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31.1.2007 | Von:
Mathias Hildebrandt

Krieg der Religionen?

Bei der Analyse politisch-religiöser Konflikte müssen sowohl die inneren Strukturen Politischer Theologien als auch die äußeren sozialen, ökonomischen und politischen Ursachen berücksichtigt werden.

Einleitung

Während die westliche Welt jahrzehntelang durch das Säkularisierungsparadigma geprägt war, demzufolge der Einfluss der Religionen auf die Politik im Rahmen eines welthistorischen Prozesses in zunehmenden Maße an Bedeutung verlieren würde, lässt sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Revitalisierung von Religionen und religiösen Akteuren in vielen nationalen Arenen und auf der weltpolitischen Bühne beobachten. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass die erfolgten Säkularisierungsschübe in vielen Teilen der Welt ein Unbehagen an den sozialen, ökonomischen und politischen Entfremdungseffekten der Moderne und ihren säkularen Sinnsystemen ausgelöst haben, wodurch diese modernen Ordnungsvorstellungen viel von ihrer Überzeugungskraft eingebüßt haben. Der Rückgriff auf religiöse und kulturelle Traditionen und deren Neuinterpretation angesichts der erodierenden Sinn- und Identitätsangebote aus der westlichen Welt scheint in dieser Hinsicht eine verständliche Reaktion zu sein, deren Folgen sich weltweit bemerkbar machen und die religiöse Überzeugungen wieder zu bedeutenden Motiven politischen Handelns hat werden lassen.






Das Interesse an dieser Entwicklung scheint zum einen mit der Deprivatisierung der zwischenzeitlich Unsichtbaren Religionen und ihrem Wiederauftauchen als Öffentliche Religionen erwacht zu sein. Zum anderen irritiert das zunehmend gewalttätige Auftreten religiös motivierter Akteure. In der Tat wird diese Wiederkehr der Götter als Rache Gottes oder als Kampf für Gott gedeutet, insoweit mit ihr auch Terror im Namen Gottes verbunden ist, der sich aus einem Heiligen Zorn speise. Als Resultat dieser Entwicklungen sprechen die einen von religiös motivierten Kulturkonflikten, während andere die Vision eines friedlichen Zusammenlebens der Kulturen beschwören.[1]

Tatsächlich wäre es falsch, angesichts des Anstiegs religiös motivierter Gewalt einseitig das Konfliktpotenzial von Religionen zu betonen und deren Friedens- und Versöhnungspotenzial zu vernachlässigen. Die Problematik religiöser Überzeugungen und ihres Einflusses auf politisches Handeln zeichnet sich vielmehr durch die Komplexität der Ambivalenz des Sakralen aus, in deren Folge sich Religionen im Spannungsfeld zwischen Toleranz und Fanatismus und zwischen Gewalt und Versöhnung bewegen. Dieser Ambivalenz können keine eindeutigen politischen Konsequenzen zugeschrieben werden. Der Rückbezug auf das Heilige kann sowohl reaktionär und konservativ als auch reformerisch oder revolutionär wirken. Es kann die Gesellschaft und ihre politische Ordnung befrieden, stabilisieren und integrieren, sie aber auch destabilisieren, desintegrieren und in einem religiös motivierten und legitimierten Blutrausch zerfallen lassen. Die Beantwortung der entscheidenden Frage, wann und wie die Ambivalenz des Sakralen in die eine oder andere Richtung umschlägt, muss sowohl die inneren Faktoren der vielfältigen Formen der Religionen und Politischen Theologien als auch die äußeren sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren berücksichtigen.

Fußnoten

1.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine stark gekürzte Fassung meines Aufsatzes Unfriedliche Religionen? Das politische Gewalt- und Konfliktpotenzial von Religionen, in: Mathias Hildebrandt/Manfred Brocker (Hrsg.), Unfriedliche Religionen? Das politische Gewalt- und Konfliktpotenzial von Religionen, Wiesbaden 2005, S. 9-35. Dort findet sich auch weiterführende Literatur, auf deren Nennung ich hier aus Platzgründen verzichtet habe.