Mythos Oberschlesien in der Weimarer Republik. Die Mythisierung der oberschlesischen Freikorpskämpfe und der "Abstimmungszeit" (1919 - 1921) im Deutschland der Zwischenkriegszeit, in: H. Hein-Kircher/H.H. Hahn (Anm. 1), S. 279 - 300.