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8.2.2007 | Von:
Manfred Spieker

Mehr Kinder oder mehr Erwerbstätige?

Es mangelt nicht an Diagnosen: Deutschland gehört zu den Ländern mit der weltweit niedrigsten Geburtenrate. Nirgends ist die Kluft zwischen Kapitalreichtum und Kinderarmut größer als hier.

Einleitung

Es mangelt nicht an Diagnosen: Deutschland gehört zu den Ländern mit der weltweit niedrigsten Geburtenrate. Nirgends ist die Kluft zwischen Kapitalreichtum und Kinderarmut größer als hier. Das seit 1972 ununterbrochen anhaltende Geburtendefizit der deutschen Bevölkerung unterhöhlt den Generationenvertrag, auf dem das System der Sozialversicherung seit 1957 beruht. Mit einer Geburtenrate von 1,3 wird nicht nur das bei 2,1 liegende Reproduktionsniveau der Gesellschaft weit verfehlt, die deutsche Gesellschaft selbstunterliegt einem dramatischen Alterungsprozess. Diese unausweichliche Entwicklung stellt nicht nur die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung vor einen bisher unbekannten Reformbedarf, sie belastet auch die wirtschaftliche Entwicklung, das Bildungssystem, den Wohnungsmarkt und nicht zuletzt die Innovationsfähigkeit. Zusammen mit der Binnenwanderung führt sie darüber hinaus zur Entvölkerung ganzer Regionen, vor allem in Ostdeutschland. Der Generationenkonflikt scheint vorprogrammiert.






Wenn der Alterslastquotient, also der Anteil der über 65-Jährigen, sich von 24 Prozent am Ende des vergangenen Jahrhunderts auf 51 Prozent 2050 mehr als verdoppelt, wenn zehn Erwerbstätige nicht mehr die Rente von fünf, sondern von zehn Rentnern zu finanzieren haben, dann ist es um die Generationengerechtigkeit geschehen, wenn denn Generationengerechtigkeit heißt, dass eine Generation der folgenden so viele Lebens- und Entfaltungschancen hinterlässt, wie sie selbst vorgefunden hat. Es herrscht sehr große Einigkeit in der Einschätzung der Dramatik der demographischen Entwicklung. Diese zerbricht allerdings schnell, wenn es darum geht, die Ursachen der demographischen Katastrophe zu benennen. Warum werden in Deutschland so wenige Kinder geboren? Liegt es an der finanziellen Belastung, die Kinder für ihre Eltern mit sich bringen? An der Transferausbeutung der Familien in unserem Sozialversicherungssystem? An der familienfeindlichen Emanzipationsideologie der 1960er und 1970er Jahre? An der durch Reformen des Scheidungsrechts begünstigten Instabilität von Ehe und Familie? An der Bindungsangst der jungen Generation? An der Einführung der hormonellen Empfängnisverhütung Mitte der 1960er Jahre und der Freigabe der Abtreibung Anfang der 1970er Jahre? An der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie? An den fehlenden Kinderbetreuungseinrichtungen? Solange über die Ursachen des Geburtenrückgangs kein Konsens zu erzielen ist, solange wird eine Erfolg versprechende Therapie nicht zu entwickeln sein.

Die öffentliche Debatte erweckt gegenwärtig den Eindruck, als sei die Ursache klar: die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Selbst wenn die Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, wirklich die einzige Ursache oder auch nur die Hauptursache des Geburtenrückgangs wäre, so ist damit noch keineswegs geklärt, wie diese Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden könnte - ob durch den heute favorisierten Ausbau der staatlichen Betreuungseinrichtungen oder durch eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für einen Wiedereinstieg der Mütter ins Berufsleben nach einer kinderbedingten Unterbrechung. Es gibt daneben aber noch eine Reihe tabuisierter Ursachen des Geburtenrückgangs, und darüber hinaus in der Vereinbarkeitsdebatte Ziele, die - nur unzureichend verschleiert - mit der Erhöhung der Geburtenrate nichts zu tun haben, sowie Fragen, die ganz verdrängt werden.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist schwierig. Wer wollte das bestreiten. Einerseits haben sich die Frauenbiographien im vergangenen halben Jahrhundert verändert. In der Ausbildung von Mädchen und Jungen, von jungen Frauen und Männern ist - von der Schule bis zum Hochschulabschluss - nicht nur eine Gleichberechtigung, sondern ein faktischer Gleichstand erreicht worden. Und wer eine lange Ausbildung oder ein Studium erfolgreich absolviert hat, ist auch daran interessiert, den erlernten Beruf wenigstens eine gewisse Zeit lang auszuüben, auch wenn das zur Folge hat, dass das durchschnittliche Alter der Erstgebärenden immer höher und das biologische Fenster für Empfängnis und Geburt von Kindern immer schmaler wird. Arbeit und Beruf sind darüber hinaus ein hohes Gut, ein Mittel nicht nur des Einkommenserwerbs, sondern auch der Gestaltung der Welt und der Selbstverwirklichung. Arbeit und Beruf ermöglichen es dem Menschen, mehr Mensch zu werden.[1]

Andererseits ist die Erziehung von Kindern und das Management eines Familienhaushaltes nicht nur eine Beschäftigung für den Feierabend, sondern selbst ein Beruf, der in bestimmten Lebensphasen des Kindes nur schwer mit einem Erwerbsberuf vereinbar ist. Auch für diesen Beruf gilt, dass er ein Mittel ist, mehr Mensch zu werden. Aber der Beruf der Hausfrau und Mutter hat ein schwerwiegendes Defizit. Ihm fehlen Anerkennung und Einkommen. Dennoch geben derzeit (2004) rund zwei Drittel aller Frauen nach der Geburt eines Kindes ihren Erwerbsberuf vorübergehend auf. Mit einem Kind unter drei Jahren sind rund 30 Prozent der Mütter erwerbstätig. Ist das jüngste Kind im Kindergartenalter, sind es knapp 60 Prozent, und ist das jüngste Kind zwischen sechs und 14, sind es 70 Prozent.[2] Die Wünsche, Beruf und Familie vereinbaren zu können, sehen bei den betroffenen Müttern meist anders aus als die Realität: 44 Prozent der Frauen mit Kindern würden gern eine Teilzeit- und 19 Prozent gern eine Vollzeitbeschäftigung ausüben. Nur 22 Prozent würden sich für eine vorübergehende Unterbrechung ihrer Erwerbstätigkeit entscheiden.[3]

Auf die Frage nach der Ursache für die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit scheint es nur eine Antwort zu geben: Es fehlen, so heißt es, nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch in den Untersuchungen von Stiftungen und Instituten, Kinderbetreuungsinstitutionen, Kitas, Ganztagskindergärten (möglichst ohne oder mit nur ganz kurzen Ferien) und Horte. Dass es für die Entwicklung der Kinder besser sein könnte, wenn die Mutter zumindest in der Stillzeit ihren Erwerbsberuf ganz aufgibt, um sich ohne Stress dem Kind zu widmen, scheint als antiquiert zu gelten.

Schnelle Rückschlüsse von der Dichte der Kinderbetreuungseinrichtungen auf die Höhe der Geburtenrate sind aber wissenschaftlich nicht tragfähig. Sie werden allein schon durch einen Vergleich der Lage in Ost- und Westdeutschland widerlegt. In Ostdeutschland gab es 2004 für 37 Prozent der Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz, in Westdeutschland nur für 3 Prozent; in Ostdeutschland waren 98 Prozent der Kindergartenplätze Ganztagsplätze, in Westdeutschland nur 20 Prozent, Ostdeutschland hatte für 41 Prozent der 6- bis 11-Jährigen Hortplätze, Westdeutschland nur für 5 Prozent.[4] Dennoch war die Geburtenrate in Westdeutschland mit 1,2 deutlich höher als in Ostdeutschland mit rund1,0.

Die Erwartung, mit einer Ausweitung der staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen könne die Geburtenrate erhöht werden, wird schließlich widerlegt durch die Prioritäten der Betroffenen. In der Hierarchie der Bedingungen, die erfüllt sein sollen, um die Bereitschaft zu Kindern zu entwickeln, stehen die Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder weit hinter der Stabilität der Beziehung und dem partnerschaftlichen Konsens, dass beide sich ein Kind wünschen. Während 92 Prozent der 18- bis 44-Jährigen nach einer Allensbacher Untersuchung den Konsens im Hinblick auf den Kinderwunsch und 84 Prozent die Stabilität der Beziehung für entscheidend halten, rangiert die Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsmöglichkeiten mit 25 Prozent weit abgeschlagen nur an 9. Stelle von insgesamt 14 Voraussetzungen.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. Johannes Paul II., Laborem Exercens 9.
2.
Vgl. Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), Familienreport 2005, St. Augustin 2006, S. 36f.
3.
Vgl. ebd., S. 35f.
4.
Vgl. ebd., S. 42ff.
5.
Vgl. Institut für Demoskopie, Einflussfaktoren auf die Geburtenrate. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung der 18- bis 44-jährigen Bevölkerung, Allensbach 2004, S. 24 (Tabelle 9) und 76.