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4.1.2007 | Von:
Andreas Wirsching

Für eine pragmatische Zeitgeschichtsforschung

Herausforderungen für die Geschichtswissenschaft

Was bedeutet das für die Geschichtswissenschaft? Sie sollte dreierlei nicht tun. Erstens muss sie der Versuchung widerstehen, der Geschichte der Bundesrepublik (alt) ex post einen wiedervereinigungsgeschichtlichen Subtext einzuschreiben. So sehr das Datum 1989/90 dazu verlockt, der Geschichte einen teleologischen Verlauf zu unterstellen, so wenig hat es einen solchen Subtext gegeben. Die Wiedervereinigung kam überraschend, und sie wurde in vieler Hinsicht quer zur bundesdeutschen "Identität" auf die politische Tagesordnung gesetzt.

Zweitens muss die Geschichtsschreibung der Versuchung widerstehen, die Meistererzählung von der "Erfolgsgeschichte" fortzuschreiben. Allzu schnell würde die deutsche Geschichte nach 1945 zu einer "Whig interpretation of history" mutieren, welche ihre Kriterien, Problemstellungen und Auswahlmechanismen der Perspektive des Jahres 1990 unterordnete. Eine solche Verkürzung trüge bald mythologischen Charakter. Die DDR würde historiographisch als ein von Beginn an dem Untergang geweihter Staat betrachtet und damit, im Sinne einer negativen Teleologie, aus der gemeinsamen Nachkriegsgeschichte ausgemeindet. Aufgabe der Geschichtswissenschaft sollte es sein, die bundesrepublikanische Meistererzählung ebenso wie die negative Teleologie der DDR zu dekonstruieren, ihre Elemente zu sichten und in den historischen Kontext zu stellen.[8]

Eine dritte Versuchung, der die deutsche Zeitgeschichte widerstehen sollte, liegt in dem Anspruch selbst begründet, eine gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte zu entfalten. Denn eine solche Geschichte ist nicht ohne Weiteres verfügbar. Bei nüchterner historischer Betrachtung stehen ihr zu viele sperrige Elemente sowie widersprüchliche und inkompatible Entwicklungen entgegen. Leicht geriete daher der Anspruch auf Gemeinsamkeit in die Gefahr, ein Übermaß an Einheitlichkeit zu konstruieren und die deutsche Geschichte nach 1945 einer neuen sinnstiftenden Meta- oder "Meistererzählung" unterzuordnen.

In dem Maße aber, in dem die Geschichtswissenschaft den teleologischen Verlockungen des Jahres 1989/90 ebenso wie dem Postulat der Einheitlichkeit widersteht, wird sie offen für neue Gegenstände aus eigenem Recht. Die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass die Geschichte der DDR einer "Verinselung" anheim fällt, und zugleich kann sie von den transnationalen Chancen einer "Europäisierung" der Zeitgeschichte profitieren.[9] Eine entteleologisierte deutsche Zeitgeschichte vermag daher nach weniger offenkundigen, aber vielleicht hoch wirksamen Kräften deutsch-deutscher Vergemeinschaftung zu fahnden. Ins Blickfeld sollte ein gemeinsamer Erfahrungs- und auch Handlungsraum rücken, der beide deutschen Staaten, Gesellschaften und Kulturen umfasst, die Chance bietet, den Panzer des Systemgegensatzes aufzubrechen, und sich nicht in einer bloßen Parallelgeschichte erschöpft. Eine moderne deutsche Nachkriegsgeschichte wird den sterilen, in den 1970er Jahren modischen "Systemvergleich" hinter sich lassen, zugleich aber auch den politisch-ideologischen Systemgegensatz zumindest nicht so weit überpointieren, dass er den Blick auf den gemeinsamen Erfahrungsraum verstellt.

Tragfähig scheint das von Christoph Kleßmann vorgeschlagene Konzept einer "asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte" zu sein, zumindest solange, wie die dezidiert trennenden und inkommensurablen Elemente im deutsch-deutschen Verhältnis nicht unter den Tisch fallen.[10] Aus dem Katalog der von Kleßmann in die Diskussion gebrachten sechs "Leitlinien einer integrierten Nachkriegsgeschichte" bietet sich im Besonderen das Stichwort "Problemlagen fortgeschrittener Industriegesellschaften" zur Ausdifferenzierung an.[11] Hieran anknüpfend, aber auch modifizierend, seien beispielhaft drei mögliche Untersuchungsfelder genannt, in denen der oben genannte gemeinsame Erfahrungsraum konstituiert werden könnte.

Fußnoten

8.
Anregungen bei: Andreas Rödder, Das "Modell Deutschland" zwischen Erfolgsgeschichte und Verfallsdiagnose, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ), 54 (2006), S. 345 - 363.
9.
Vgl. Thomas Lindenberger/Martin Sabrow, Zwischen Verinselung und Europäisierung: Die Zukunft der DDR-Geschichte, in: Deutschland Archiv (DA), 37 (2004) 1, S. 123 - 127. Vgl. auch: Henrik Bispinck u.a., Die Zukunft der DDR-Geschichte. Potentiale und Probleme zeithistorischer Forschung, in: VfZ, 53 (2005), S. 547 - 570; Ulrich Mählert/Manfred Wilke, Die DDR-Forschung - ein Auslaufmodell? Die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur seit 1989, in: DA, 37 (2004) 3, S. 465 - 474.
10.
Vgl. Christoph Kleßmann, Konturen einer integrierten Nachkriegsgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2005) 18 - 19, S. 3 - 11, sowie ders., Spaltung und Verflechtung - Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990, in: ders./P. Lautzas (Anm. 1), S. 20 - 37. Vgl. auch die Einleitung der Herausgeber in: Arnd Bauerkämper/Martin Sabrow/Bernd Stöver (Hrsg.), Doppelte Zeitgeschichte. Deutsch-deutsche Beziehungen 1945 - 1990, Bonn 1998, S. 12 - 15. Zur Kritik siehe Hermann Wentker, Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945, in: APuZ, (2005) 1 - 2, S. 10 - 17.
11.
Ch. Kleßmann, Konturen (Anm. 10) u. Spaltung (ebd.). Die weiteren "Leitlinien": "Chance zum Neubeginn", "Blockbildung und innere Folgen", "Eigendynamik der beiden Staaten", "Abgrenzung und asymmetrische Verflechtung" sowie "Erosionserscheinungen".