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2.3.2007 | Von:
Heidi Hein-Kircher

Politische Mythen

Grundfunktionen politischer Mythen

Aus den vermittelten Geschichten und Botschaften wie auch aus den Formen der Vermittlung ergeben sich die Grundfunktionen von politischen Mythen. Da sich die menschlichen Prädispositionen in Bezug aufEmotionen und Identitätsbildung nicht grundlegend unterscheiden, verfügen alle Glieder einer Gesellschaft über eine grundsätzliche Empfänglichkeit für politische Mythen. Insofern lassen sich Grundfunktionen politischer Mythen herausarbeiten, die je nach Kontext nuanciert in unterschiedlicher Stärke und anders akzentuiert zum Tragen kommen.[9]

Politische Mythen sind in erster Linie Sinngeneratoren, also "narrative Sinngebilde mit einem kollektiven, auf das grundlegende Ordnungsproblem sozialer Verbände bezogenen Wirkungspotential".[10] Durch diese Sinngebungsfunktion vermitteln sie Orientierung. Daher benötigt jedes Gemeinwesen, auch jedes demokratische, diese Ordnungsfunktion. Dies erklärt, warum gerade in gesellschaftlichen und politischen Umbruchphasen, zu Krisenzeiten, politische Mythen eine Renaissance erleben. In dieser Sinngebungs- und Ordnungsfunktion liegen die Kraft und die Bedeutung von politischen Mythen für moderne Gesellschaften, zumal ihnen in einer säkularen Welt Orientierungs- und Sinngebungsmöglichkeiten fehlen und politische Mythen die Kosten der gesellschaftlichen Rationalisierung kompensieren müssen, so dass sie gewissermaßen eine Art Religionsersatz darstellen. Aufgrund dieser erklärenden, sinngebenden Funktion sind sie wichtige Elemente der politischen Kultur, weil sie Kommunikation und Anschlussfähigkeit in komplexen gesellschaftlichen Funktionen ermöglichen. Mythen sind immer ein Objekt von Politik, denn Deutungsmacht wird eingesetzt, um bestimmte Mythen, also Interpretationen und Rechtfertigungen von Handlungen, in den Vordergrund zu rücken. Von dieser Hauptfunktion politischer Mythen lassen sich weitere Funktionen ableiten.

Weil politische Mythen historische Leistungen thematisieren, beeinflussen sie das historische Bewusstsein und damit das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft. Damit sind politische Mythen eine besondere Form von Erinnerungsorten im historischen Gedächtnis einer Gesellschaft, so dass sie in deren Erinnerungskultur einen wichtigen Platz einnehmen. Sie weisen in ihrer Erzählstruktur immer einen Gegenwartsbezug auf, so dass sie in erheblichem Maße zur Identitätsbildung beitragen, denn kollektive Identität ist als Diskursformation zu sehen, die auf Teilhabe am gemeinsamen Wissen und am gemeinsamen Gedächtnis beruht. Gerade dies wird durch die Verankerung von Mythen in einer Gesellschaft geleistet.

Indem sich ein politischer Mythos durch komprimierte, mitreißende Bilder bzw. Erzählungen auszeichnet und an die Emotionen des an ihm Teilhabenden appelliert, findet eine Beglaubigung der grundlegenden Werte, Ideen und Verhaltensweisen der den Mythos tragenden Gruppe statt, weil die historischen Vorgänge aus ihrer Sicht gedeutet werden. Als "Meistererzählung" behandeln sie Ereignisse, die über die Entstehung oder Entwicklung der Gesellschaft berichten und daher als Gründungsakt zu verstehen sind. Durch politische Mythen werden Kontinuitäten und Gegenwartsbezüge geschaffen. Die geschaffenen Kontinuitäten und Traditionen vermitteln Leitvorstellungen und -ideen. Politische Mythen sind handlungsleitend, weil die dargestellte historische Leistung zum heroischen und nachahmenswerten Vorbild stilisiert wird. Aus diesem Grunde stellen gerade Personenmythen immer wieder ihren "Helden" als Erzieher des ganzen Volkes dar.

Die Botschaften politischer Mythen heben im kollektiven Gedächtnis hervor, was die Gesellschaft für existenziell notwendig hält. Sie sollen grundlegende Ideen, Werte und Verhaltensweisen der Gesellschaft vermitteln, beglaubigen sowie Wertvorstellungen implementieren und letztlich auch "standardisieren". Dies führt dazu, dass sich die Gesellschaft durch die Verankerung von Mythen im kollektiven Gedächtnis ein Selbstbild schafft, das von Publizisten und anderen "Mythenmachern" aufgegriffen werden kann, um mit anderen Selbst- und Fremdbildern zu kommunizieren. Da persönliche und kollektive Identitätsbildung letztlich nur durch eine Abgrenzung nach außen stattfindet, wird auch Alterität durch Mythen geschaffen: Sie kennzeichnen, wer dazugehört (und dem Mythos folgen kann), und grenzen auf diese Weise ab. Nach innen werden Gegensätze versöhnt und ein Gemeinschaftsglauben im Sinne des kollektiven Gedächtnisses aktiviert.

Diese Funktion bedingt die der Selbstdarstellung nach innen, in die Gesellschaft hinein, aber auch nach außen, um sich von anderen Gesellschaften abzugrenzen, wobei aber eine Außenwirkung von politischen Mythen nur selten vorhanden ist. Insofern geht damit eine integrative Funktion von Mythen einher; die an ihnen Teilhabenden werden zu einer Gemeinschaft durch die spezifische, an die Emotionen appellierende Weise verschmolzen, da sie für die "gemeinsame Sache" eingenommen werden. Der Mythos gibt ihnen die Möglichkeit, sich mit dieser zu identifizieren.

Außer dieser historischen Selbstschau wird eine Selbstverortung insbesondere - aber nicht ausschließlich - durch Raummythen ermöglicht. So konstruieren Bollwerkmythen eine Zivilisationsgrenze, etwa die diversen europäischen antemurale-christianitatis-Mythen, durch die deren Träger sich zur europäischen Zivilisation zugehörig erklären.

Neben dieser identitätsstiftenden und die Gemeinschaft integrierenden Aufgabe dienen politische Mythen vor allem der Legitimierung, indem sie Herrschaft bzw. Herrschaftsansprüche, Handlungen wie Kriege und Eroberungen, Ansprüche auf Territorien rechtfertigen. Gerade Mythen, die bei Prozessen der Nationswerdung "erfunden" wurden, schaffen Traditionslinien zur mittelalterlichen Geschichte des Landes, durch die gegenwärtige Forderungen und Ziele gerechtfertigt werden.

Der Mythos "bestrahlt" die Mythenmacher, -träger und -förderer mit dem Glanz der dargestellten Leistung, so dass die gegenwärtige herrschaftliche Autorität mit ihren Anforderungen an die Gesellschaft begründet und gerechtfertigt wird. Reale Machtverhältnisse werden auf diese Weise legitimiert, und das soziale Selbstbewusstsein wird gestärkt. Dies wird insbesondere durch die plebiszitäre und akklamierende Funktion von politischen Ritualen gefördert, die den Mythos in einer nonverbalen Handlung umschreiben. Gerade durch Teilhabe an den Ritualen offenbaren sich Loyalitäten, denn wer sich am Ritual beteiligt, gehört dazu. Andererseits werden gerade durch den Massencharakter solcher Rituale die Organisatoren, die Machthaber, in symbolhafter Weise bestätigt.

Weil sie eine um ihr Ansehen und ihre Geschlossenheit ringende Gemeinschaft zu gemeinsamen Handlungen animieren, dienen sie aufgrund ihrer spezifischen Wirkungsweise als Kommunikationsmittel mit den Massen und sollen diese mobilisieren. Daher werden sie von den Führenden einer Bewegung bzw. eines Staates gezielt eingesetzt und verbreitet. Auf diese Weise können politische Mythen zu Bestandteilen und zur Grundlage von Ideologien werden, als deren Essenz, aber auch als Ersatz, Umschreibung und Erklärung sowie Fundament dienen. Der Germanen-Mythos etwa wurde so zu einem wichtigen Element der nationalsozialistischen Ideologie. Die Ausdrucksformen politischer Mythen sind wesentliche Bestandteile (auch demokratischer) politischer Kultur, zumal sie aufgrund ihrer Wirkungsmächtigkeit politisches Handeln ebenso beeinflussen, wie sie es thematisieren.

Aus den Grundfunktionen ergibt sich abschließend die Bedeutung politischer Mythen für die Politische Psychologie: Sie leisten einen Beitrag zum Verständnis von Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlich vermitteltem individuellen Verhalten und den politischen Prozessen und Strukturen ebenso wie zum Verständnis von kollektiven Identitäten und dem Aufbau und der Integration von politischen Gemeinschaften bzw. Massengesellschaften wie etwa der Nation.

Fußnoten

9.
Wie abhängig die Interpretation eines Mythos vom gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontext ist, zeigen "geteilte Mythen", die zwar auf ein Ereignis oder einen Raum rekurrieren, jedoch von der jeweiligen Gesellschaft in einem völlig anderen Sinn gedeutet werden können.
10.
Yves Bizeul, Theorien der politischen Mythen, in: ders. (Hrsg.), Politische Mythen und Rituale in Deutschland, Frankreich und Polen, Berlin 2000, S. 12.