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4.1.2007 | Von:
Andreas Wirsching

Für eine pragmatische Zeitgeschichtsforschung

Strukturwandel, Arbeitsgesellschaft und Sozialpolitik

Weltwirtschaftlich vollzog sich im Verlauf der 1970er und 1980er Jahre der forcierte Strukturwandel vom Industriezeitalter in das Zeitalter der Neuen Technologien und der Dienstleistungsgesellschaft. Die Wucht dieses Wandels traf beide deutschen Staaten; aber je länger desto mehr zeigte sich, dass die Zentralverwaltungswirtschaften des Ostblocks diesen Wandel nicht zu bewältigen vermochten. Die Sowjetunion und ihr Imperium waren zwar in der Lage, den schwerindustriellen Zyklus mitzumachen und auch im Bereich der Atomenergie den Anschluss an den Westen zu halten. Mit dem weltweiten Krisenzyklus und dem Niedergang der Schwerindustrie verschärften sich die systemimmanenten Schwächen der Planwirtschaft auf dramatische Weise. Industrieproduktion, Arbeitsproduktivität und Einkommen gerieten in eine lähmende Wachstumshemmung. Innovative Impulse fehlten. Gegenüber dem Westen, der den Übergang zur "postindustriellen" Gesellschaft forcierte, verlor der Ostblock definitiv den Anschluss.[12]

Eine Strukturgeschichte der internationalen Beziehungen wird hier wesentliche Antriebskräfte für das Ende des Kalten Krieges erblicken. Zugleich griffe es freilich zu kurz, im Sinne der oben zurückgewiesenen Teleologie einfach die ökonomische Überlegenheit des Westens zu konstatieren. Tatsächlich zog der Strukturwandel auch hier ausgesprochen schmerzhafte Anpassungsprozesse nach sich, die im Falle der deutschen Zeitgeschichte die vergleichende Perspektive erheischen.[13] Forschungsstrategisch heißt dies, dass Themen wie die westliche "Krise der Arbeitsgesellschaft" und die "verdeckte" Arbeitslosigkeit in der DDR zum Ausgangspunkt vergleichender Problemstellungen erhoben werden sollten. Ebenso lässt sich nach dem Fortwirken "industrieller" Mentalitäten fragen, die den Strukturwandel möglicherweise behinderten. Zu denken wäre auch an den zeitversetzten Vergleich von Regionen mit beschleunigter Entindustrialisierung wie dem Ruhrgebiet während der 1970er und 1980er und ausgewählten Industriegebieten in den neuen Bundesländern wie etwa dem mitteldeutschen Chemiedreieck während der 1990er Jahre.[14]

Schließlich sollte die auffällige Intensität diskutiert werden, mit der beide Staaten nach Legitimation durch Sozialpolitik strebten. Zu fragen wäre in diesem Kontext nach den gemeinsamen Wurzeln deutscher Sozialstaatlichkeit, aus denen nach 1945 zwar systemspezifisch höchst differente, faktisch aber parallele Politiken und Legitimationsmuster erwuchsen. Das Problem, inwieweit hier in beiden deutschen Staaten ältere "Pfadabhängigkeiten" zur Geltung kamen, verweist auch auf die Geschichte des wiedervereinigten Deutschland, in dem ja die sozialstaatliche Legitimität im Hinblick auf die krisenhafte Integration der neuen Bundesländer eine entscheidende Rolle spielt.[15]

Fußnoten

12.
Vgl. David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind, Berlin 1999, S. 497 - 501; Charles S. Maier, Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus, Frankfurt/M. 1999, S. 172ff.
13.
Vgl. H. Wentker (Anm. 10), S. 15f.
14.
Vgl. Dierk Hoffmann, Leistungsprinzip und Versorgungsprinzip: Widersprüche der DDR-Arbeitsgesellschaft, in: ders./Michael Schwartz (Hrsg.), Sozialstaatlichkeit in der DDR. Sozialpolitische Entwicklungen im Spannungsfeld von Diktatur und Gesellschaft 1945/49 - 1989, München 2005, S. 90 - 113.
15.
Vgl. Andreas Wirsching, Politische Generationen, Konsumgesellschaft, Sozialpolitik. Zur Erfahrung vonDemokratie und Diktatur in Zwischenkriegszeit undNachkriegszeit, in: Anselm Doering-Manteuffel (Hrsg.), Strukturmerkmale der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2006, S. 43 - 64, hier S. 59 - 63; Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Drei Wege deutscher Sozialstaatlichkeit. NS-Diktatur, Bundesrepublik und DDR im Vergleich, München 1998; Gerhard A. Ritter, Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaates, München 2006.