30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

4.1.2007 | Von:
Katrin Hammerstein

Deutsche Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus

Transformationen

Das westdeutsche Geschichtsbild entwickelte sich weit dynamischer als das ostdeutsche, was seine Ursachen in der pluralistischen Gesellschaft der Bundesrepublik hatte, aber auch in der aufgrund von Legitimationsdefiziten bestehenden Fixierung der DDR auf den Antifaschismus-Mythos und den negativen Referenzpunkt Westdeutschland. Während das Bild in der DDR weitgehend statisch blieb, durchlief es in der Bundesrepublik einen Transformationsprozess von der Externalisierung der Schuldfrage in der frühen Nachkriegszeit zur allmählichen Internalisierung der Erinnerung an den Holocaust, seit den 1980er Jahren als zentraler historischer Bezugspunkt des nationalen Gedächtnisses. Und doch lassen sich Parallelen festhalten. So beachteten beide Staaten seit den 1960er Jahren zunehmend Bereiche der deutschen Geschichte, die sie zuvor dem anderen Staat überlassen hatten,[31] und konkurrierten z. T. um dieselben Ereignisse, wie die immer positivere Besetzung und Beanspruchung Stauffenbergs und des "20. Juli" als Traditionsbestand durch die DDR zeigt. Man kann folglich von - wenn auch unterschiedlich ausgeprägten - Neucodierungen und Ausdifferenzierungen der Geschichtsbilder in West und Ost sprechen.

Besonders in den 1980er Jahren machten sich in der DDR Modifizierungen in der Wahrnehmung der NS-Zeit bemerkbar, vor allem mit Blick auf die jüdischen Opfer. Neben der allgemeinen Öffnung des Geschichtsbildes im Rahmen des "Erbe und Tradition"-Konzepts und taktischen Erwägungen, die auf eine Intensivierung der Beziehungen zu den USA zielten, spielte dabei auch die zunehmende Schwächung der SED-Herrschaft und der damit einhergehende Kontrollverlust über das Geschichtsbild eine Rolle.[32] Über Rundfunk und Fernsehen sowie oppositionelle Gruppen, insbesondere im Bereich der Kirchen, die gemeinsam mit den westlichen Institutionen das christlich-jüdische Verhältnis eindringlich diskutierten,[33] schlich sich der von einem intensiven Gedenken geprägte bundesrepublikanische Gedächtnisdiskurs gleichsam in die DDR ein. Diesem Erinnerungstransfer konnte die SED-Führung nur mit der Etablierung eigenen Gedenkens etwas entgegensetzen; letztlich konnte sie sich ihm nicht entziehen.[34]

Fußnoten

31.
Vgl. Wilhelm Bleek, The Competition over German History between the two German States, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 19 (1990), S. 209-232.
32.
Vgl. C. Classen (Anm. 3), S. 121; M. Sabrow (Anm. 3), S. 137-139.
33.
Vgl. Harald Schmid, Antifaschismus und Judenverfolgung. Die "Reichskristallnacht" als politischer Gedenktag in der DDR, Göttingen 2004, S. 116f.
34.
In gewisser Analogie dazu existiert die strittige These, mit der Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985 habe sich das "Geschichtsbewußtsein der BRD ausnahmsweise einmal an das der DDR angeglichen"; Aleida Assmann/Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, S. 302, Anm. 102.