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4.1.2007 | Von:
Katrin Hammerstein

Deutsche Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus

Antifaschistische Helden und dämonischer (Ver-)Führer

Durch eine als Erlösungs- und Siegergeschichte formulierte Widerstandserzählung verwahrte sich die DDR gegen jegliche Schuld am Nationalsozialismus. Im parteioffiziellen Geschichtsbild wurde die Kriegsniederlage in einen Sieg umgedeutet, den der antifaschistische Widerstand an der Seite der "ruhmreichen Roten Armee" über das faschistische Regime errungen habe. Gleichsam die Krönung des opfervoll und heroisch geführten Befreiungskampfes und damit eine Art Erlösung bildete die ostdeutsche Staatsgründung. Mit dem Gründungsmythos des Antifaschismus konnte sich die DDR als neuer Staat ohne Kontinuität zum "Dritten Reich" und damit - in Abgrenzung zur Bundesrepublik - als "das bessere Deutschland" definieren.[6] Der Verweis auf die Traditionen des antifaschistischen Widerstandskampfes hatte einen wahren Kern, insofern ein Großteil der Führungselite des neuen Systems tatsächlich dem Widerstand während der NS-Zeit angehört hatte oder im Exil gewesen war. Diese Erfahrung wurde nun auf die DDR übertragen, deren Bürger nicht nur zu Märtyrern und Helden, sondern zu "Siegern der Geschichte" avancierten.

Derart selektiv konnte die Bundesrepublik das nationalsozialistische Erbe nicht antreten.[7] Als Rechtsnachfolgerin des Reiches musste sie die Verantwortung für den Nationalsozialismus übernehmen. Allerdings wurde diese zugleich - ironischerweise dem "Führerprinzip" des "Dritten Reiches" entsprechend - auf die NS-Führungselite reduziert. So ließ beispielsweise Bundesinnenminister Gerhard Schröder 1958 anlässlich des Gedenkens an das Attentat vom 20. Juli 1944 verlauten, für Verderbnis im totalitären Staat seien nicht die Millionenmassen, sondern die Inhaber der Macht verantwortlich; die Deutschen seien von einer verbrecherischen Führung in eine ausweglose Katastrophe gestürzt worden.[8] Adolf Hitler wurde mystifiziert und zum "Dämon" satanisiert, wie überhaupt das "Dritte Reich" als Ganzes diabolisiert wurde und als "oktroyiertes wahnwitziges Abenteuer"[9] erschien. Sehr plastisch wird die Deutung des Nationalsozialismus sowie des Zweiten Weltkrieges als "Wahnsinn des Führers", unter dem das Volk zu leiden hatte, in einer Karikatur der "Hamburger Volkszeitung" von 1947 illustriert, die Hitler als Nero in Toga und mit einer Hakenkreuz-Lyra vor der brennenden Stadt zeigt.[10]

Auch das Geschichtsbild der DDR reduzierte und externalisierte die Verantwortung, wenn auch ideologisch bedingt mit anderer Akzentuierung. Der von Alexander Abusch 1946 konstatierte "Irrweg einer Nation" wandelte sich bald in einen "Irrweg der herrschenden Klassen"[11], die die - gegenüber dem Faschismus stets resistent gebliebene - Arbeiterklasse unterdrückt hätten. Indem für den Nationalsozialismus in erster Linie das "Finanz- und Monopolkapital" verantwortlich gemacht wurde, konnte nicht nur die breite Bevölkerung in einer Art "Kollektivamnestie"[12] von Schuld freigesprochen werden, sondern auch die DDR, die diese Besitzklassen enteignet und so aus ihrer Sicht ein Wiederaufleben des Faschismus unmöglich gemacht hatte. Hitler als Handlanger der Monopolkapitalisten spielte in dieser Deutung eine geringere Rolle, weshalb sich auch keine vergleichbare Dämonisierung wie in der Bundesrepublik findet.

Die Frage nach der Verstrickung der breiten Bevölkerung in das NS-System wurde ausgeklammert, zumal deren Mitwirkung beim "sozialistischen Aufbau" im Osten bzw. bei Demokratie und "Wirtschaftswunder" im Westen notwendig war. So äußerte Walter Ulbricht 1948: "Wir müssen an die ganze Masse der Werktätigen appellieren, auch an die nominellen Nazis, an die Masse der technischen Intelligenz, die Nazis waren. Wir werden ihnen offen sagen: Wir wissen, dass Ihr Nazis ward [sic!], wir werden aber nicht weiter darüber sprechen; es kommt auf Euch an, ehrlich mit uns mitzuarbeiten."[13] Ähnlich die Regierungserklärung Konrad Adenauers von 1949, in der er ebenfalls für ein Beschweigen der Vergangenheit plädierte: "(I)m übrigen dürften wir nicht mehr zwei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden: die politisch Einwandfreien und die Nichteinwandfreien. Diese Unterscheidung muß baldigst verschwinden. (...) (W)o es (...) vertretbar erscheint, (gilt es,) Vergangenes vergangen sein zu lassen, in der Überzeugung, daß viele für nicht schwerwiegende Schuld gebüßt haben."[14]

Zugespitzt formuliert maßen Ost und West der Loyalität gegenüber der neuen politischen Ordnung höhere Bedeutung zu als der deutlichen Absage an den Nationalsozialismus und machten die Bevölkerung quasi zu neuen "Mitläufern". Besonders explizit wird das für die DDR in einer geradezu erpresserischen Äußerung Wilhelm Zaissers, des damaligen sächsischen Innenministers und späteren ersten Ministers für Staatssicherheit, von 1949: "Wir verlangen nicht den negativen Nachweis des Nichtbelastetseins, des Neutralseins, sondern den positiven Nachweis des Mitmachens (im neuen System)."[15]

Fußnoten

6.
Vgl. Christiane Brenner, Verordnete Vergangenheitsbewältigung: Nationalsozialismus und antifaschistisches Traditionsverständnis im Geschichtsbild der DDR, in: Bohemia, 34 (1993), S. 279-294, hier S. 288; Jürgen Danyel, Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage in der DDR, in: ders. (Anm. 2), S. 31-46.
7.
Vgl. Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, S. 54-56.
8.
Vgl. Gerhard Schröder, Rede zum 20. Juli 1958, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, 22.7. 1958, Nr. 130, S. 1381.
9.
Der Tagesspiegel vom 8.5. 1955, zit. nach Peter Hurrelbrink, Der 8. Mai 1945 - Befreiung durch Erinnerung. Ein Gedenktag und seine Bedeutung für das politisch-kulturelle Selbstverständnis in Deutschland, Bonn 2005, S. 86.
10.
Hamburger Volkszeitung vom 24.7. 1947, abgedruckt bei Malte Thießen, Das Gedächtnis der Stadt. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 bis 2005, Diss. ms., Hamburg 2006, S. 141.
11.
Agnes Blänsdorf, Die Einordnung der NS-Zeit in das Bild der eigenen Geschichte. Österreich, die DDR und die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, in:Werner Bergmann/Rainer Erb/Albert Lichtblau (Hrsg.), Schwieriges Erbe. Der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt-New York 1995, S. 18-45, Zitat S. 28; Alexander Abusch, Der Irrweg einer Nation. Ein Beitrag zum Verständnis deutscher Geschichte, Berlin 1946.
12.
Herfried Münkler, Antifaschismus als Gründungsmythos der DDR. Abgrenzungsinstrument nach Westen und Herrschaftsmittel nach innen, in: Manfred Agethen/Eckhard Jesse/Ehrhart Neubert (Hrsg.), Der missbrauchte Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken, Freiburg 2002, S. 79-99, Zitat S. 87.
13.
Walter Ulbricht auf einer Innenministerkonferenz 1948, zit. nach Karin Hartewig, Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, Köln-Weimar-Wien 2000, S. 259.
14.
Konrad Adenauer, Regierungserklärung, 20.9. 1949, in: Klaus Stüwe (Hrsg.), Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schröder, Opladen 2002, S. 35-47, Zitat S. 42f.
15.
Zit. nach P. Hurrelbrink (Anm. 9), S. 99.