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8.2.2007 | Von:
Christian Schmitt

Familiengründung und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf

In beinahe allen industrialisierten Staaten und vor allem in Europa liegt die Geburtenziffer mittlerweile unterhalb des Bestanderhaltungsniveaus. Der Diskurs über die Folgen ist in der öffentlichen Debatte allgegenwärtig.

Einleitung

In beinahe allen industrialisierten Staaten und vor allem in Europa liegt die Geburtenziffer mittlerweile unterhalb des Bestanderhaltungsniveaus. Der Diskurs über die Folgen - nicht nur für die Sozialversicherungssysteme, sondern für die betroffenen Gesellschaften insgesamt - ist in der öffentlichen Debatte allgegenwärtig. Zu den in diesem Zusammenhang oftmals geäußerten Missverständnissen zählt die irrige Annahme, dass die Reproduktionsrate kontinuierlich fallen würde,[1] ebenso wie die Vermutung, dass die Ursachen für den Geburtenrückgang hinreichend geklärt seien. Ursachenkomplexe, die auch als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen mit dem Geburtenrückgang in Verbindung gebracht wurden, reichen von der breiten Verfügbarkeit wirksamer Kontrazeptiva gegen Ende der 1960er über die Bildungsexpansion bis hin zur Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen. In anderen Studien werden die abnehmende Dauerhaftigkeit und Exklusivität von Partnerschaften im Lebenslauf, der Bedeutungsverlust von Institutionen, die bisher für das reproduktive Verhalten von zentraler Bedeutung waren - allen voran die Ehe - sowie eine Orientierung an postmateriellen Werten wie Selbstverwirklichung thematisiert.[2]




Im Zuge öffentlich geführter Verteilungsdebatten werden diese Ursachenkomplexe vielfach auf Egoismus und Karrierestreben partikularer Bevölkerungsgruppen verkürzt. Oft wird in diesem Zusammenhang von einer Werteverlagerung hin zu rücksichtsloser Ich-Bezogenheit und zu Hedonismus als zentrale Ursache einer niedrigen Geburtenrate gesprochen. Ohne jene Stigmatisierungen hier näher kommentieren zu können, ist festzuhalten, dass solche Zuordnungen schon deswegen zu kurz greifen, weil die Ursachen für den Geburtenrückgang zu vielfältig und zu komplex sind, um sie auf wenige Schlagworte oder gar Schuldzuweisungen verkürzen zu können.

Fußnoten

1.
Nach einem massiven Geburtenrückgang liegt die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) in Westdeutschland seit Anfang der 70er Jahre ohne erkennbaren Trend zwischen 1,2 und 1,4 (gemittelte Anzahl an Kindern, die im Lebenslauf einer Frau geboren werden, wobei die Geburten des aktuellen Jahres als Basis einer Hochrechnung dienen). Im Osten lag die Geburtenrate deutlich höher, brach aber nach der Wende signifikant ein und unterschritt sogar das Westniveau deutlich.
2.
Für einen Überblick der Ursachen des Geburtenrückgangs vgl. Johannes Huinink, Familienentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, in: Jutta Allmendinger/Johannes Huinink/Karl Ulrich Mayer (Hrsg.), Vom Regen in die Traufe: Frauen zwischen Beruf und Familie, Frankfurt/M.-New York 1991, S. 289 - 317; sowie Dirk J. Van de Kaa, Europe's Second Demographic Transition, in: Population Bulletin, 42 (1987), S. 1 - 53.