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2.3.2007 | Von:
Heidi Hein-Kircher

Politische Mythen

Politische Mythen erleben in Krisen- und Umbruchphasen immer wieder eine Konjunktur. Sie wirken Orientierung gebend für soziale Großgruppen und sind daher ein zentrales Mittel zur Massenkommunikation.

Einleitung

Politische Mythen erleben in Krisenzeiten und gesellschaftlichen und politischen Umbruchphasen, bei Identitäts- und Legitimationsdefiziten häufig eine Konjunktur. So erfuhr der Stalin-Mythos in Russland anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes ebenso eine Renaissance wie der amerikanische Frontier-Mythos unter der Regierung Bush jr. in den USA. Dies zeigt, dass sich verschiedene Gesellschaften und Systeme politischer Mythen bedienen können, auch wenn ein einzelner politischer Mythos aufgrund seiner semantisch veränderlichen Struktur zunächst als ahistorisch und unpräzise, als schwer fassbar erscheint.[1] Durch ihre Wirkungsmächtigkeit beeinflussen sie politisches Handeln und thematisieren es: Politische Mythen sind Subjekt und Objekt von Geschichte, vor allem, weil sie sinngebend wirken. Damit sind sie als Instrument der Kommunikation mit den Massen ein wichtiges Medium der Politischen Psychologie.






Die historische Mythosforschung hat in den vergangenen Jahren unter dem Einfluss der modernen Kulturwissenschaft einen Aufschwung genommen.[2] Als wesentlicher Impuls wirkten einerseits neue Trends in der Nationalismusforschung, die die Nation als "imaginierte Gemeinschaft" (Benedict Anderson) ansehen, als Gemeinschaft, die sich aufgrund einer gemeinsamen Erinnerung gebildet hat und fortbesteht. Die Perspektive hat sich inzwischen insofern erweitert, als dieser Ansatz nicht nur die Konstruktion von Nationsgesellschaften umfasst, sondern allmählich auch auf das Verständnis von anderen sozialen Großgruppen wie beispielsweise der "sozialistischen Gesellschaft" oder auch auf von Regionalismen beeinflusste Gemeinschaften ausgedehnt wird.

Um im Folgenden die aus systematischen Gründen separiert dargestellten Funktionen von politischen Mythen als Mittel Politischer Psychologie zu analysieren, müssen zunächst der Begriff "politischer Mythos" definiert und anschließend die Grundaussagen sowie die Vermittlungsformen von politischen Mythen dargestellt werden. Hierbei wird davon ausgegangen, dass sich politische Mythen aus analysierbaren und vergleichbaren Bestandteilen zusammensetzen, deren inhaltliche Ausprägung und Nuancierung jedoch vom jeweiligen Kontext abhängig ist.

Was ist ein politischer Mythos?

Während die umgangssprachliche, fast inflationäre Verwendung des Begriffs Mythos sich zumeist auf eine berühmte, beliebte Begebenheit oder Person bezieht, kann man aus wissenschaftlicher Sicht unter Mythos eine sinnstiftende Erzählung auffassen, die Unbekanntes oder schwer Erklärliches vereinfacht mit Bekanntem erklären will. Somit dient ein Mythos als geistiger Bezugsrahmen, zumal mythisches Denken auf einem Raster apriorischer Prämissen beruht.[3] Der Unterschied zwischen religiösen und politischen Mythen liegt in ihrem Anspruch, denn dem politischen Mythos fehlt die transzendentale Komponente. Insofern sind politische Mythen "Erzählungen, die auf das politisch-soziale Geschehen gemünzt sind und diesem Geschehen eine spezifische Bedeutung verleihen".[4]

Somit kann man einen politischen Mythos als emotional aufgeladene Narration definieren, die historische Wirklichkeit nicht den Tatsachen gemäß, sondern in einer selektiven und stereotypisierten Weise interpretiert und dieser "mythischen Lesart der Wirklichkeit" (Jean Pouillon) einen Anschein von Historizität verleiht. Charakteristisch für einen politischen Mythos ist, dass er sich durch komprimierte, mitreißende Bilder bzw. Erzählungen auszeichnet. Dies führt dazu, dass andere Sachverhalte von der mythischen Narration "übersehen" bzw. vernachlässigt werden. Damit wird ein Ereignis, Sachverhalt oder die Leistung einer Person über Gebühr bewertet und glorifiziert. Ein politischer Mythos ist eine Erzählung über eine "Meisterleistung", die die Vergangenheit zumindest sehr stark idealisiert. Das Mythenrepertoire ist eine "Leistungsschau", eine "Heroengalerie" der jeweiligen Gesellschaft und als ihre "Autobiografie" zu charakterisieren, weil die Mythen nur das hervorheben, was für die Gesellschaft positiv konnotiert und konstitutiv ist.

Das Mythenrepertoire einer communio besteht aus zahlreichen politischen Mythen, die sich wiederum aus kleineren Mythen bzw. Mythemen (mythologischen Elementen) zusammensetzen, einzeln vorkommen, sich aber auch gegenseitig verstärken können. Häufig bilden politische Mythen ein sich ergänzendes "Mosaik", indem sie aufeinander aufbauen. Hierbei können sich bestimmte Nuancierungen in verschiedenen Kontexten ergeben, weil politische Mythen aufgrund ihrer semantischen Struktur einem Deutungswandel unterliegen. Da die historische Erinnerung im Mittelpunkt steht, sind sie als zugleich intellektuelle und emotionale Konstrukte von Utopien und Ideologien zu unterscheiden, obwohl sie Bestandteil von Ideologien sein können.[5]

Grundmotive und -aussagen

Gesellschaften verfügen über ein Repertoire an politischen Mythen, die sich auf Akteure, Handlungen, Institutionen oder die Gesellschaftsordnung insgesamt beziehen können. Beim Vergleich von politischen Mythen verschiedener Gesellschaften wird deutlich, dasses zahlreiche Ähnlichkeiten gibt und dass aufgrund der allgemeinen Struktur von politischen Mythen ihre Narrationen Grundmustern folgen, deren Ausgestaltung vom historischen, gesellschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Kontext abhängig ist. Daher kann man charakteristische Grundmotive und -aussagen finden, die hier aus systematischen Gründen voneinander getrennt dargestellt werden, die sich zumeist aber in den einzelnen Mythen ergänzen.

Die erste Möglichkeit einer Kategorisierung bezieht sich auf das Sujet des Mythos: Hier lassen sich Personen-, Ereignis-, Raum- und auch Zeitmythen finden. Bei Personenmythen wird die Geschichte personalisiert und auf die eine Person fokussiert und verengt. Durch die Berufung auf mythisch verklärte Heroen wird eine historische Tradition geschaffen und/oder eine (fiktive) Kontinuität hergestellt, so dass die Gegenwart als Ergebnis der Leistung der mythisch verklärten Person gesehen wird. Diese wird als "Geschichte machend" idealisiert, was zur Folge hat, dass konkurrierende Persönlichkeiten und/oder Entwicklungen in diesem Geschichtsbild nicht berücksichtigt werden können. Wenn es sich um einen Mythos handelt, der sich komplementär zu anderen verhält, wird die Leistung der Persönlichkeit so idealisiert, dass sie inhaltlich den Erfordernissen des zu ergänzenden Mythos entspricht.

Besonders deutlich wird dies etwa im Falle des mittelalterlichen russischen Fürsten Aleksandr Nevskij, der 1242 in der Schlacht auf dem Peipus-See den Deutschen Orden besiegte und dessen Mythos im Zusammenhang mit dem Stalinismus während des Zweiten Weltkriegs eine spezifisch antideutsche Nuance erhielt.[6] Mythisch überhöhte Persönlichkeiten werden aufgrund ihres verklärten Wirkens einerseits als Staats-/Reichsgründer bzw. Gründer einer Bewegung wie z.B. Bismarck, Lenin und Atatürk, andererseits als Symbol des Staates wie der polnische Diktator Pilsudski oder der jugoslawische Staats- und Parteichef Tito dargestellt. Zugleich werden sie als "Führer", "Vater" und/oder "Lehrer" wie beispielsweise Hitler und Stalin stilisiert, so dass sie zum Leit- und Vorbild für die Gesellschaft werden. Diese Motive lassen sich mehr oder weniger ausgeprägt bei fast allen Personenmythen finden, letztere sicherlich am stärksten bei noch zu Lebzeiten mythisch verklärten Personen.

Personenkollektive werden zumeist nur dann mythisch überhöht, wenn sie als Helden bzw. als Opfer für die Gemeinschaft thematisiert werden, was sich insbesondere in der Totenverehrung von Gefallenen für das Vaterland oder für eine Bewegung zeigt. Institutionen werden dagegen selten mythisch verklärt, allenfalls in Form einer Personifikation (etwa: "Die Partei kann alles" oder "Die Partei hat immer Recht", sei es die NSDAP, die KPdSU oder die SED), durch die ein besonders erwähnenswertes Verdienst betont werden soll. Dies geschieht meist im Verbund mit anderen Mythen, so dass man diesen Fall besser als Mythem charakterisiert.

Jedes Ereignis kann grundsätzlich mythisch verklärt werden, jedoch geschieht dies meist bei einer als besonders stark empfundenen Zäsur und bei Wendepunkten in der Geschichte. Diesem Ereignis wird eine heroische und martialische Eigenschaft im Sinne der "Leistungsschau" des Mythos zugesprochen. Daher findet man in aller Regel punktuelle Ereignisse - weniger Prozesse -, die verklärt werden und einen heldenhaften und zumeist kriegerischen Charakter annehmen, so dass vor allem Schlachten oder Revolutionen thematisiert werden. Typische Beispiele für Ereignismythen sind die Schlachten bei Tannenberg 1410/1914 oder die Schlacht um Stalingrad 1942/43, aber auch die Französische Revolution 1789 oder die Oktoberrevolution 1917.

Raummythen basieren auf Territorialvorstellungen, die in der Gesellschaft verankert werden sollen, und dienen der Produktion von "vorgestellten Räumen"[7]. Sie sakralisieren das eigene bzw. das beanspruchte Territorium und sind dort zu finden, wo der beanspruchte Raum "abgesteckt", definiert, der Besitz von Gebieten gerechtfertigt und verteidigt werden soll. Ein charakteristisches Exempel ist der Mythos von der "blutenden Grenze" in Oberschlesien während der Weimarer Republik.[8] Jedoch wird deutlich, dass sie nicht allein auf den jeweils "verklärten Raum", sondern auch auf dort stattgefundene Ereignisse rekurrieren. Typische Beispiele sind der erwähnte Frontier-Mythos, der Mythos vom "verheißenen Land" und nicht zuletzt auch häufig in kulturellen und religiösen, aber auch in politischen Übergangsgebieten anzutreffende Bollwerkvorstellungen wie der Kosovo-Mythos oder der Mythos von Finnland als "Bollwerk gegen den Bolschewismus" in der Zwischenkriegszeit. Auf ähnliche Weise funktionieren Zeitmythen, die ein "goldenes" oder "silbernes Zeitalter" überhöhen und eine kulturelle, politische oder wirtschaftliche Blütezeit als konstitutiv für die jeweilige Gesellschaft vorstellen. Eine Epoche wie etwa die "Wirtschaftswunderzeit" in der alten Bundesrepublik wird als besonders verdichtete, intensive oder ex post als makellose Entwicklung interpretiert, die als Vorbild für die gegenwärtige Gesellschaft gesehen wird.

Eine andere Perspektive richtet sich auf die "Geschichte" und die "Botschaft" politischer Mythen. Man kann Gründungs- bzw. Ursprungsmythen, daneben Mythen der Beglaubigung, der Katharsis und der Verklärung unterscheiden. Der politische Gründungsmythos stellt eine alle anderen "Geschichten" umfassende Oberkategorie dar, da er immer über den Ursprung einer politischen Ära oder eines Raumes und damit von der Gründung der Gesellschaft durch eine Persönlichkeit oder ein Schlüsselereignis oder über das für diese wesentliche Territorium berichtet. Ein kathartischer Mythos berichtet über ein spezifisches Gründungsereignis, mit dem eine Gesellschaft geläutert, "gereinigt" bzw. ein zunächst negativ erscheinendes Ereignis positiv bewertet wird; ein Beispiel ist der deutsche Mythos von der "Stunde Null" 1945. Beglaubigungsmythen sollen das Handeln der Herrschenden bestätigen bzw. den technischen Fortschritt oder "die Partei" in diktatorischen Regimen verklären, um die herrschende Ideologie und Leitideen sowie den Führungsanspruch zu untermauern, indem sie darstellen, dass die Herrschenden auf dem "richtigen Weg" seien. Mythen können auch einen Verlust bzw. ein Opfer für die Gesellschaft thematisieren oder Vergangenes bzw. Verlorenes verklären, etwa Mythen über ein "goldenes Zeitalter", ohne politische oder territoriale Forderungen daraus abzuleiten. Es geht bei Verklärungsmythen mehr um ein Nachtrauern. Opfermythen sind häufiger anzutreffende Phänomene, um in einer besonders schwierigen, häufig ausweglosen Situation die communio zusammenzuschweißen.

Die spezifischen "Stoffe" der Mythen müssen dem Publikum, der communio, bekannt sein. Nur so kann jedes Glied der Gesellschaft "mitleiden" und die Botschaft verstehen. Dies setzt voraus, dass der Mythos auf heimischen, in der Gesellschaft bekannten Motiven, Ereignissen oder Personen basiert. Einen wichtigen Fundus für politische Mythen stellen in christlich geprägten Gesellschaften biblische Motive dar, die überwiegend bei Mythen des Verlustes, des Opfers und der Katharsis verwendet werden. Auch wenn politische Mythen auf Personen oder Ereignisse aus der Vergangenheit der communio rekurrieren, müssen sie mit einer besonderen Interpretation versehen werden.

Vermittlung von politischen Mythen

Für ihre Wirkungsmächtigkeit ist es von Bedeutung, dass politische Mythen fest in der Gesellschaft verankert sind. Der Mythos muss im "kulturellen Gedächtnis" (Jan Assmann), im "Funktionsgedächtnis" (Aleida Assmann) präsent sein und gegebenenfalls rasch aktiviert und abgerufen werden können, wobei er für unterschiedliche intellektuelle Niveaus bzw. Zielgruppen nuanciert aufbereitet werden kann.

Aufgrund der Funktionsweise von politischen Mythen ist es wichtig, dass der Mythos sinnlich, also visuell und emotional, erlebbar gemacht wird und dass Ratio und Emotionen aller Glieder der Gemeinschaft zugleich angesprochen werden.

Die communio ist nicht nur das Publikum für die mythische Narration, sondern zugleich auch ihre Autorin, indem nur sie eine Vielzahl von in der Vergangenheit und Gegenwart zerstreuten Sinngebungen und Mythemen im Mythos verbinden kann. Daher sind ihre Vermittlungsformen zugleich ihre Ausdrucksformen, die zugleich Medien des kulturellen Gedächtnisses sind und selbst der Medien zu ihrer Vermittlung bedürfen.

Zur Vermittlung der mythischen Narration können sämtliche erzählende Medien, die zugleich auch die Emotionen ansprechen, eingesetzt werden. Beispielsweise werden Mythen in der Publizistik und Historiographie, aber auch in Film und Theater "erzählt". Insofern ist auch Propaganda als Transmissionsriemen zur Mythenvermittlung zu sehen. Die nonverbale Vermittlung in Form von Kunst oder Musik spielt eine ebenso zentrale Rolle wie die Vermittlung durch politische Symbole, durch Denkmäler als deren Sonderform und durch Rituale, weil durch sie nicht nur an die Emotionen der Zielgruppe appelliert, sondern auch der Mythos spürbar, erlebbar gemacht und visualisiert wird. Eine besonders sinnliche, intensive Form der Kommunikation von Mythen sind politische Kulte, die durch ein Abhängigkeitsgeflecht von mythischer Narration, Symbolen und Ritualen entstehen und die als soziale Praxis von politischen Mythen zu verstehen sind. Die genannten Medien sprechen die Massen an, um die mythische Narration auf möglichst vielfältige Weise zu verankern bzw. zu popularisieren und sie zum Bestandteil der politischen Kultur einer Gemeinschaft zu machen.

Aufgrund ihrer spezifischen Funktionen für die communio werden politische Mythen von den Führenden einer Bewegung oder eines Staates gezielt eingesetzt und verbreitet. Mythen sind Objekte der (Erinnerungs-)Politik. Insofern sind die Herstellung einer adäquaten Interpretation der eigenen Vergangenheit und die Vermittlung von politischen Mythen zentrale Aufgaben der jeweiligen politischen, geistigen und kulturellen Elite, die über entsprechende Deutungsmacht verfügen muss, um Mythen gezielt zu etablieren und zu fördern.

Grundfunktionen politischer Mythen

Aus den vermittelten Geschichten und Botschaften wie auch aus den Formen der Vermittlung ergeben sich die Grundfunktionen von politischen Mythen. Da sich die menschlichen Prädispositionen in Bezug aufEmotionen und Identitätsbildung nicht grundlegend unterscheiden, verfügen alle Glieder einer Gesellschaft über eine grundsätzliche Empfänglichkeit für politische Mythen. Insofern lassen sich Grundfunktionen politischer Mythen herausarbeiten, die je nach Kontext nuanciert in unterschiedlicher Stärke und anders akzentuiert zum Tragen kommen.[9]

Politische Mythen sind in erster Linie Sinngeneratoren, also "narrative Sinngebilde mit einem kollektiven, auf das grundlegende Ordnungsproblem sozialer Verbände bezogenen Wirkungspotential".[10] Durch diese Sinngebungsfunktion vermitteln sie Orientierung. Daher benötigt jedes Gemeinwesen, auch jedes demokratische, diese Ordnungsfunktion. Dies erklärt, warum gerade in gesellschaftlichen und politischen Umbruchphasen, zu Krisenzeiten, politische Mythen eine Renaissance erleben. In dieser Sinngebungs- und Ordnungsfunktion liegen die Kraft und die Bedeutung von politischen Mythen für moderne Gesellschaften, zumal ihnen in einer säkularen Welt Orientierungs- und Sinngebungsmöglichkeiten fehlen und politische Mythen die Kosten der gesellschaftlichen Rationalisierung kompensieren müssen, so dass sie gewissermaßen eine Art Religionsersatz darstellen. Aufgrund dieser erklärenden, sinngebenden Funktion sind sie wichtige Elemente der politischen Kultur, weil sie Kommunikation und Anschlussfähigkeit in komplexen gesellschaftlichen Funktionen ermöglichen. Mythen sind immer ein Objekt von Politik, denn Deutungsmacht wird eingesetzt, um bestimmte Mythen, also Interpretationen und Rechtfertigungen von Handlungen, in den Vordergrund zu rücken. Von dieser Hauptfunktion politischer Mythen lassen sich weitere Funktionen ableiten.

Weil politische Mythen historische Leistungen thematisieren, beeinflussen sie das historische Bewusstsein und damit das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft. Damit sind politische Mythen eine besondere Form von Erinnerungsorten im historischen Gedächtnis einer Gesellschaft, so dass sie in deren Erinnerungskultur einen wichtigen Platz einnehmen. Sie weisen in ihrer Erzählstruktur immer einen Gegenwartsbezug auf, so dass sie in erheblichem Maße zur Identitätsbildung beitragen, denn kollektive Identität ist als Diskursformation zu sehen, die auf Teilhabe am gemeinsamen Wissen und am gemeinsamen Gedächtnis beruht. Gerade dies wird durch die Verankerung von Mythen in einer Gesellschaft geleistet.

Indem sich ein politischer Mythos durch komprimierte, mitreißende Bilder bzw. Erzählungen auszeichnet und an die Emotionen des an ihm Teilhabenden appelliert, findet eine Beglaubigung der grundlegenden Werte, Ideen und Verhaltensweisen der den Mythos tragenden Gruppe statt, weil die historischen Vorgänge aus ihrer Sicht gedeutet werden. Als "Meistererzählung" behandeln sie Ereignisse, die über die Entstehung oder Entwicklung der Gesellschaft berichten und daher als Gründungsakt zu verstehen sind. Durch politische Mythen werden Kontinuitäten und Gegenwartsbezüge geschaffen. Die geschaffenen Kontinuitäten und Traditionen vermitteln Leitvorstellungen und -ideen. Politische Mythen sind handlungsleitend, weil die dargestellte historische Leistung zum heroischen und nachahmenswerten Vorbild stilisiert wird. Aus diesem Grunde stellen gerade Personenmythen immer wieder ihren "Helden" als Erzieher des ganzen Volkes dar.

Die Botschaften politischer Mythen heben im kollektiven Gedächtnis hervor, was die Gesellschaft für existenziell notwendig hält. Sie sollen grundlegende Ideen, Werte und Verhaltensweisen der Gesellschaft vermitteln, beglaubigen sowie Wertvorstellungen implementieren und letztlich auch "standardisieren". Dies führt dazu, dass sich die Gesellschaft durch die Verankerung von Mythen im kollektiven Gedächtnis ein Selbstbild schafft, das von Publizisten und anderen "Mythenmachern" aufgegriffen werden kann, um mit anderen Selbst- und Fremdbildern zu kommunizieren. Da persönliche und kollektive Identitätsbildung letztlich nur durch eine Abgrenzung nach außen stattfindet, wird auch Alterität durch Mythen geschaffen: Sie kennzeichnen, wer dazugehört (und dem Mythos folgen kann), und grenzen auf diese Weise ab. Nach innen werden Gegensätze versöhnt und ein Gemeinschaftsglauben im Sinne des kollektiven Gedächtnisses aktiviert.

Diese Funktion bedingt die der Selbstdarstellung nach innen, in die Gesellschaft hinein, aber auch nach außen, um sich von anderen Gesellschaften abzugrenzen, wobei aber eine Außenwirkung von politischen Mythen nur selten vorhanden ist. Insofern geht damit eine integrative Funktion von Mythen einher; die an ihnen Teilhabenden werden zu einer Gemeinschaft durch die spezifische, an die Emotionen appellierende Weise verschmolzen, da sie für die "gemeinsame Sache" eingenommen werden. Der Mythos gibt ihnen die Möglichkeit, sich mit dieser zu identifizieren.

Außer dieser historischen Selbstschau wird eine Selbstverortung insbesondere - aber nicht ausschließlich - durch Raummythen ermöglicht. So konstruieren Bollwerkmythen eine Zivilisationsgrenze, etwa die diversen europäischen antemurale-christianitatis-Mythen, durch die deren Träger sich zur europäischen Zivilisation zugehörig erklären.

Neben dieser identitätsstiftenden und die Gemeinschaft integrierenden Aufgabe dienen politische Mythen vor allem der Legitimierung, indem sie Herrschaft bzw. Herrschaftsansprüche, Handlungen wie Kriege und Eroberungen, Ansprüche auf Territorien rechtfertigen. Gerade Mythen, die bei Prozessen der Nationswerdung "erfunden" wurden, schaffen Traditionslinien zur mittelalterlichen Geschichte des Landes, durch die gegenwärtige Forderungen und Ziele gerechtfertigt werden.

Der Mythos "bestrahlt" die Mythenmacher, -träger und -förderer mit dem Glanz der dargestellten Leistung, so dass die gegenwärtige herrschaftliche Autorität mit ihren Anforderungen an die Gesellschaft begründet und gerechtfertigt wird. Reale Machtverhältnisse werden auf diese Weise legitimiert, und das soziale Selbstbewusstsein wird gestärkt. Dies wird insbesondere durch die plebiszitäre und akklamierende Funktion von politischen Ritualen gefördert, die den Mythos in einer nonverbalen Handlung umschreiben. Gerade durch Teilhabe an den Ritualen offenbaren sich Loyalitäten, denn wer sich am Ritual beteiligt, gehört dazu. Andererseits werden gerade durch den Massencharakter solcher Rituale die Organisatoren, die Machthaber, in symbolhafter Weise bestätigt.

Weil sie eine um ihr Ansehen und ihre Geschlossenheit ringende Gemeinschaft zu gemeinsamen Handlungen animieren, dienen sie aufgrund ihrer spezifischen Wirkungsweise als Kommunikationsmittel mit den Massen und sollen diese mobilisieren. Daher werden sie von den Führenden einer Bewegung bzw. eines Staates gezielt eingesetzt und verbreitet. Auf diese Weise können politische Mythen zu Bestandteilen und zur Grundlage von Ideologien werden, als deren Essenz, aber auch als Ersatz, Umschreibung und Erklärung sowie Fundament dienen. Der Germanen-Mythos etwa wurde so zu einem wichtigen Element der nationalsozialistischen Ideologie. Die Ausdrucksformen politischer Mythen sind wesentliche Bestandteile (auch demokratischer) politischer Kultur, zumal sie aufgrund ihrer Wirkungsmächtigkeit politisches Handeln ebenso beeinflussen, wie sie es thematisieren.

Aus den Grundfunktionen ergibt sich abschließend die Bedeutung politischer Mythen für die Politische Psychologie: Sie leisten einen Beitrag zum Verständnis von Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlich vermitteltem individuellen Verhalten und den politischen Prozessen und Strukturen ebenso wie zum Verständnis von kollektiven Identitäten und dem Aufbau und der Integration von politischen Gemeinschaften bzw. Massengesellschaften wie etwa der Nation.
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Fußnoten

1.
Vgl. zum Folgenden vor allem: Heidi Hein-Kircher, Überlegungen zu einer Typologisierung von politischen Mythen aus historiographischer Sicht - ein Versuch, in: dies./Hans Henning Hahn (Hrsg.), Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa, Marburg 2006, S. 407 - 424; dies., Historische Mythos- und Kultforschung. Thesen zur Definition, Vermittlung, zu den Inhalten und Funktionen von historischen Mythen und Kulten, in: Mythos. Forum für interdisziplinäre Mythosforschung, 2 (2006), S. 30 - 45 (dort jeweils mit Hinweisen zu weiterführender Literatur); Heidi Hein, Historische Mythosforschung, in: Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas. Themen und Methoden, www.vifaost.de/geschichte/handbuch (19.2. 2007).
2.
Ausführliche Bibliographien: ebd. sowie Heidi Hein-Kircher (unter Mitwirkung von Katja Ludwig), Texte zu politischen Mythen in Europa. Eine Bibliografie zur historisch-politischen Mythosforschung, in: Mythos, 2 (2006), S. 227 - 230; Überblick über aktuelle Forschungen: dies./H. H. Hahn (Anm. 1); die wichtigsten europäischen politischen Mythen werden in den Katalogen zu Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum (DHM) dargestellt: Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Berlin 1998, und dies. (Hrsg.), Mythen der Nationen. 1945. Arena der Erinnerungen. Eine Ausstellung des DHM, 2 Bde., Berlin 2004.
3.
Vgl. Ernst Cassirer, Der Mythos des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens, Frankfurt/M. 1985.
4.
Frank Becker, Begriff und Bedeutung des politischen Mythos, in: Barbara Stollberg-Rilinger (Hrsg.), Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2005, S. 129 - 148, hier S. 131.
5.
Vgl. zu dieser Unterscheidung: Yves Bizeul, Politische Mythen, in: H. Hein-Kircher/H. H. Hahn (Anm. 1), S. 3 - 14.
6.
Vgl. Frithjof B. Schenk, Aleksandr Nevskij. Heiliger - Fürst - Nationalheld. Eine Erinnerungsfigur im russischen kulturellen Gedächtnis 1263-2000, Köln u. a. 2004.
7.
Peter Haslinger/Klaus Holz, Selbstbild und Territorium. Dimensionen von Identität und Alterität, in: Peter Haslinger (Hrsg.), Regionale und nationale Identitäten. Wechselwirkungen und Spannungsfelder im Zeitalter moderner Staatlichkeit, Würzburg 2000, S. 15 - 40, hier S. 31.
8.
Vgl. Juliane Haubold-Stolle, Mythos Oberschlesien in der Weimarer Republik. Die Mythisierung der oberschlesischen Freikorpskämpfe und der "Abstimmungszeit" (1919 - 1921) im Deutschland der Zwischenkriegszeit, in: H. Hein-Kircher/H.H. Hahn (Anm. 1), S. 279 - 300.
9.
Wie abhängig die Interpretation eines Mythos vom gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontext ist, zeigen "geteilte Mythen", die zwar auf ein Ereignis oder einen Raum rekurrieren, jedoch von der jeweiligen Gesellschaft in einem völlig anderen Sinn gedeutet werden können.
10.
Yves Bizeul, Theorien der politischen Mythen, in: ders. (Hrsg.), Politische Mythen und Rituale in Deutschland, Frankreich und Polen, Berlin 2000, S. 12.