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4.1.2007 | Von:
Katrin Hammerstein

Deutsche Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus

Opferkonkurrenz

Die Tabuisierung individueller Verantwortung begünstigte die Ausprägung von Opfermentalitäten, die eine moralische Entlastung von der Vergangenheit ermöglichten. Statt aus der historisch gebotenen Täterperspektive erfolgte die Einordnung des Nationalsozialismus in die Geschichtsbilder in beiden Staaten in einer Art Selbstviktimisierung, um die Erfahrungen und Befindlichkeiten weiter Teile der Bevölkerung in die entschiedene Abkehr vom Nationalsozialismus integrieren zu können und so ein Identifikationsangebot zu schaffen.

Anstelle der Opfer der Deutschen rückten die Deutschen als Opfer in den Mittelpunkt der Wahrnehmung im Westen. Damit wurde "(e)iner der machtvollsten integrativen Mythen der fünfziger Jahre"[16] geschaffen. Die Bevölkerung empfand sich als Opfer des Krieges, den Hitler den Deutschen aufgezwungen hatte - insbesondere galt Stalingrad als "Opfergang"[17] -, als Opfer der Alliierten während des Krieges und danach, als Opfer von Flucht und Vertreibung oder eben des Nationalsozialismus überhaupt. Die ehemaligen NS-Anhänger avancierten zu "politisch Verführten"[18] und standen als "erste Opfer Hitlers" in der Opferhierarchie mindestens auf gleicher Stufe mit den tatsächlich in der NS-Zeit Verfolgten. Noch 1965 äußerte Bundespräsident Heinrich Lübke: "Die Zahl der deutschen Opfer (...) übersteigt die Zahl der Henker um ein Vielfaches. Die Leiden und der Tod dieser unserer Landsleute (...) verbinden unser Volk in Leid und Schmerz auch mit den sechs Millionen deutscher und ausländischer Juden."[19]

Gewissermaßen wurden die "Märtyrer des 20. Juli" das westdeutsche Pendant zu den antifaschistischen Helden der DDR. Wenn diese auch für das Geschichtsbild der Bundesrepublik vergleichsweise geringere Bedeutung hatten als der kommunistische Widerstand für das ostdeutsche, wurde von staatlicher Seite dennoch ein "politische(r) Kult um den 20.Juli"[20] betrieben, galt er doch als Beleg für ein "anderes" und damit zukunftsfähiges Deutschland. Seine Implementierung als positives Bezugsereignis aus der NS-Zeit ist allerdings eine Erfindung "von oben". Denn bei weiten Teilen der Bevölkerung galten die "Männer des 20. Juli" lange Zeit als "Vaterlandsverräter". Der Jahrestag wurde überdies gegen das ostdeutsche System instrumentalisiert, indem z.B. das Gedenken mit der Erinnerung an die Opfer des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 verbunden wurde: "Das Schicksal schien 1944 gegen die Männer und Frauen des anderen Deutschland` im Dritten Reich, genauso wie gegen die Männer und Frauen des 17. Juni entschieden zu haben. In Wirklichkeit aber ist uns diese Einmütigkeit im Handeln und Sterben für Freiheit und Recht zum Vorbild geworden, auf das unser ganzes Volk stolz sein sollte und aus dem es Kraft schöpfen darf zu einer Zeit, in der Freiheit und Recht in einem Teil unseres Vaterlandes noch immer mißachtet werden."[21]

Aufgrund der Narration des Befreiungskampfes gegen den Nationalsozialismus hat die Viktimisierung der Bevölkerung in der DDR eine weniger passive Qualität als die westdeutsche. Dennoch lässt sich auch hier eine Hierarchisierung der "Opfer des Faschismus" feststellen, in der die idealisierten antifaschistischen Widerstandskämpfer - pars pro toto Ernst Thälmann als heldenhafte Ikone - an erster Stelle standen. Wesentliche Elemente der nationalsozialistischen Realität wie die rassistische und antisemitische Dimension blieben weitgehend unberücksichtigt.

Die Selbstviktimisierung ließ die Grenzen zwischen Tätern und Opfern in beiden deutschen Staaten verschwimmen, was eine Relativierung bzw. Ausblendung des verbrecherischen Charakters des Nationalsozialismus, des Massenkonsenses mit ihm sowie ganzer Opfergruppen zur Folge hatte. Im Blick auf die selektive Wahrnehmung der NS-Opfer gibt es wiederum wechselseitige Entsprechungen: Während die jüdischen und andere nicht-kommunistische Verfolgte in Ostdeutschland zu "Opfern zweiter Klasse" degradiert wurden, wurden in Westdeutschland die sozialistischen und kommunistischen Verfolgten lange marginalisiert. Der Holocaust, heute essentieller Bestandteil der nationalen Erinnerung an die NS-Zeit und auch eines sich entwickelnden europäischen oder globalen Gedächtnisses, bildete zunächst eine Leerstelle in den Geschichtsbildern vom Nationalsozialismus; ebenso gilt dies für andere Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, "Euthanasie"-Opfer, Zeugen Jehovas, "Asoziale", Kriminelle oder Zwangsarbeiter. Bestimmte Opfergruppen wurden somit nicht nur Opfer der NS-Verfolgung, sondern in gewisser Weise auch der Geschichtskonstruktionen nach 1945.

Angesichts der in jüngster Zeit verstärkten Thematisierung der Deutschen als Opfer kann der Eindruck kreisförmiger Bewegungen von Geschichtsperzeptionen entstehen.[22] Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die Diskussion heute unter anderen Bedingungen stattfindet, z.B. im Rahmen einer Generationenverschiebung, die einen unbefangeneren Umgang mit dem Thema erlaubt. Dennoch birgt dies stets die Gefahr der Relativierung in sich, wie beispielsweise die Beanspruchung des Status als Opfer eines Völkermords durch die Sudetendeutschen bei ihrer Gedenkfeier im Jahr 2006 zeigte. Der Begriff des Genozids wird vergesellschaftet, vergleichbar dem Begriff des Holocaust.[23]

Fußnoten

16.
Robert G. Moeller, Deutsche Opfer, Opfer der Deutschen. Kriegsgefangene, Vertriebene, NS-Verfolgte: Opferausgleich als Identitätspolitik, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 29-58, Zitat S. 33.
17.
Vgl. Norbert Frei, 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005, S. 97-99.
18.
Ders., Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996, S. 405.
19.
Heinrich Lübke, Rede zum 20. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen, 25.4. 1965, zit. nach P.Reichel (Anm. 5), S. 158.
20.
Jürgen Danyel, Der 20. Juli, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, München 2001, S. 220-237, Zitat S. 233.
21.
Gerhard Schröder, Rede zum 20. Juli 1954, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes, 20.7. 1954, Nr. 132, S. 1191f., Zitat S. 1191.
22.
Insbesondere findet sich diese Tendenz in Dokumentar- und Spielfilminszenierungen wie "Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer" (2001), "Die Kinder der Flucht (2006)", "Der Untergang" (2004), "Dresden" (2006). Vgl. auch Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, München 2002.
23.
Vgl. Henryk M. Broder, Der Holocaustneid. Die Sudetendeutschen wollen auch Opfer eines Völkermordes sein, in: Der Tagesspiegel vom 31.5. 2006.