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31.1.2007 | Von:
Manfred Brocker

Die Christliche Rechte in den USA

Seit 30 Jahren nimmt die "Christliche Rechte" Einfluss auf die amerikanische Politik. Nach aggressiven Anfängen hat sie inzwischen einen Prozess der Moderierung und Professionalisierung durchlaufen. Doch ihre Erfolgsbilanz bleibt bescheiden.

Einleitung

Entgegen allen Erwartungen hinsichtlich eines Bedeutungsverlustes religiöser Konfliktlinien in modernen westlichen Gesellschaften entstand in den USA in den 1970er Jahren die Protestbewegung der so genannten "Christlichen Rechten". Ihre Organisationen, darunter "Moral Majority", "Religious Roundtable" und "Christian Voice", stritten lautstark für eine Rechristianisierung Amerikas. Die politische Mobilisierung des evangelikalen, insbesondere des fundamentalistischen Protestantismus stellte ein neuartiges Phänomen dar, das sogleich Besorgnisse vor einer bibelbasierten Revision zentraler liberaler Verfassungselemente auslöste. Nicht wenige Beobachter sahen deutliche Parallelen zum islamischen Fundamentalismus. Es handele sich, so glaubten sie, bei dieser Bewegung um Radikale, die das politische System verändern und eine Theokratie errichten wollten. "I am beginning to fear", erklärte etwa US-Präsident Jimmy Carters Gesundheitsministerin Patricia Harris 1980, "that we could have an Ayatollah Khomeini in this country".[1]




Buchtitel wie "Holy Terror", "God's Bullies" oder "The Anti-Americanism of the Religious Right" spiegelten die kritische Bewertung des politisierten "Fundamentalismus" in Amerika wider. Und während die einen seine weitere Radikalisierung fürchteten, sagten ihm andere angesichts seiner extrem konservativen Agenda nur eine kurze Lebensdauer voraus. Doch beide Prognosen erwiesen sich als falsch. Tatsächlich konnte sich die Christliche Rechte dauerhaft als politische Kraft in den USA etablieren. Nach aggressiven Anfängen durchlief sie einen Transformationsprozess, der durch organisatorische Reformen sowie eine programmatische und strategische Moderierung gekennzeichnet war. Diese Anpassung wurde durch jene Eigenschaften des amerikanischen politischen Systems veranlasst, die eine strukturelle Offenheit und Partizipationsorientiertheit gegenüber sozialen Gruppen und Bewegungen bedingen, deren Aktivitäten aber auch kanalisieren.[2]

Im Folgenden soll nun die Christliche Rechte und ihre Entwicklung skizziert werden: Wer sind ihre Mitglieder, wie sehen ihre Ziele aus und welche Erfolge hat sie heute, 30 Jahre nach ihrer Gründung, vorzuweisen?

Fußnoten

1.
Zitiert in: Jeffrey K. Hadden/Charles E. Swann, Prime Time Preachers. The Rising Power of Televangelism, Reading, Mass. 1981, S. 149.
2.
Vgl. hierzu im Einzelnen: Manfred Brocker, Protest - Anpassung - Etablierung. Die Christliche Rechte im politischen System der USA, Frankfurt/M.-New York 2004.