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4.1.2007 | Von:
Katrin Hammerstein

Deutsche Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus

Ideologien

Die Formulierung der Geschichtsbilder in Ost- und Westdeutschland erfolgte von dem identischen Ausgangspunkt als Nachfolgestaaten des "Dritten Reiches". Die Rahmenbedingungen wiesen allerdings deutliche Unterschiede auf, vor allem im Blick auf die politischen Vorzeichen. So wurden verschiedene Wege eingeschlagen, wobei dem ideologischen Faktor und damit der spezifischen Wahrnehmung der Gegenwart zentrale Bedeutung zukam. Während die Deutung des Nationalsozialismus in der DDR im Rahmen des Antifaschismus erfolgte, lag der Interpretation in der Bundesrepublik der Antitotalitarismus zugrunde.

Mit dem "verordneten Antifaschismus" (Ralph Giordano) wurde Hitler "gleichsam zum Westdeutschen"[24]. Denn die im Osten gültige Definition des Faschismus als Folge von Kapitalismus und Imperialismus erlaubte, die Bundesrepublik als "kapitalistisch-imperialistischen Staat" in Kontinuität zum NS-Regime zu stellen und ihr damit die Last der NS-Vergangenheit zuzuweisen, während in der DDR aufgrund der "antifaschistisch-demokratischen Umwälzung" der Faschismus mit seinen Wurzeln ausgerottet sei.[25] Die westdeutsche Politik wurde als Fortsetzung bzw. Neuauflage des Nationalsozialismus diffamiert. Prominente Beispiele sind die so genannten "Braunbücher" und die Kampagnen gegen Mitglieder der Bundesregierung, die diese als ehemalige NS-Funktionäre entlarven sollte. Es ging immer weniger um die Einordnung des Nationalsozialismus in die Geschichte oder gar eine Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit, sondern um dessen Instrumentalisierung als propagandistische Ressource.

Der ebenfalls "verordnete" Antitotalitarismus in der Bundesrepublik - die NS-Zeit war in den Schulen z.B. im Rahmen der Totalitarismustheorie zu unterrichten[26] - setzte Nationalsozialismus und Kommunismus als totalitäre Diktaturen gleich und verurteilte Letzteren als noch fortdauernde Form des Totalitarismus. So konnte auch die Bundesrepublik den anderen Staat, in dem sich, so Bundespräsident Theodor Heuss bei der Einweihung der Gedenkstätte Bergen-Belsen 1952, "nur die Embleme (...) gewandelt"[27] hätten, als Fortexistenz des "Dritten Reiches" definieren und sich selbst entlasten. Insofern der Antikommunismus bereits Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie war, war zudem eine Art positive, "antitotalitär gefilterte"[28] Bezugnahme auf die NS-Zeit möglich, die überdies ein konsensstiftendes Moment hatte.[29] Der von M. Rainer Lepsius für die DDR konstatierten Universalisierung des Nationalsozialismus über den Antifaschismus steht also eine Universalisierung des Nationalsozialismus über den Antitotalitarismus auf Seiten der Bundesrepublik spiegelbildlich gegenüber.[30]

Der die Formulierung der Geschichtsbilder begleitende Ost-West-Konflikt hatte eine eingeschränkte, der Systemlogik entsprechende Perspektive beiderseits des Eisernen Vorhangs zur Folge. Während Westdeutschland die Verstrickung von Wirtschaftsunternehmen sowie den kommunistischen Widerstand kaum berücksichtigte, führte die Betonung und Überhöhung eben dieser Elemente im Osten auch dort zu einer verzerrten Sichtweise. Beide Staaten vereinnahmten in ihren Interpretationsmustern das "Dritte Reich", um sich voneinander abzugrenzen, indem sie die Fortdauer des Faschismus respektive der totalitären Strukturen im jeweils anderen Staat hervorhoben. Die Teilung Deutschlands schien so eine Analogie in der Teilung in ein "Land der Schuldigen" und eines der "Unschuldigen" aufzuweisen. Die Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit im Systemkonflikt machte diese zum Terrain einer "Stellvertreter-Konfrontation" im Kalten Krieg.

Fußnoten

24.
Peter Bender, Deutsche Parallelen. Anmerkungen zu einer gemeinsamen Geschichte zweier getrennter Staaten, Berlin 1989, S. 48.
25.
So auf dem III. SED-Parteitag; vgl. Die gegenwärtige Lage und die Aufgaben der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Dokumente der SED, Bd. 3, Berlin 1952, S. 97.
26.
So die Richtlinien für die Behandlung des Totalitarismus der Kultusministerkonferenz von 1962; vgl. E. Wolfrum (Anm. 7), S. 196.
27.
Theodor Heuss, Rede am 30.11. 1952, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes, Nr. 189, 2.12. 1952, S. 1655f.
28.
Helmut Dubiel, Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundestages, München-Wien 1999, S. 177.
29.
Vgl. C. Classen (Anm. 3), S. 110. Rainer Gries bewertet den Antikommunismus als stärkstes integrierendes Propagem für die Bundesrepublik, vgl. ders., Mythen des Anfangs, in: APuZ, (2005) 18-19, S. 12-18, hier S. 17.
30.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des "Großdeutschen Reiches", in: ders., Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 229-245, hier S. 232.